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An der Mauer 1986
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Erfreut über regen Besuch aus Schweden: Erich Honecker
Schweden - DDR

Die andere Perspektive

Ingvar Carlsson 10.11.1989
3:11 min

9. November 1989, alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Berlin. Die ganze Welt verfolgt die Geschehnisse in der Stadt, nimmt an der Begeisterung in Deutschland teil.

Schweden jedoch reagiert insgesamt sehr vorsichtig. Von seiner Randposition aus betrachtet das allianzfreie Land in Nordeuropa das Geschehen zwischen den beiden Machtblöcken mit reservierter Skepsis. In den Kommentaren der Tageszeitungen ist am Tag nach dem Mauerfall von einer Gefahr für die Machtbalance in Europa die Rede. Regierungschef Ingvar Carlsson warnt vor „allzu großem Enthusiasmus“.

 Im Radio-Schweden-Interview am Tag nach der Maueröffnung gibt der Ministerpräsident sich betont vorsichtig: „Das ist natürlich eine positive Entwicklung, wir sind erstaunt, dass sie so schnell gegangen ist“, sagt er zunächst, um dann einzuschränken: „Wir sehen natürlich auch eine Gefahr, dass diese Entwicklung nicht stabil ist.“ Carlsson befürchtet Rückschläge: „Dies ist keine geplante Entwicklung, sondern ein spontanes Ereignis.“

Schweden hatte die DDR 1972 als einer der allerersten Staaten anerkannt. Die Beziehung zwischen beiden Ländern war eine ganz besondere, politisch, kulturell und wirtschaftlich.

Der Politikwissenschaftler und frühere Direktor des Instituts für Außenpolitik in Stockholm, Anders Mellbourn war 1989 Nachrichtenredakteur bei Schwedens größter Tageszeitung Dagens Nyheter. Heute analysiert er die Verbindung so: „Ich glaube, Schweden hatte ein anderes Verhältnis zur DDR. Schweden hatte mehr Kontakt als andere westliche Länder. Die DDR war das kleinere Deutschland, das Schweden auch geografisch näher lag. Es gab historische Kontakte seit der Exilzeit. Die DDR hatte ja Kontakte mit gewissen Staaten im Westen. Schweden war auch interessant, weil es kein Nato-Mitglied war und das Schwedische Modell praktizierte. Schweden selbst förderte diese Kontakte.“

Begegnungen hoher Politiker

 Hohe schwedische Politiker fuhren regelmäßig in die DDR. Bei seinem offiziellen DDR-Besuch 1989 hatte Carlsson keine Indikationen dafür erhalten, dass die Mauer möglicherweise fallen könnte, erklärte der Regierungschef damals: „Nein, im Januar dieses Jahres konnte ich nicht glauben, dass eine so schnelle Entwicklung wirklich eintreffen würde.“

Der Privatmann Carlsson darf sich 2009 deutlicher ausdrücken als der Spitzenpolitiker Carlsson 1989: „Die Personen, die seinerzeit auf den wichtigen Posten in der DDR saßen, waren in Bezug auf Demokratie stocktaub.“ Bei seinem offiziellen Besuch in Berlin hatte Carlsson auch den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, getroffen. Jetzt – 20 Jahre später – beschreibt er seinen Eindruck: „Es war unmöglich, einen Dialog mit ihm zu führen. Man verlas vorbereitete Reden buchstabengetreu. Eine Diskussion brachten wir nicht zustande.“

Veränderte Perspektive

Ingvar Carlsson meint heute, Schweden sei zu diesem Zeitpunkt wesentlich mehr an der Bundesrepublik interessiert gewesen als an der DDR. Die jahrzehntelange Kulturoffensive, die die DDR in Schweden durchführte um mehr Einfluss zu gewinnen, war nach Carlssons heutiger Einschätzung kein Erfolg. „Die waren recht misslungen, weil unsere politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontakte zu 95 Prozent mit der Bundesrepublik waren und vielleicht zu fünf Prozent mit der DDR. Wir haben die Kulturkampagnen der DDR aus guten Absichten zugelassen. Wir hofften, diese Kontakte würden den Kulturvertretern aus der DDR ein bisschen mehr Lebenslust geben und natürlich die Chance ins Ausland zu reisen. Außerdem könnten wir sie dann unsererseits möglicherweise beeinflussen. Wenn wir die Kulturkampagne nicht zugelassen hätten, wären alle Kontakte zunichte gemacht worden.“

Auch Anders Mellbourn findet, dass Schweden sich - im Rückspiegel betrachtet – nicht für die engen Verbindungen der beiden Länder zu schämen braucht. Einblicke in Stasi- und SED-Akten haben zwar gezeigt, wie die DDR versuchte, auf dem Umweg über Kulturarbeit auf das skandinavische Land Einfluss zu nehmen, ohne dass Schweden darauf mit Misstrauen reagierte. „Meiner Ansicht nach sind die Kontakte für Schweden keine peinliche Sache. Ich glaube sehr wenige Schweden hatten Illusionen über den Sozialismus. Man glaubte damals, dass die DDR eine gewisse Stabilität besaß. Dass sie völlig in sich zusammenfallen würde, dass hatte man in Schweden nicht erwartet.“

Polen und Baltikum im Zentrum

Im November 1989, so Mellbourn, standen die baltischen Länder und Polen im Mittelpunkt des außenpolitischen Interesses in Schweden. Die allmähliche Loslösung Polens von der Sowjetunion und die angespannten Beziehungen Estlands, Lettlands und Litauens zu Moskau erschienen akuter als die Entwicklung in der DDR.

Sybille Neveling

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