Flugzeugbau im Untergrund

Während des Zweiten Weltkrieges wollte Saab seine Flugzeugproduktion sichern. Das Unternehmen sprengte deshalb ein ganzes Werk 30 Meter tief in den Granit bei Linköping. Lange gehörte die unterirdische Fabrik von über 20 000 Quadratmetern Größe zu den am besten gehüteten Geheimnissen Schwedens. Heute werden dort keine Flugzeuge gebaut - und eigentlich auch keine Besucher empfangen. Kommen Sie mit in die verborgenen Werkshallen!

In der Flugzeugstadt Linköping ist die Aktiengesellschaft Aeroplan lange einer der großen Arbeitgeber gewesen. Jeder kennt einen oder mehrere, die dort bei Saab gearbeitet haben. Die Tätigkeit des Unternehmens hat die Stadt seit den 30er Jahren beeinflusst.

Damals herrschte Unruhe in Europa. Schweden verhält sich neutral und benötigt eine große einheimische Verteidigungsindustrie. Die eigene Flugzeugherstellung wird einer der wichtigsten Verteidigungsbranchen. Bald wird das Land eine der fortschrittlichsten Luftwaffen haben.

Per Pellebergs, früher war er Chef der Saab-Testpiloten, beschreibt diese Epoche: „Es war eine schnell wachsende Industrie, eine aufregende Zeit. Flugzeuge sind schon immer spannend gewesen, immer wieder sind dramatische Ereignisse mit ihnen verbunden. Diese Stimmung wirkte sich natürlich auf die Stadt Linköping aus. Hier passierte was, das war eine spannende Tätigkeit."

Bedrohte Flugindustrie
Während in Linköping Flugzeuge gebaut wurden, brach in anderen Teilen Europas der Zweite Weltkrieg aus. Ein Krieg mit neuer Technik, die die Zerstörung effizienter machte, als je zuvor. Moderne Flugzeuge konnten erstmals weit in das Hinterland des Feindes vordringen und ihre Bombenlasten dort abwerfen.

Schon bald sah die Leitung von Saab ein, dass Industrien beliebte Ziele für Bombenangriffe darstellen. „Der Krieg war also keine Erscheinung der jeweiligen Grenzgebiete mehr. Selbstverständlich wäre die Flugzeugherstellung von Saab ein vorrangiges Angriffsziel gewesen. Die wichtigen, empfindlichen Maschinen mussten geschützt werden. Eine Fabrik unter dem eigentlichen Werk in das Gestein zu sprengen war phantasievoll und inspirierend. Dort lagen die wichtigsten Herstellungsbereiche geschützt."

Strenge Geheimhaltung
Die Bauarbeiten wurden rasch und energisch vorangetrieben. Es war wichtig, sich schnellstens in den Granit hinein zu bohren, noch bevor der Krieg Schweden erreichte. Aber der Krieg erreichte Schweden zum Glück nie. Als das Werk fertig stand, war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Dennoch wurde dieser besondere Arbeitsplatz - einer der speziellsten Arbeitsplätze Schwedens - noch lange benutzt. Schließlich konnte niemand garantieren, ob der Krieg nicht doch wieder ausbrechen würde.

Die Geheimhaltung um das Flugzeugwerk war rigoros, sagt Per Pellebergs. „Saab wollte nicht, dass bekannt würde, was das Unternehmen dort tat, wie viel es dort herstellen konnte oder wie viele dort arbeiteten. Die unterirdische Herstellung war den allermeisten nicht bekannt. Auch für die meisten Mitarbeiter von Saab, die nicht dort unten arbeiteten. Sie war ein gut bewahrtes Geheimnis."

Aus den Vierzigerjahren wurden die Fünfziger und Sechziger. Viele der komplizierten, großen Maschinen für die Flugzeugherstellung waren direkt in der unterirdischen Fabrik montiert worden und konnten nur unter großen Schwierigkeiten woanders aufgestellt werden. Die Herstellung verlief wie geplant, die Arbeit wurde zunehmend effizienter. Die Flugzeugbauer unter Tage hatten einen verhältnismäßig komfortablen Arbeitsplatz und wollen ihn behalten. Saab nutzte seine unterirdische Fabrik weiter.

