Reportage

Hymnen an die Nacht

Allerorten hat die Lichtkönigin Lucia an diesem Wochenende mit ihrem Kerzenschein Licht in die dunklen Stuben gebracht. Die Tradition des Luciazuges ist fest verankert, jedes Mädchen träumt davon, eines Tages mit der Kerzenkrone auf dem Kopf das Lucialied anzustimmen. Am Polarkreis wird die Dunkelheit der Polarnacht gar mit dem Nachtfestival gefeiert. Das kleine Dorf Korpilombolo beweist nun schon seit fünf Jahren, dass die dunklen Winter nicht nur Griesgram und Verdruss bedeuten, sondern vor allem auch Lebensfreude und Energie.

Zwei Kerzen stehen auf dem Tisch. Durch die Fenster der Heimatstube dringt spärliches Licht. Es ist zehn Uhr morgens und die 16 Zuhörer lauschen der Geige und Novalis Hymnen an die Nacht, vorgetragen von Anders Salomonsson: „Hin floh die irdische Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr. Zusammen floss die Wehmut in eine neue, unergründliche Welt - du Nachtbegeisterung - Schlummer des Himmels kamst über mich. (...) Es war der erste, einzige Traum - und erst seitdem fühl ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte."

Novalis sechs Hymnen an die Nacht, geschrieben 1797 nach dem Tod der Verlobten, vier Jahre später starb der Dichter, im Alter von 29 Jahren an der Schwindsucht. Die letzte Hymne, die Sehnsucht nach dem Tod.

Romantische Vorstellungen vom Dunklen

Die deutschen Romantiker waren begeistert von der Nacht, so Vorleser Anders Salomonsson: „Novalis lobpreist die Nacht und erhöht sie zu einem Wesen, mit menschlichen Eigenschaften, das ihn umarmt und von der er verschlungen werden will. Diese Vorstellung finden wir häufig bei den Romantikern dieser Zeit, dass die Nacht gleichgesetzt wird- so kann man das deuten - mit dem Tod."

Novalis Nachtlobpreisung, die klagende Geige zur verhaltenen Gitarre, die Stimmung in der Heimatstube macht kreativ. Zuhörer Mats Eriksson nimmt die Geige und stimmt selbst ein Spielmannslied an: „In der zivilisierten Welt hat man ja seine Verpflichtungen und Verrichtungen. Man ist leider nicht länger von der wahren Nacht beeinflusst."

Heitere Musik in der Dunkelheit

Szenenwechsel. Nach der Mittagspause, um ein Uhr ist es fast dunkel draußen. Drinnen in der Turnhalle suchen die Teilnehmer der Jojk- und Jodelwerkstatt ihren eigenen Ton. Sängerin Katarina Rimpi erklärt die Geschichte und Besonderheiten des Jojk, ihre Botschaft: Auch, wer nicht singen kann, kann jojken. Und jojken kann man alles, präsentiert sie, auch ein Auto, ein Eichhörnchen oder den Wind. Man kann eine Geschichte jojken, eine Wegbeschreibung, andere Menschen. Ein außerordentlich lustiger Jojk ist das Schneehuhn.

Noch viel lustiger ist aber das Jodeln. Musiklehrer Josef Ecker vom Jodelseminar erklärt die Grundzüge, den Ruf des Tieres, den Ruf der Berge. Partnerin Maria Helmecke antwortet und hilft in den oberen Tonlagen.

Aller Anfang ist leicht

Die Gesichter der Teilnehmer sahen anfangs noch etwas skeptisch aus, doch schon nach dem Jodler vom Vomperberg ist die Skepsis freudiger Begeisterung gewichen. „Also man wird wirklich froh," sagt Annika Nygård, die zuvor ein klein bisschen gejodelt hat. „Jodeln passt besser zu mir als Jojk, entspricht wohl mehr meiner Persönlichkeit."

Und der Text ist ja auch irgendwie universell, was das Beispiel des Juhizers zeigt. Novalis-Vorleser Anders Salomonsson probiert später auch noch das Schlagen mit Kochlöffel und Besen: „Man fühlt sich richtig froh und munter, gut eingesungen, locker im Hals. Das Jodeln ist ja viel kräftiger als das Jojken. Also, ich werd' das weiter trainieren."

Jodellehrer Josef Ecker ist sehr zufrieden mit seinen schwedischen Eleven: „Ich bin sehr überrascht, wie gut das Jodeln angenommen wurde. Damit hätte ich nicht gerechnet, so weit im Norden, wo ja auch eine ganz andere Mentalität herrscht."

Es muss wohl an der kreativen Stimmung liegen, die die Dunkelheit erzeugt. Um ein für alle mal mit dem Vorurteil des Trübsinns der Polarnacht aufzuräumen, zum Schluss noch das Lied vom Bergvagabunden, in der schwedisch-deutschen Uraufführung in Korpilombolo.

Katja Güth

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