Das Arbeitsamt bekommt neue Kunden

Kranke müssen aufs Arbeitsamt

Zahlreiche kranke Menschen in Schweden sind ab dem kommenden Jahr von den neuen, strengeren Regeln für Krankschreibungen betroffen. So werden in mehreren zehntausend Fällen Kranke als Arbeitslose registriert, obwohl ihnen die Teilnahme am Arbeitsmarkt in der Praxis nicht möglich ist. Selbst die verantwortliche Koordinatorin bei der Versicherungskasse sprach im Schwedischen Rundfunk von einem ”seltsamen” System.

Der Beginn des Jahres 2010 markiert einen Systemwechel: Jahrelang hatte Schweden im internationalen Vergleich mit überdurchschnittlich hohen Zahlen von Langzeit-Krankgeschriebenen und Frührentnern für Aufmerksamkeit gesorgt, was die Vermutung nahe legte, hiesige Ärzte seien besonders schnell bereit, Menschen den Status des chronisch Kranken zuzugestehen. Nun vollzieht das Gesundheitswesen die Wende um 180 Grad: Künftig dürfen Krankschreibungen nur noch in absoluten Ausnahmefällen über die Dauer eines Jahres hinaus bewilligt werden, und selbst Schwer- und Schwerstkranke müssen sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. So werden in der Praxis die Richtlinien der bürgerlichen Regierung unter Fredrik Reinfeldt angewandt, die bei ihrem Antritt im Jahr 2006 angekündigt hatte, Langzeit-Krankgeschriebenen helfen zu wollen, aus der Isolation herauszukommen und wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuβ zu fassen. Rund 15.000 Betroffene bekommen nun sofort ab 1. Januar kein Krankengeld mehr; mehrere zehntausend Menschen ereilt das gleiche Schicksal im weiteren Verlauf des kommenden Jahres.

”Ein verrücktes Regelsystem”

”Das Regelsystem ist vollständig verrückt”, beschreibt Dan Holke, Jurist beim Gewerkschaftsdachverband LO, die  neuen Vorgaben. Betrachtet man deren praktische Anwendung, ist man geneigt, Holke zuzustimmen.  Die Aberwitzigkeit zeigt sich nicht zuletzt an jenen, die bisher trotz Krankheit immerhin noch arbeiten – wenn auch zeitlich eingeschränkt. Nach Angaben der Versicherungskasse betrifft das gleich zum 1. Januar  an die 4000 Menschen.

Einer von ihnen ist der Systementwickler William Hemberg. Wegen chronischer Schmerzen infolge einer Hirnhautentzündung arbeitet er in Teilzeit, für die restliche Zeit bekommt er Krankengeld – bis zum 31. Dezember. Nach dem Jahreswechsel soll er an einem Einführungskurs beim Arbeitsamt teilnehmen. Tut er das nicht, gibt`s kein Arbeitslosengeld. ”Ich finde es idiotisch, zu sagen, ich bin arbeitslos, wo ich doch in Wirklichkeit krank bin”, so William Hemberg. ”Ich habe kein Problem, Arbeit zu bekommen – nicht dort klemmt der Schuh. Mein Problem ist, dass ich krank bin.”

Erwerbstätigen erklären, wie sie einen Job bekommen

Das Arbeitsamt jedenfalls besteht darauf, dem erwerbstätigen William Hemberg in einem ausführlichen Kurs zu erklären, was er tun muss, um erwerbstätig zu werden. ”Ansonsten bekommt er kein Arbeitslosengeld”, bestätigt Cecilia Udin, zentrale Koordinatorin bei der Versicherungkasse. Auf die Frage, ob es nicht seltsam sei, dass der Systementwickler dann überhaupt kein Geld mehr bekomme, kann sie nur entgegnen: ”So sehen die Regeln jetzt nun mal aus. Genauso seltsam wird es bald sehr vielen gehen.”

Gunnar Axén, Mitglied der konservativen Regierungspartei und Vorsitzender des parlamentarischen Sozialversicherungsausschusses, findet die Verfahrensweise aber offenbar ganz in Ordnung: ”Wenn man die Frage so stellt, also, weshalb soll er Arbeitstraining machen, wo er doch einen Job hat – ja, dann geht man davon aus, dass er ruhig noch zwei, fünf oder zehn jahre Halbzeit arbeiten kann. Wo er doch mit Training wieder einen Job finden könnte, wo er auch eine Vollzeit schafft.”

Ob Arbeitstraining chronischem Kopfschmerz abhelfen kann, bleibt nun abzuwarten. Zunächst mal sind selbst eigentümliche Regeln dazu da, befolgt zu werden. Auch bei der Versicherungskasse geht man freilich nicht davon aus, dass all jene, die jetzt aus der Krankschreibung auf den Arbeitsmarkt gezwungen werden, diese Herausforderung meistern können – zumal ein immer härterer Arbeitsmarkt nur gedämpftes Interesse an potenziell ”problematischen” Mitarbeitern zeigt.

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