Stellan Arvidson im September 1990 in seinem Stockholmer Büro (Foto: Lars Pehrson / TT)
Schweden - DDR

DDR beeinflusste Schwedens Kulturarbeit

Stellan Arvidson und Brita Stenholm erzählten im November 1990 bei Radio Schweden über ihre Arbeit für die Kulturvereinigung DDR-Schweden
4:24 min

Mit dem Fall der Mauer in Berlin 1989 zerbrachen auch in Schweden viele Träume. Das DDR-Regime hatte einflussreiche und starke Anhänger und Propagandisten, die nicht unbedingt Kommunisten waren, in dem skandinavischen Land unterstützt.

Mehrere Jahrzehnte lang hatte die Führung der DDR durch Stasi-Mitarbeiter, in Schulen, Universitäten und Kulturleben ein Bild ihres Staats als Garant für Frieden, Gleichstellung und Humanismus verbreiten lassen und versucht, Schweden ideologisch zu infiltrieren.

Birgitta Almgren, Professorin in Germanistik an der Hochschule Södertörn bei Stockholm, hat in einer umfassenden Analyse ein Bild der Beziehungen zwischen Schweden und der DDR gezeichnet und in einem Buch veröffentlicht. „Inte bara Stasi…Relationer Sverige-DDR 1949-1990“ heißt es (ung. „Nicht nur die Stasi… Beziehungen Schweden-DDR 1949-1990“.

Schwerpunktland Schweden
Für die Regierung in Ost-Berlin war Schweden ein Schwerpunktland, ein bevorzugtes Ziel für Beeinflussung. Bei ihren Nachforschungen hat Almgren Dokumente gesichtet, lange Gespräche mit ehemaligen Stasi-Offizieren geführt und war schließlich selbst erstaunt über das Ergebnis, sagt sie: „Ich habe die Dokumente im SED- und im Stasi-Archiv gelesen. Dort steht überall, dass Schweden ein Schwerpunktland ist. Weil es allianzfrei ist und während des Kalten Krieges zwischen Ost und West stand. Über kein anderes Land in Nordeuropa liegen so viele Stasiberichte vor wie über Schweden“, fährt Almgren fort.

Im 25. Oktober 1956 wurde auf Initiative der DDR ein „Freundschaftsverband Schweden-DDR“ gegründet. Diese Organisation sollte nach dem Willen der DDR-Machthaber von einflussreichen Schweden mit wichtigen Kontakten betrieben werden, möglichst von hochgestellten Sozialdemokraten. Diese Mitgliederzusammensetzung gelang aber erst in den Sechzigerjahren, vor allem durch den Sozialdemokraten und Literaturwissenschaftler Stellan Arvidsson und seine Lebensgefährtin Britta Stenholm.

Freundschaftsverband Schweden-DDR
Die beiden sind inzwischen verstorben und gehören zu den Hauptpersonen in Almgrens Untersuchung. Seit den Sechzigerjahren hatte das Paar großen Einfluss auf die schwedische Schul- und Bildungspolitik und ging später in der Stockholmer Botschaft der DDR ein und aus. Beide erhielten häufig Einladungen zu Reisen in die DDR und passierten dabei die Grenzübergänge bequem als wichtige Gäste der DDR.

„Für die DDR galt es, systematisch und strategisch Kontakte mit schwedischen Machthabern zu knüpfen, mit Kulturpolitikern und Parlamentariern um Unterstützung zu gewinnen“, summiert Almgren. „Zunächst bis 1972 um auf die Anerkennung der DDR als Staat hinzuwirken. Für die Zeit danach zeigen die Archive, wie Menschen zur ideologischen Missionierung ausgebildet wurden.“

Sozialismus sollte verbreitet, Kapitalismus und Imperialismus enthüllt werden, so die Forscherin weiter.

„Vater der Grundschule“
Stellan Arvidson – in Schweden vor allem bekannt als Schulreformator und „Vater der schwedischen Grundschule“ – saß zwischen 1957 und 1968 als Abgeordneter der Sozialdemokraten im schwedischen Parlament. Aber er war auch zwischen 1968 und 1990, als der „Verband Schweden-DDR“ aufgelöst wurde, Vorsitzender des Vereins.

