Weltrekord im Naschen

Siebzehn Kilo - diese stolze Menge an Süßigkeiten verputzt statistisch gesehen jeder Schwede pro Jahr. Das ist Weltrekord und das Doppelte des EU-Durchschnitts. In den vergangenen 30 Jahren ist der Konsum von Schokolade und diversem Zuckerzeug in Schweden kontinuierlich gestiegen.

Vom Gemischtwarenladen an der Ecke bis hin zum XXL-Supermarkt: Für Leckermäuler jeden Alters sind schwedische Geschäfte ein Eldorado. Typischer Beleg für die innige Beziehung zwischen den Schweden und ihren geliebten „Godis", Süßigkeiten: Die breite Front von Regalen, die in mehreren, langen Reihen dazu einladen, aus diversen Angeboten von Bonbons, Schokolade, Lakritz, Gelatine und mehr genau das auszuwählen, wonach es einen gerade gelüstet - in genau der Menge, die man wünscht und mit Festpreis nach Gewicht.

Ausgerüstet mit dem obligatorischen weißen Plastikschäufelchen und bunten Papiertütchen pickt sich der Zuckerhungrige hier eine Gelee-Himbeere heraus, da zwei glasierte Mandeln und dort noch einen Schwung Pfefferminzbonbons. Mindestens. Weshalb nun sind die Schweden so auf Süßes versessen? Kunden in einem Stockholmer Supermarkt haben dafür mehrere Erklärungen.

Trost bei Kälte und Dunkelheit


„Das kommt daher, dass wir so langweilig sind", meint eine Kundin, und eine andere gibt zu bedenken: „Hier ist es kalt und dunkel, man muss sich ein bisschen aufmuntern, und wenn man Süßes ist, geht es einem zunächst mal besser." „Die Schweden haben es besonders gut drauf, sich zu ,belohnen', vor allem zum Ende der Woche hin", findet ein Herr. „Und wichtig ist natürlich das Angebot: Ich war viel im Ausland unterwegs. Der lose Verkauf von Süßigkeiten in Mengen je nach Wunsch ist nirgendwo so verbreitet wie in Schweden." Ausführlichere Erklärungen sind seit kurzem in einem schwedischen Buch nachzulesen. Der Titel: „Süßes fürs Volk - wie die Schweden zu Zuckersklaven im Reich des Bonbonkönigs wurden". André Persson und Thomas Hedlund gehen darin der schwedischen Liebe zum Süßen nach.

Billiger Zucker dank Zuckerrübe

Die Grundlagen heutiger Ausschweifungen wurden vor der Wende zum vergangenen Jahrhundert gelegt, erklärt Thomas Hedlund: „Seit Ende des 19. Jahrhunderts blühte in Schweden eine Bonbon-Tradition. Zur Jahrhundertwende gab es im Lande mehr als 100 Bonbonfabriken. Das hatte damit zu tun, dass mit dem Anbau der Zuckerrübe ab etwa 1850 Zucker von einem absoluten Luxusartikel zu etwas geworden war, was sich auch der Durchschnittsmensch leisten konnte. Daher der enorme Aufschwung für den Verkauf von Bonbons." Ein Aufschwung, der sich im Lauf des 20. Jahrhunderts ungebremst fortsetzte, mit unliebsamen Folgen unter anderem für die Zähne der Schweden. Angesichts wachsender Probleme mit Karies startete das Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen in den 1950er-Jahren eine groβe Kampagne.

Süßes am Samstag


„Die Botschaft war: Es ist okay, Süβes einmal pro Woche, sozusagen in konzentrierter Form, zu essen und sich hinterher die Zähne zu putzen. Man prägte daher den Ausdruck: ,Lördagsgodis'". Auf Deutsch in etwa: Süβes am Samstag. Die Schweden griffen die Anregung gerne auf und machten in den folgenden Jahrzehnten die Samstags-Süβigkeiten zu einer lieben Tradition - vielfach allerdings ohne das Verzichts-Gebot für die übrigen Wochentage allzu ernst zu nehmen. In den 1980er-Jahren dann hielt auf breiter Front die heutige Form der Selbstbedienung mit Preis pro Gewicht Einzug. Mit der Gründung der Kette „Karamellgrossisten", heute „Karamellkungen" - Bonbonkönig - schrieb Christer Forsman in den 1980er-Jahren Geschichte.

Einzug des Bonbon-Königs

„Er besaß ein Süßigkeiten- und Obstgeschäft in Kungsholmen in Stockholm, gegenüber lag ein Lebensmittelgeschäft der Vivo-Kette", berichtet Thomas Hedlund. „Forsman fragte nach, ob er bei seinem Gegenüber Süßigkeiten nicht lose und zur Selbstbedienung anbieten könnte, etwa so wie heute. Die Sache wurde ein Riesenerfolg, und bald zogen auch die anderen großen Ketten nach."

Ein Preisanstieg bei Süßigkeiten sorgte dann zeitweise für eine Schwächung des Interesses. Doch dann trat 1990-er Jahre eine bürgerliche Regierung an, deren Steuersenkungs-Programm auch die Steuern auf Schokolade und Zucker umfasste. Mittlerweile kann man ein Kilo Süßes mancherorts zum freundlichen Preis von 49,90 Kronen erwerben, umgerechnet knapp 5 Euro. Vielleicht nicht unbedingt ideal für Gebiss und schlanke Linie. Aber zumal in der besonders kalten und dunklen Jahreszeit allemal Anlass zur Freude.

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