Hier arbeiten viele Freiwillige: Schwedisches Rotes Kreuz
EHRENAMT

Ehrenamt in Schweden populär

Unentgeltliches Helfen hat in Schweden Tradition. Mit seinen gut neun Millionen Einwohnern liegt das Land in Sachen Ehrenamt unter den Top Fünf weltweit. Jeder zweite Schwede geht einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach. Ohne den Einsatz dieser Menschen wäre das viel gerühmte schwedische Modell wohl nicht denkbar.

14 Stunden monatlich. So viel Zeit bringen die ehrenamtlich engagierten Schweden durchschnittlich für ihre Überzeugung auf - und für ihr eigenes Wohlbefinden. „Mir geht es gut, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin”, erzählt Gunnar Carlsson, dem die Aufträge regelrecht zufliegen. Nicht selten kann er auch Lokalpolitiker für die Interessen verschiedener Vereinigungen gewinnen. „Und dann ist es natürlich sehr schön, wenn man jemandem helfen konnte und man für diese Einsatz Anerkennung bekommt.”

Carl-Anders Ahlfeldt arrangiert seit 20 Jahren Konzerte in der Stockholmer Blues-Vereinigung. Abends sitzt er an der Kasse oder hilft, die Ausrüstung auf- und abzubauen. Einige Stunden pro Monat kommen da zusammen. „Zum einen interessiert mich die Blues-Musik, und dann ist es wie in allen anderen Vereinigungen auch: Die soziale Gemeinschaft ist wichtig, man trifft andere Blues-Fans und natürlich die Musiker.”

Auf die Jugendlichen zugehen

Dann ist da noch die Journalistin Hiba Daniel. Die 38-Jährige trifft sich jeden vierten Donnerstag mit ein paar Jugendlichen im Zentrum eines Stockholmer Vororts und plant mit ihnen die berufliche Zukunft. Manche der Jugendlichen haben befreundete Eltern geschickt, andere waren zunächst Wildfremde.

„Ich habe die seltsame Gabe, auf Jugendliche zuzugehen, die bei uns im Zentrum herumhängen, und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Klar, manche denken sich vielleicht: Was will die verwirrte Alte? Obwohl, so schrecklich sehe ich eigentlich nicht aus. Dann redet man zum Beispiel über die Schule und entwickelt so langsam einen guten Kontakt. Man kann sich dafür entscheiden wegzugucken oder ein, zwei Stunden zu investieren - und das lohnt sich am Ende immer. Gerade bei jungen Menschen sehe ich ein starkes Bedürfnis, von Erwachsenen Bestätigung zu bekommen. Sie wollen, dass die Erwachsen Grenzen setzen oder Nachfragen, ob man vielleicht helfen kann.”

Engagement fördert Wohlfahrtsstaat

Etwas Wichtiges tun, Einfluss nehmen, Teil eines sozialen Zusammenhanges sein - die Beweggründe für einen ehrenamtlichen Einsatz sind vielseitig. 200.000 Vereinigungen gibt es in Schweden, die Hälfte davon ist jünger als zehn Jahre, andere arbeiten schon seit etlichen Jahrzehnten. Die Vereinigungen zählen 32 Millionen Mitgliedschaften, bei neun Millionen Einwohnern heißt das, ein Einsatz zieht meist den anderen nach sich. Doch anders als man vermuten könnte, schadet dieses überdurchschnittliche Engagement der Bevölkerung dem schwedischen Wohlfahrtsstaat nicht oder droht ihn gar überflüssig zu machen, betont Göran Pettersson, Generaldirektor beim Ehrenamt-Forum, einem Dachverband für Freiwilligenorganisationen.

„Auch wenn wir vielleicht einen der stärksten Wohlfahrtsstaaten der Welt haben, so wäre dieser doch nie ohne einen starken ideellen Sektor zustande gekommen”, erklärt Göran Petterson. „Hier in Schweden haben das soziale Engagement und der Wunsch nach Teilhabe eine lange Tradition. Auch wenn wir große Verfechter des öffentlich finanzierten Wohlfahrtsstaates sind, so kann er doch nicht alles leisten. Keine Gesellschaft kann ehrenamtliche Arbeit mit öffentlichen Mitteln ersetzen. Wir brauchen beide Teile. Jemand hat mal gesagt: Jede zivilisierte und erfolgreiche Gesellschaft braucht eine starke Zivilgesellschaft.”

