Bei weitem nicht alle schwedischen Schweine haben ein gutes Leben

Tierhaltungs-Skandal weitet sich aus

Der Skandal um die schwedische Fleischproduktion weitet sich aus. Der Schwedische Rundfunk hatte am Dienstag von haarsträubenden Zuständen in zahlreichen schwedischen Schweineställen berichtet, darunter in den Ställen, die dem Vorsitzenden des Verbandes schwedischer Fleischproduzenten gehören. Wie nun weitere Nachforschungen ergaben, sind die für Tierinspektionen verantwortlichen Instanzen in Schweden vielfach so überlastet, dass eine ordnungsgemäβe Ausführung der Arbeit nicht möglich ist.

Die Bilder, die eine Tierschutzorganisation heimlich in schwedischen Schweineställen aufgenommen hatte und die der Schwedische Rundfunk auf seiner Homepage veröffentlichte, waren schockierend: Schmutzige Ställe, kaum Stroh, in einer Box drängen sich Schweine um einen Kadaver, von dem sie fressen. Erschüttert war nicht zuletzt Landwirtschaftsminister Eskil Erlandsson:

„Die Bilder, die ich gesehen habe, haben mich sehr traurig gemacht. Ich finde, dass Tiere es gut haben, dass sie anständig behandelt werden sollen“, so der Minister. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, wonach schwedische Tiere dank strenger Tierschutzgesetze zu den glücklichsten der Welt zählen, erscheinen diese Worte im Lichte der aktuellen Ereignisse doch eher als frommer Wunsch. Immerhin hatten die Tierschützer nach eigenen Angaben etwa ein Zehntel der schwedischen Schweineställe besucht und dort überwiegend Unerfreuliches vorgefunden. Die Missstände haben offenbar System – doch kaum einmal dringt das Leiden der Tiere in die Öffentlichkeit: Wie der Schwedische Rundfunk am Mittwoch berichtet, ist das System der tierärztlichen Inspektionen dem Kollaps nahe.

„Wir haben es kommen sehen“

„Wir haben all das kommen sehen“, sagte Jörgen Wehre, Provinzialveterinär in der Provinz Kalmar, im Schwedischen Rundfunk. „Wir führen keine geplanten Inspektionen durch, wenn die Medien uns fragen, was eigentlich los ist, haben wir keine Antwort.“ Was Jürgen Wehre berichtet, bestätigten mehrere seiner Kollegen: Die Veterinäre sind vielerorts so überlastet, dass sie die Ställe nur allzu selten in Augenschein nehmen können.

Die Verschlechterung der Situation in den vergangenen Jahren hat zum Teil mit einer Reform zu tun, die das Leben für die Tiere eigentlich besser machen sollte. Die Verantwortung für die Tierschutz-Inspektionen gingen von den Kommunen an den Staat als zentrale Stelle über. Der Umverteilung der Verantwortung folgte aber auch eine Umverteilung von Geldern: Die Häufigkeit von Inspektionen wird nun vielfach von der Bevölkerungszahl in der entsprechenden Provinz abhängig gemacht, nicht von der Zahl der befindlichen Ställe. Die Folge: hoffnungslos überlastete Tierärzte.

EU-Kommissarin entsetzt

Jene Bauern, die ihre Tiere bisher sträflich vernachlässigt haben, konnten sich also in den letzten Jahren recht unbehelligt fühlen – so auch Lars Hultström, seines Zeichens Chef des Verbandes der schwedischen Fleischproduzenten. Im Lichte des Skandals hat Hultström zunächst einmal ein „Time-Out“ genommen, nicht ohne zuvor im Schwedischen Fernsehen angemerkt zu haben, gewiss gebe es einiges zu verbessern, doch in anderen Ländern sehe alles noch schlimmer aus.

Gleichwohl dürfte der Ruf schwedischer Fleischproduzenten nun arg gelitten haben - nicht nur bei den hiesigen Verbrauchern. Dass die schwedische Tierhaltung nicht ganz so vortrefflich ist wie ihr Ruf, hat auch die EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel zur Kenntnis nehmen müssen. Fischer Boel überraschten die schlimmen Bilder während ihres Besuchs in Stockholm aus Anlass von Beratungen über die Zukunft der EU-Landwirtschaft. Entsetzlich, so ihr Kommentar. Was da in Schweden geschehe, sei ein Rückschlag für die gesamte Branche.

 Anne Rentzsch

 (Radio Schweden 24.11.2009)

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