Aufarbeitung

Nachkriegszeit belastet immer noch schwedisch-deutsches Verhältnis

„Schweden assoziieren Deutschland immer noch mit Nationalsozialismus”
4:15 min

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fand die über Jahrhunderte gewachsene enge Bindung zwischen Schweden und Deutschland ein abruptes Ende. Mit der radikalen Abgrenzung zum Nationalsozialismus erfolgte auch eine Abkehr von allen deutschen Inhalten des politisch kulturellen Lebens in Schweden. Das behauptet der Historiker Johan Östling von der Universität Lund, der sich mit dem schwedisch-deutschem Verhältnis seit Kriegsende beschäftigt. Die Brüche der Beziehung halten seiner Meinung nach bis heute an, und neue Anknüpfungspunkte sind nur schwer auszumachen.

Mit der deutschen Kapitulation im Mai 1945 endete die bis dahin enge Beziehung zwischen beiden Staaten. Dabei gab es auch in Schweden in den 30er und 40er Jahren durchaus Sympathisanten des Nationalsozialismus.

Für den Historiker Johan Östling ist dies der Ausgangspunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit. Im Schwedischen Rundfunk sagte er: „Was ist mit den Nazi-Sympathisanten in Schweden passiert? Wie ging man mit nationalsozialistischen Einflüssen und deren durchgreifenden Einfluss auf die Geschichte um, und was passierte nach Kriegsende? Vergaß man das alles oder hatte es Konsequenzen?“

Keine Aufarbeitung
In Schweden verlief der Übergang zur Nachkriegszeit relativ reibungslos und war gekennzeichnet durch Kontinuität. Aus schwedischer Sicht gab es keine Motivation für eine Aufarbeitung und tiefere Analyse des eigenen Verhaltens während der Zeit des deutschen Nationalsozialismus. Es bedurfte nicht dem Aufbau einer parlamentarischen Demokratie, es gab keine Verfassungsreform. Die Industrie und Infrastruktur war intakt. Sinnbild der Kontinuität war Ministerpräsident Per-Albin Hansson, der vor, während und nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Regierungsgeschäfte führte.

Die Aufarbeitung machte sich eher an Einzelpersonen fest, die der Kollaboration bezichtigt wurden. So wurde beispielsweise die Sängerin und Schauspielerin Zarah Leander, die 1936 einen Filmvertrag mit der Deutschen UFA unterschrieben hatte, bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatland Schweden 1943 zunächst mit einem Auftrittsverbot bis Ende der 1940er Jahre belegt.

Die Strategie in den Nachkriegsjahren war eine radikale Abkehr von all dem, was mit dem Nationalsozialismus assoziiert wurde, sagt Östling. So wurden militaristische und nationalistische Strömungen bekämpft und angelsächsische Werte der Modernität und Rationalität gefördert.

Lieber Englisch
Die Neuorientierung an den westlichen Demokratien zeigte sich 1946 nicht zuletzt daran, dass Englisch offiziell als erste Fremdsprache an den Schulen unterrichtet wurde.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war Deutsch erste Fremdsprache gewesen. Viele bedeutende Einflüsse wie zum Beispiel der Protestantismus, die Universitätsstruktur und große Bereiche der Naturwissenschaften und der Literatur kamen Ende des 18.- und zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus dem deutschsprachigen Raum: „Bis zum Ende des 2. Weltkriegs war Deutsch eine bedeutende Sprache. Anfang des 19. Jahrhunderts war Schweden eine deutsche 'Kulturprovinz'. Alle wichtigen Einflüsse kamen aus dem deutschsprachigen Raum“, erklärt Historiker Östling.

Er stellt fest, dass mit dem radikalen Strategiewechsel und der starken Orientierung an England und insbesondere den USA, die über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Identität ein Stückweit aufgegeben wurde. „Gleichzeitig verlor man einen Teil der deutschen Sprachkompetenz, den Kulturaustausch und man verlor den Kontakt zu einem wichtigen Teil der eigenen Herkunft und der eigenen Geschichte“.

Abgrenzen trotz Kennenlernen
Das Deutschlandbild vieler Schweden ist bis heute geprägt von der Abgrenzungspolitik der Nachkriegszeit. Daran ändern auch die vermehrten Reisen vieler Schweden nach Deutschland nichts. „Ich glaube, dass die spontane Assoziation vieler mit Deutschland nicht die Autobahn oder die Bundesliga ist, sondern Nationalismus, Hitler und der Holocaust.“

Bis heute haben die Beziehungen zwischen Schweden und Deutschland nicht die Qualität erreicht, die sie vor dem Zweiten Weltkrieg hatte, und Östling sieht auch zukünftig nur wenige Anhaltspunkte dafür, dass sich dieses Bild ändern wird. Die Beziehung werde nie mehr so sein, wie sie es vor dem Zweiten Weltkrieg war, resümiert Östling.

Tobias Hofsäss

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".