Einzelprojekt wichtiger als Mitgliedschaft

Nun geht laut Pettersson der Trend immer mehr zum punktuellen Einsatz unabhängig von der Organisation, die das Projekt leitet. Viele traditionelle Volksbewegungen wie das Rote Kreuz oder die Schwedische Kirche klagen deshalb auch über einen steten Rückgang der Mitgliedszahlen. Eine alteingesessene Organisation, die sich dagegen über regen Zulauf freut, ist die Abstinenzlerbewegung, IOGT (International Organisation of Good Templars), die trotz ihrer Wurzeln bei den Guttemplern heute vollkommen säkularisiert ist. Innerhalb von nur zwei Jahren warb IOGT 22.000 neue Mitglieder, darunter übrigens auch viele muslimische Einwanderer.

Trauriger Hintergrund des Aufschwungs der Abstinenzlerbewegung ist jedoch vor allem, dass mehr Schweden ernsthafte Probleme mit der Volksdroge Nr. 1 haben als gern zugegeben wird, erklärt die Vorsitzende der Vereinigung, Anna Carlstedt. Seit Schwedens EU-Beitritt 1994 ist der Alkoholkonsum um 20 Prozent gestiegen. In acht von zehn Misshandlungsfällen ist der Täter betrunken. Und eine Untersuchung des Volksgesundheitsinstituts zeigt, dass 400.000 Kinder in Familien aufwachsen, die aufgrund von Alkoholproblemen den Alltag nicht bewältigen.

„Ein früherer Sozialminister wagte einmal zu behaupten, in Schweden bekäme jedes Kind ein Essen auf den Tisch. Damit sollte man sehr vorsichtig sein”, sagt Anna Carlstedt von der Abstinenzlervereinigung. „Man muss ja nicht von verhungern sprechen, doch die Alkoholsucht von Eltern führt eben doch in vielen Fällen dazu, dass die Kinder auf sich gestellt sind. Zum Glück ist das Thema Alkohol inzwischen etwas enttabuisiert in Schweden. Nicht zuletzt unsere Organisation hat stets gesagt, dass Alkoholismus eine sehr demokratische Krankheit ist, die vor keiner Gesellschaftsschicht halt macht.”

”Keine potenzielle Sparmaßnahme”

Die Vereinigung IOGT gehört zu den einflussreichen in Schweden, deren Aussagen durchaus auch bei Lokal- und Reichstagspolitikern Gehör finden. Traditionell haben die Freiwilligenorganisationen stets auf Missstände und Mängel beim Wohlfahrtsstaat hingewiesen, die dann letztlich oft auch von staatlicher Seite behoben wurden. Es ist also keineswegs so, dass Ehrenamtler dem Staat die Arbeit abnehmen, erklärt Göran Pettersson von Ehrenamt-Forum. Dafür bürge nicht zuletzt die jüngst verfasste Übereinkunft zwischen Regierung und den Freiwilligenorganisationen.

„Zum einen erkennen Regierung, Kommunen und Provinziallandtage darin an, dass der ideelle Sektor selbständig arbeitet und notwendig für ein gut funktionierendes Land ist. Der ideelle Sektor wird als Entwicklungskraft beschrieben und nicht als potenzielle Sparmaßnahme. Damit wird betont, dass es nicht um ein Abwickeln der öffentlichen Mittel geht, sondern um eine Stärkung des Wohlfahrtsstaates durch das Zusammenspiel von öffentlichem und ideellem Sektor.”

An diesem Konzept verdienen beide Seiten - so sehen es jedenfalls diejenigen, die sich auf dem ideellen Sektor engagieren. Für die Journalistin Hiba Daniel jedenfalls ist klar, dass sie ihren Beruf mit dem damit verbunden Erfolg und der regelmäßigen Bezahlung nicht missen möchte. Doch aus ihrem ehrenamtlichen Engagement zieht sie etwas, was ihr der Beruf nur hin und wieder geben kann.

„Das unterscheidet ja gerade ehrenamtliche Arbeit von der normalen Erwerbstätigkeit, zu merken, dass man Menschen nicht unberührt lässt. Manchmal ist es nur ein Wort oder eine Tat, manchmal dauert es nur eine halbe Minute - aber das kann für einen anderen Menschen viel bedeuten und im besten Fall einem Leben eine andere Richtung geben.”

Liv Heidbüchel

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