Wir stehen an der Einfahrt zu Saabs sagenumwobener, geheimer Felsenfabrik. Im Dunkel hinter dem mannshohen Gittertor kann man rohe Beton- und Felswände erahnen, wie am Eingang eines Bergwerks. Per Pellebergs spricht aus der Erinnerung:

Radfahren verboten!
„Man kommt an dieses große, schwarze Loch, den Eingang in der Bergwand. Danach beginnt die lange Rampe nach unten, die auch relativ große Fahrzeuge benutzen konnte. Allmählich erreicht man dann die Rolltreppe, damals war sie die Längste Schwedens. Dort unten steht ein großes Süßwasseraquarium mit lebenden Fischen! Und in den Werkstatträumen stehen Maschinen, Maschinen und nochmals Maschinen. Hier unten lebt man fast wie in einer eigenen Siedlung, abgeschnitten vom Rest der Welt. Man denkt einfach nicht daran, dass sich darüber 20 oder 30 Meter Granit auftürmen."

„Cykling förbjuden" - „Radfahren verboten" - steht auf einem knallgelben Plastikschild. In einem rostbraun gestrichenen, schier endlosen Korridor reiht sich Tür an Tür. Dort ein Schalter mit zugeschobenen Glasscheiben. Ein Anschlag mit den Öffnungszeiten der Kantine: Frühstück 8.45 - 9.30 Uhr, Mittagessen: 11.30 - 13.30, Brot, Butter und Kaffee inbegriffen. Der Preis dieses Essens ist nicht angeschlagen, er wäre heute sicherlich eine angenehme Überraschung… Auch die Werkskantine war unterirdisch.

Kunst für hochqualifizierte Mitarbeiter
Ein farbenfrohes Wandgemälde im Stil der Vierzigerjahre bedeckt ihre gesamte Rückwand. Es stellt die Geschichte der Luftfahrt dar, vom Flug der Kraniche über Ballons, Zeppeline, die ersten Segelflugzeuge und schließlich die fliegenden Festungen, die berühmten Bomber der US-Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg . Von den neuesten technischen Errungenschaften der Saab-Flugzeuge verrät das Bild, das 1949 fertig gestellt wurde, nichts.

Wer im Berg tätig war, verbrachte also fast den gesamten Arbeitstag ohne Tageslicht. Damit niemand bei Feierabend vom Wetter überrascht wurde, hatte die Unternehmensleitung einen Wetteranzeiger aufhängen lassen. In Form einer Uhrtafel zeigte er die Außentemperatur an und ob es schneite, regnete, sonnig oder bewölkt war.

In der eigentlichen Werkstatt standen alle Maschinen. Als die unterirdische Produktion auf Hochtouren lief, konnte täglich eine J29 - auch „die Tonne" genannt - das Werk verlassen. Heute stellen die Saab-Werke ungefähr 15 Jas-Flugzeuge pro Jahr her. Aber am Ende liefen die Zeit und die Entwicklung der unterirdischen Fabrik davon. „Die Flugzeugwerkstatt von Saab war ja bis lange nach dem Krieg in Betrieb. Aber die unterirdischen Hallen wurden allmählich zu klein, als neue Produktionsmethoden und Maschinen erforderlich wurden. Irgendwann in den Neunzigerjahren verließ der letzte Arbeiter die Fabrik nach seiner Schicht zum letzten Mal. Es sieht aus, als ob er am Tag darauf wiederkommen würde."

Irgendjemand hat Blaumann und Kappe an einem Nagel hängen lassen, auf der abgeschabten Resopalplatte eines kleinen Schreibtischs ein paar Aktenordner und eine vergessene Thermoskanne. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auch die gerahmten Schwarz-Weiß-Fotos von schwedischen Kampfflugzeugen an den avocadogrünen Wänden sind Zeugnisse einer anderen Epoche.

Heute dienen die gewaltigen unterirdischen Hallen als Lagerräume. Die Instandhaltung besteht zwar nur aus schwacher Beheizung und Entfeuchtung, ist aber dennoch kostenintensiv. Rund um die Uhr laufen riesige Grundwasserpumpen, damit kein Wasser aus dem Fels in die Hallen leckt.

Mutige Entscheidung
„Für eine Flugzeugindustrie war Saabs Lösung des Problems - nämlich eine ganze Fabrik unter die Erde zu verlegen - eine einzigartige Maßnahme. Das hier ist industrielle Kulturgeschichte. Ein Erbe, das viel darüber aussagt, wie man damals sein eigenes Zeitalter erlebte, welche Problemlösungen man anstrebte. Ich hoffe wirklich, dass wir dieses Kulturdenkmal der Nachwelt erhalten können!", wünscht sich der frühere Chef der Testpiloten, Per Pellebergs.

Die Zukunft dieser unterirdischen Flugzeugfabrik ist ungewiss. Niemand weiß genau, was mit diesen Räumen geschehen soll. Vielleicht werden demnächst die Pumpen abgeschaltet, und die Hallen füllen sich allmählich mit Grundwasser.

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