Polizeieinsats in Rosengård
Wohnungsbau

Weniger Integration in Wohngebieten

Tristesse und Einförmigkeit gelten als Nährboden für soziale Unruhe und politischen Extremismus. Obgleich Schweden die Zielsetzung hat, integrative Bauprojekte zu bevorzugen, sieht die Realität oft anders aus. Die Universität Uppsala präsentiert heute eine Studie, wonach das wohnungsbaupolitische Ziel finanziell auf der Strecke bleibt. So haben sich die einst gepriesenen Plattenbau-Vororte der großen Städte zu Einwandererghettos und sozialen Brennpunkten entwickelt.

Börje Aronsson ist Chef der Polizeistation im berüchtigten Malmöer Stadtteil Rosengård. Er beschreibt das soziale Umfeld: „Hier wohnen die Menschen sehr beengt. Die Arbeitslosigkeit ist grenzenlos. Im schlimmsten Viertel hier sind 86 Prozent der Erwachsenen auf Sozialhilfe angewiesen. Unter solchen Verhältnissen kann man sich keine Zukunft aufbauen.“

Rosengård ist berüchtigt weil Jugendliche dort immer wieder Brände und Unruhe stiften. Aber Feuerwehr und Rettungsmannschaften rücken ohne polizeilichen Schutz nicht mehr dorthin aus, zu oft sind bei ihren Einsätzen tätlich angegriffen worden.

Rosengård ist kein Einzelfall. In Stockholm heißt einer der Einwanderervororte Rinkeby, in Göteborg Hammarkullen. Alle gehören sie zum sogenannten Millionenprogramm, einer gigantischen schwedischen Kraftanstrengung, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren genügend Wohnraum schaffen sollte.

Das Millionenprogramm
1965 beschlossen alle parlamentarischen Parteien Schwedens gemeinsam ein Millionenprogramm um die große Wohnungsnot zu beseitigen. Innerhalb von zehn Jahren sollte eine Million Wohnungen erstellt werden. Das erforderte enorme Geldmittel und neue Bautechniken.

Vorher waren die Planer noch bemüht gewesen, niedrige Mehrfamilienhäuser diskret in die Landschaft zu integrieren. Sie verteilten die Gebäude so in der Landschaft, dass es auf den Plänen aussieht, als seien sie Picknickdecken, die man an besonders schönen Stellen ausgebreitet hat.

Betongbauten
Mit dem Millionenprogramm änderte sich diese Bauweise entscheidend: Beton ersetzte Ziegelsteine als wichtigstes Baumaterial. Für individuelle Lösungen fehlten Zeit und Geld, das Motto hieß Massenproduktion. Vor allem in den Vororten wurden Plattenbauten hochgezogen, riesige, einheitliche Wohnblöcke aus vorgefertigten Bausegmenten.

Hunderttausende beengt wohnender schwedischer Familien bekamen in den modernen Wohnblocks ein neues Zuhause. Doch die anfängliche Begeisterung über die schöne Neubauwohnung legte sich rasch, als die Infrastruktur, Kindergärten, Schulen, Freizeitheime und Ärztezentren auf sich warten ließen. Wer konnte, zog schnellstens wieder aus. Und ein zogen häufig die neuen Schweden, Einwanderer und Flüchtlinge. Mit der Zeit wurden viele Vororte zu Ausländerghettos mit traurigem Ruf.

Wer nicht hier wohnt, kommt nur ungern, klagt ein Geschäftsinhaber in Rosengård: „Die Leute haben Angst zu kommen. Eigentlich haben wir Kunden aus ganz Malmö, aber Frauen und Kinder zum Beispiel wagen sich nicht mehr her.“

Integrationsministerin Nyamko Sabuni von der liberalen Volkspartei schlägt vor, die unsichere Atmosphäre in den gigantischen Wohngegenden wegzubauen. Sie forderte Ende März 2009, dass die schwedischen Einwanderervororte aufgerüstet werden, um der wachsenden Isolierung von Einwanderern zu begegnen. Einige der Altneubauten des Millionenprogramms sollten abgerissen werden, damit die architektonische Einseitigkeit durchbrochen werde, empfielt Sabuni.

Der Ansatz ist sicher interessant. Aber die Integration verschiedener Gesellschaftsgruppen existiert schon seit Jahren meist nur noch auf dem Papier, stellt eine Studie des Instituts für Wohnungs- und Stadtforschung der Universität Uppsala jetzt fest.

Integratives Wohnen

Der Wunsch nach sozial gemischten Wohngegenden im ganzen Land besteht seit mehr als einem halben Jahrhundert. 1974 wurde er als bindende Zielsetzung formuliert, verschiedene Kategorien von Haushalten, Wohlhabende, Sozialhilfeempfänger, ethnische Schweden, Einwanderer, Senioren, Familien mit kleinen Kindern usw. sollen zur besseren Integration in denselben Wohnvierteln leben.

Aber die Zielsetzung wird von Planern und Politikern der verschiedenen Parteien unterschiedlich interpretiert. Emma Holmqvist, die die Studie der Universität Uppsala durchgeführt hat, meint: „Manche Parteien wollen in allen Wohngegenden ein solches integriertes Wohnen, andere streben es nur in Gebieten mit besonders vielen Einwanderern und Sozialfällen an.“

Angstfaktor Fußgängertunnel
Einen Lichtblick bieten einzelne Projekte. So hat die Regierung Mittel bereitgestellt, damit Frauen und Mädchen sich sicherer fühlen können: Die Stadt Umeå arbeitet daran, die Bebauung besser an die Bedürfnisse anzupassen. Durch Fußgängertunnel zum Beispiel gehen viele Frauen und Mädchen nicht gerne. „Die Tunnel sind mir unheimlich. Ich finde sie bedrohlich“, beschreibt Maria Lindholm ihren Eindruck.

Celia Dackenberg benutzt die Tunnel nicht ohne Begleitung. „Wenn noch jemand mitgeht, ja. Aber alleine gehe ich da nicht durch.“ Die Stadtlandschaft muss angepasst werden.

So erfreulich solche Punkteinsätze sein mögen, insgesamt werden die Mittel für integriertes Wohnen immer spärlicher veranschlagt, stellt Emma Holmquist von der Universität Uppsala in ihrer Studie fest. Sie befürchtet, dass auch in Zukunft nur wenig Geld zur Verfügung steht, um die Integration zu fördern.

Sybille Neveling

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