„Stellan Arvidsson machte eine interessante Entwicklung durch“, stellt Almgren fest. „Ich habe ja früher schon die Verbindungen zwischen Nazideutschland und Schweden untersucht. In den Dreißigerjahren war Arvidson Schwedischlektor an der Universität Greifswald. Er war ein mutiger Mann, der schon früh gegen Hitler protestierte. Daher verlor er seine Stelle an der Universität dort. Er hat immer gesagt: ,Hitler hat mir Greifswald weggenommen und die DDR hat es mir wiedergegeben’. Das erklärt warum er die DDR unterstützte und den Fall der Mauer so bedauerte. Als andere vor Freude weinten, als die Mauer fiel, da weinte Arvidson darüber, dass die DDR ins Chaos stürzte, wie er es ausdrückte.“

Unverblümte Unterstützung der DDR
Dass seine sozialdemokratischen Parteigenossen Arvidson 1968 nicht wieder als Wahlkandidaten aufstellten, liegt laut Birgitta Almgren an seiner unverblümten Unterstützung für die Regierung in Ost-Berlin. So kommentierte Arvidson die Todesschüsse an der Mauer nie. Almgren zitiert zahlreiche Äußerungen, die schon damals aus dem Munde eines Sozialdemokraten völlig unbegreiflich gewesen sein müssen.

Arvidson und Stenholm schrieben in den Achtzigerjahren in ihrem gemeinsamen Buch „DDR-Grannland“ („Nachbarland DDR“) das vom Arbeiterbildungsverband ABF als Lehrbuch eingesetzt wurde, die Behauptung, in der DDR komme keine Kritik an der Regierung vor, sei übertrieben, denn das Grundgesetz der DDR garantiere das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Mehr als 50 Mal besuchten Arvidson und Stenholm die DDR. Das Luxusleben mit Kuraufenthalten und Abendeinladungen gefiel dem erklärten Marxisten offenbar. Warum machte dieser Staat gerade dieses Paar zu seinen wichtigsten inoffiziellen Botschaftern in Schweden? „Sie waren Bonzen und beeinflussten die Meinung anderer Menschen“, erklärt Birgitta Almgren.

Der frühere schwedische Ministerpräsident Ingvar Carlsson war 1963 bis 1973 Bildungsminister und ein persönlicher Freund von Arvidson. „Carlsson hat zu mir gesagt, dass Arvidsson im Ministerium eine ungeheuer wichtige Person war“, zitiert Almgren. In ihrem Buch gibt sie Carlssons ausweichende Antwort auf die Frage wieder, warum die Sozialdemokraten Arvidsons offene Verteidigung der ostdeutschen Diktatur akzeptierten: „Wenn ein anderer als eben Stellan Arvidson Ähnliches getan und gesagt hätte, wäre er mit unmittelbarer Wirkung aus der Partei ausgeschlossen worden.“

Noch einen Monat vor dem Fall der Mauer schrieb Arvidson zum Beispiel im Mitgliedsblatt des „Freundschaftsvereins Schweden-DDR“: „Die Berliner Mauer, die doch nur eine normale Staatsgrenze ist, wurde durch die Übergriffe des Westens erzwungen.“

Sybille Neveling

RADIO-SCHWEDEN-RÜCKBLICK

Der 1956 gegründete „Verband für Verbindungen zwischen Schweden und der DDR“, der zeitweilig 3000 Mitglieder in zehn Ortsverbänden in Schweden hatte, stand 1969 bis 1972 im Rampenlicht. Vor allem sein damaliger Vorsitzender, Professor Stellan Arvidson, trieb die schwedische Anerkennung der DDR durch den Vorsitz in einem internationalen Komitee voran. Nach diesen aufregenden Jahren wurde es wieder stiller. Das endgültige Aus allerdings kam erst 1990 als das Büro in der Stockholmer Innenstadt aufgelöst werden musste. Nach dem Fall der Mauer war die finanzielle Unterstützung des Vereins ausgeblieben, so dass die Schließung für das ehemalige Vorstandsmitglied Stellan Arvidson und seine Lebensgefährtin Britta Stenholm nur als logische Konsequenz erscheinen muss. Im November 1990 sprach Radio Schweden mit Arvidson und Stenholm über ihre Einstellung zu DDR und Vereinigung:

 

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