"Offene Landschaft" auf dem Rückzug? (Foto: Bobby Andström/Scanpix)
NATURSCHUTZ

Strandschutz wird gelockert

Weite, unbebaute Strandwege, zugänglich für alle: Der Markenname Schweden baut nicht zuletzt auf dem Bild von dieser unberührten und offenen Landschaft entlang den Seen und der Küste auf. Ein Bild freilich, das schon jetzt nicht mehr ganz stimmig ist und das in Zukunft noch stärker mit der Realität kollidieren dürfte: Die Regierung plant nämlich eine Lockerung des so genannten Strandschutzes, der die Bebauung strandnaher Gebiete untersagt.

Eine Zone bis 100 Meter vom Strand oder Ufer entfernt ist tabu. So lautet das Gesetz zum Strandschutz bisher. In diesem Bereich darf nicht gebaut werden – weder Häuser noch beispielsweise Bootsstege, Park- oder Golfplätze – , man darf keine Maβnahmen ergreifen, die Flora und Fauna beeinträchtigen könnten, wie zum Beispiel Bäume fällen, graben oder düngen. Mitte der Fünfzigerjahre wurde dieses Gesetz verabschiedet, um die rasche Bebauung der Strandgebiete zu stoppen. Seither ist es ein ganz zentraler Teil schwedischer Naturschutzpolitik, getreu nicht zuletzt dem Motto, dass die Allgemeinheit so weit wie möglich das Recht haben soll, sich frei in der Natur zu bewegen. Ein Grundsatz, der unter dem Begriff „Allemansrätten“ – Jedermannsrecht – über Schwedens Grenzen hinaus Berühmtheit erlangt hat. Nach einem Gesetzesvorschlag der Regierung soll dieser Grundsatz nun nur noch mit Einschränkungen gelten.  

“Ich möchte die starre Hand wegschieben, die sich über die kleinen Gemeinden gelegt hat, wenn es um eine behutsame Bebauung der Küstengebiete geht“, so Umweltminister Andreas Carlgren im Schwedischen Rundfunk. „Gleichzeitig wollen wir in Gebieten, in denen es bisher allzu groβzügig zuging, strenger auf das Gesetz achten.“

Kommunen haben mehr zu sagen

In Kurzform laufen die geplanten Änderungen darauf hinaus, dass das Grundprinzip der unberührten 100 Meter zwar weiter gelten soll. Aber: Den Kommunen wird ein entschieden gröβeres Recht eingeräumt, selbst zu entscheiden, ob man dieses Grundprinzip beherzigen möchte oder nicht. Sinn der Maβnahme ist es vor allem, kleinen, wenig bevölkerten Gemeinden die Möglichkeit zu geben, Wohnhäuser und andere Einrichtungen in attraktiven Lagen zu bauen und damit neue Bewohner und Besucher zu locken.

Seitens der Kommunen hat man die geplanten Änderungen mit Freude aufgenommen. “Endlich, endlich bekommen wir die Möglichkeit, wohlüberlegt und mit Bedacht in Mellerud attraktive Wohnmöglichkeiten zu erschlieβen“, so Robert Svensson, Kommunalpolitiker in Mellerud, einer südwestschwedischen Gemeinde mit rund 10.000 Einwohnern. „Und endlich können wir die Tourismusindustrie ordentlich ausbauen, die ja ein wichtiger Teil unserer Industrie insgesamt ist. Ich bin sehr zufrieden.“

Viele kleine Gemeinden sehen den neuen Möglichkeiten also mit groβen Erwartungen und insbesondere der Hoffnung auf neue Finanzquellen entgegen. Was wird schwerer schwiegen – die Aussicht auf satte Einnahmen oder die Rücksicht auf die Bewegungsfreiheit der Mitbürger in der Natur? Für die Gegner des Gesetzesvorschlags liegt die Antwort auf der Hand.

”Gelinde Katastrophe”

Mikael Karlsson, Vorsitzender des Naturschutzvereins, schlägt Alarm: “Ich sehe das als eine gelinde Katastrophe. Das neue Gesetz hebelt das Jedermannsrecht aus. Und es verstärkt die Gefahren für Pflanzen und Tiere, die schon jetzt in unserem Land vom Aussterben bedroht sind. Alarmierend finde ich vor allem, dass es nun leichter wird, auch an den Stränden in der Nähe von Ballungsgebieten zu bauen, wo der Druck seit langem viel zu groβ ist.“

Genau letzteres soll laut Umweltminister Andreas Carlgren aber nicht passieren. Besonders sensible Landschaften, die in der Nähe von Städten liegen und daher besonders groβen Gefahren der Überexponierung ausgesetzt werden, sollen besonders geschützt werden. Der Stockholmer Schärengarten und das westschwedische Bohuslän gehören zu den Gebieten, die der Umweltminister da besonders vor Augen hat.

“Im Gesetzestext wird zum einen ganz deutlich stehen, welche Möglichkeiten es gibt, Ausnahmen zu machen. Zum anderen bekommen die Provinzialregierungen gröβere Möglichkeiten, kommunale Beschlüsse dahingehend zu prüfen, dass sie dem Grundsatz des Gesetzes nicht zuwiderlaufen.“

Gefahr für Stockholmer Schären

Doch dies seien schöne Worte mit wenig Inhalt, fürchtet man beim Naturschutzverein. Auch die oppositionellen Sozialdemokraten geben laut ihrem umweltpolitischen Sprecher Anders Ygeman nicht viel auf die Beteuerungen des Umweltministers, sondern gehen davon aus, dass just Gebiete wie die Stockholmer Schären künftig für die Allgemeinheit weniger zugänglich werden. Wer in den attraktivsten Schärengebieten unterwegs ist, dem entgeht freilich schon jetzt nicht die ansehnliche Zahl von Schildern, die mehr oder weniger dezent auf Privatbesitz verweisen, die teilweise den Zugang zu attraktiven Ufern versperren. Wer das schwedische Jedermannsrecht nach Herzenslust ausnutzen will, wird sich möglicherweise beeilen müssen.

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