„Tvättstuga"

Waschküche erhitzt die Gemüter

Sie ist eine der festen schwedischen Institutionen: „Tvättstugan“ – zu Deutsch: die Waschküche. Fast die Hälfte aller Schweden wohnt in einem Mehrfamilienhaus, das kollektive Waschräume anbietet. Doch neben ihrem praktischen Nutzen sorgt die Waschküche immer wieder für erhitzte Gemüter bei den ansonsten eher zurückhaltenden Schweden. Lesen Sie hier einen Bericht über Liebe und Leid im Zeichen der Waschküche.

Jeder kennt sie, jeder Zweite benutzt sie: Die Waschvollautomaten und Trockner in den Kellern schwedischer Mehrfamilienhäuser. Größer als normale Haushaltsgeräte nehmen diese Maschinen sich aus, müssen sie doch tagtäglich zwischen sieben und 22 Uhr schwere Arbeit leisten. Die Schweden nutzen ihre Waschküchen fleißig – oft sind die zwischen zwei und sechs Stunden langen Waschintervalle mehrere Wochen im Voraus ausgebucht. Dabei ist das Phänomen Waschküche noch gar nicht so alt. In den 1950er Jahren wurden die ersten kollektiven Waschküchen eingerichtet.

Ein halbes Jahrhundert später sind sie aus dem schwedischen Alltag nicht mehr wegzudenken, erklärt die Ethnologin Kristina Lund: „Das Phänomen Waschküche ist außerhalb des Nordens nicht sehr verbreitet. In anderen Ländern hat man entweder eine eigene Waschmaschine oder man geht in den Waschsalon. In der Waschküche gibt es viele Regeln– sowohl geschriebene als auch ungeschriebenen. Die Hauptregeln sind: die Zeiten einhalten, die Waschküche nach Gebrauch säubern und die Fusseln aus dem Trockner entfernen. Viele finden die Fusseln eklig, aber eigentlich sind die ganz sauber. Das sind schließlich abgetrennte Fasern frisch gewaschener Wäsche. Doch wenn man die Fussel im Trockner lässt, stellt das eine Brandgefahr dar.“

Hohes Konfliktpotenzial
Den praktischen Nutzen spricht den Waschküchen niemand in Schweden ab. Auch wenn immer mehr Bewohner von Mehrfamilienhäusern dazu übergehen, sich eine eigene Waschmaschine anzuschaffen; auf den Komfort von Waschküchen mit mehreren Maschinen, Trocknern und Mangeln will dennoch kaum jemand verzichten. Das allerdings führt oft dazu, dass Nachbarn mitunter die Waschzeiten nicht einhalten oder das Waschpulver anderer benutzen.

In ihrem Buch „Tvättstugan – en svensk historia“ (Die Waschküche – eine schwedische Geschichte) beschreibt Ethnologin Kristina Lund dieses Konfliktpotenzial ausführlich: „Im Jahr 2008 sind allein bei der Polizei im Raum Stockholm 72 Anzeigen wegen Gewalt in der Waschküche eingegangen. Die Waschküche ist eben ein besonderer Raum. Sie ist halb privat und halb öffentlich. Zwar teile ich mir diesen Raum mit meinen Nachbarn, aber während meiner Waschzeit will ich ungestört bleiben. Den Schmutz aus den Kleidern zu entfernen ist eine ungemein private Angelegenheit.“

Zornige Mitteilungen
Der Streit um die und in der Waschküche ist mittlerweile so sehr Teil des schwedischen Alltags, dass das Nordische Museum diesem Aspekt eine eigene Ausstellung gewidmet hat. Dutzende von authentischen Zetteln legen Zeugnis über ganz alltägliche Waschküchenkonflikte ab. Die Formgestalterin der Ausstellung, Åsa Andersson, liest eines der Beispiele vor: „Nun reicht’s mir! Ihr, die nach 22 Uhr die Waschküche benutzt, macht mir und meinem Sohn das Leben zur Hölle. Wir müssen morgens früh aufstehen und können Euretwegen nachts nicht schlafen. Sucht Euch endlich einen Waschsalon. Wenn ich noch mal nach 22 Uhr Lärm in der Waschküche höre, schmeiße ich Eure Wäsche in den Sandkasten auf den Spielplatz!!"

Åsa Andersson erklärt, warum die Schweden sich gegenseitig derartige Botschaften zukommen lassen: „In der Waschküche schreiben wir einander zornige Mitteilungen, während wir einander sonst anschreien würden. Die Waschküche ist ein anonymer Ort, an dem wir mit unserer Unterwäsche beschäftigt sind. Deswegen schreiben wir anonyme Zettel. Auf diesen Zetteln drückt sich ein Zorn aus, der sich am besten mit dem Zeitmangel in unserer Gesellschaft erklären lässt. Jemand, der mir meine Zeit in der Waschküche wegnimmt, erregt meinen Zorn.“

Aber auch jede andere Übertretung der nahezu heiligen Waschküchenethik bestraft der Schwede mit aller Härte. Hier ein weiteres eindrucksvolles Beispiel: „An den armen Teufel, der meint, das Waschmittel anderer Leute benutzen zu können: Neulich habe ich Katzenstreu in meinen Waschmittelkarton gefüllt und einer von Euch armen Irren hat das Zeug dann tatsächlich zum Waschen verwendet. Haha. P.S.: Habe außerdem in den Weichspüler gepinkelt.“

Bericht: Alexander Schmidt-Hirschfelder

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