Lange Sommernächte in Nordschweden

Dunkelheit im Winter, Helligkeit im Sommer. Der Neigung der Erdachse um 23,5 Grad ist es geschuldet, dass die Menschen am Polarkreis das ganze Jahr mit extremen Lichtverhältnissen klar kommen müssen. Dass die Dunkelheit des Winters nicht angenehm ist, lässt sich denken. Doch auch die Helligkeit des Sommers führt zu Problemen. Wie bloß soll man schlafen? Die Menschen im kleinen Dorf Soukolojärvi am Polarkreis finden dieser Tage nicht viel Schlaf, aber das stört sie nicht sonderlich. Denn man kann jede Menge tun in den hellen Nächten.

Sie ist Aufgang und Untergang zugleich: Die Sonne lässt sich nicht nach Hause schicken. Unbeirrbar hängt sie am Horizont, es ist Mitternacht in Soukolojärvi am Nördlichen Polarkreis.

“Wenn es so schön und gemütlich ist, dann sitzt man einfach nur still da. Und findet keine Worte, die die Schönheit beschreiben können.” Ove Kohkoinen ist in dem kleinem Dorf Soukolojärvi aufgewachsen. In der Nähe fließt der mächtige Tornefluss vorbei. Die Lage am Polarkreis bescherte Ove Kohkoinen von Kindheit an 26 Tage Mitternachtssonne. Im Sommer verschwindet die Nacht.

“Als ich jung war, ging ich nicht schlafen. Als Kind dachte ich, auf der ganzen Welt würde es hell sein in der Nacht.”

Angeln im Schein der Mitternachtssonne

Oves Enkel tun nun das, was er in seiner Kindheit auch machte in den hellen Sommerferiennächten: Angeln. Die beiden Jungs haben sich mit ihren Kumpeln auf eine lange Angelnacht am Tornefluss eingestellt. Sie haben Brause und Würstchen dabei, falls kein Fisch anbeißt, können sie wenigstens Wurst grillen.

 “Wenn es etwas kühler wird, will sich der Fisch bewegen. Wenn es warm ist, liegt er nur und ruht sich aus,” erklärt Robin Fors, der auch tatsächlich eine muntere Äsche an der Angel hat. Eine Handbreit nur groß, er wirft den Fisch zurück in den Fluss.

Im Dorf ist Leena Kohkoinen nur ein bisschen beunruhigt, dass ihre Söhne sich die ganze Nacht draußen am Fluss mit Angeln vertreiben. Sie geht kurz zu den Nachbarn, auf einen kleinen Schnack.

“Hallo in die Sauna!”, ruft Leena Kohkoinen, denn Nachbars sitzen gerade dort und schwitzen. Ob sie Probleme haben einzuschlafen?

“Naja, manchen fällt es sicher schwerer und andere meinen, dass man auch nicht soviel Schlaf braucht,” erklärt Annika Wahlström, die gerade jetzt in der Ferienzeit auch auf etwas Nachtschlaf verzichten kann. Das tut auch Leena Kohkoinens anderer Nachbar, Bauer Henrik Wahlberg.

Kühe leichter trächtig

Seine 70 Kühe fühlen sich, so hat es der Bauer beobachtet, deutlich wohler in der Helligkeit der Nacht.

 “Sie werden viel, viel leichter trächtig, wenn es hell ist. In der Dunkelheit um Weihnachten herum geht das viel schwerer. Die Kühe brauchen viel Licht.”

Viel Licht tagein, tagaus lässt das Gras auf Bauer Wahlberg Wiesen schnell wachsen, fast vier Zentimeter in 24 Stunden. Der helle Sommer ist die intensivste Zeit für den Bauer, säen, mähen, fast rund um die Uhr.

 “Während der Ernte schlafe ich maximal vier Stunden. Manchmal auch gar nicht, wenn sich schlechtes Wetter ankündigt. Dann schläft man eben am Tag, wenn die Arbeit gemacht ist.”

Einzigartige Farben in der Nacht

Und während Bauer Wahlberg sein Heu einfährt, verändert sich der Himmel sacht, aber stetig. Um Mitternacht beginnt die schönste Lichtvorstellung. Noch glüht die Sonne am Horizont, goldgelb und feurig und warm und taucht die Wolken in ebenso glänzendes Licht wie das Wasser des Flusses. Alles ist gülden. Doch dann zeigen sich zaghaft kühlere Töne: das zarte Blau des Himmels, das sanfte Rosa der Wolken, das satte Dunkelblau des Wassers. Es ist wieder Tag, nachts um zwei. Es ist schmerzhaft schön.

Lena Kohkoinen verlässt in dieser schönen Sommerzeit höchst ungern den Polarkreis: “Jeden Morgen genießen wir voll und ganz. In dieser Zeit will ich nicht woanders sein, die muss ich ausnutzen. Urlaub im Ausland machen wir nie im Sommer. Das hier ist Lebensqualität in höchstem Maße.”

Lena Kohkoinen versichert, dass der Körper mit weniger Schlaf auskommt und man sich trotzdem wach und munter fühlt. Und falls man mal nicht einschlafen kann, bleibt ja die einzigartige Lichtvorstellung als Gute-Nacht-Film.

Katja Güth