Betreuungsgeld: Vertane Chancen?

Das Betreuungsgeld für Kinder zwischen ein und drei Jahren wirkt sich negativ auf die sprachliche Entwicklung von Einwandererkindern aus. Zu diesem Schluss kommen Kindergartenrektoren und Erzieher. Allein im einwandererstarken Stockholmer Vorort Spånga-Tensta verdoppelte sich die Zahl der bewilligten Anträge auf Betreuungsgeld im vergangenen Jahr auf 135. In der Folge mussten bereits zwei Kindergärten schließen. Als die Christdemokraten als kleinste der bürgerlichen Regierungsparteien das Betreuungsgeld in Höhe von umgerechnet 300 Euro monatlich durchsetzen, hatten sie die klassische schwedische Familie im Sinn, die zu wenig Qualitätszeit miteinander verbringt. Nach anderthalb Jahren zeigen sich jedoch erste Tendenzen, welche schwerwiegenden Folgen der staatliche Zuschuss für die klassische Einwandererfamilie haben kann. Radio Schweden besuchte einen Kindergarten im Vorort Stockholm-Tensta.

„Sie ist das Baby und ich bin die Mama", erzählt die vierjährige Ikram stolz und zeigt auf ihre gleichaltrige Freundin Ajan, beide somalischer Herkunft. „Ich male aber auch oft und schreibe."

Das könnte Ikram sicher auch zu Hause tun. Ob ihre Eltern ihr jedoch Schwedisch beibringen könnten, so wie es der Kindergarten Stormhatten auf ganz natürliche Weise tut, ist fraglich. Das sollen die Eltern aber auch gar nicht, betont Kindergartenleiterin Karin Danielsson.

„Wir arbeiten viel daran, dass die Eltern selbstverständlich in der Muttersprache mit ihren Kindern sprechen, wir in der Kita aber die schwedische Sprache stärken. Wenn mehrsprachige Kinder nur zu Hause sind, haben sie doch gar keine Chance, mit Schwedisch in Kontakt zu kommen. Denn hier in Tensta wird nun mal nicht so viel Schwedisch gesprochen."

Schwedisch ist Mangelware

83 Kinder der Kita Stormhatten haben eine andere Muttersprache als Schwedisch, darunter vorwiegend Arabisch, Somalisch und Türkisch. Nur drei Kinder sprechen auch zu Hause Schwedisch. Erzieherin Annika Enlund hat selbst Finnisch als Muttersprache und kann sich keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen.

„Das ist schon eine ziemliche Herausforderung. Es ist eine andere Art des Arbeitens als in einem rein schwedischen Umfeld. Wir müssen die ganze Zeit daran denken, wie wir uns ausdrücken. Aber es macht total Spaß, denn man lernt ja selbst jeden Tag dazu."

Neben der sprachlichen Entwicklung bekommen die Kinder aber auch viel Soziales mit, was sie mit nach Hause tragen und später für die freie Bewegung in der schwedischen Gesellschaft unabdingbar ist, meint Rektorin Danielsson.

„Der Kindergarten vermittelt auch das, was wir eine „Demokratie-Schule" nennen. Anderen zuhören, sich selbst zurückstellen, Kompromisse eingehen, das lernen hier die Kinder schon früh. Das hat nichts mit typisch Schwedisch kontra etwas anderem zu tun, sondern mit unserer Vorstellung davon, dass alle gleich viel wert sind - egal, ob groß oder klein, Junge oder Mädchen."

Gerade in Stadtteilen mit hohem Einwandereranteil nun ist das Betreuungsgeld bei arbeitslosen Müttern beliebt, Tendenz steigend. 300 Euro extra plus noch einmal etwa 100 Euro Kindergartengebühr gespart - das macht für viele Familien einen enormen Unterschied, bedauert Kita-Leiterin Danielsson. Der Kindergarten Stormhatten ist der älteste kommunale im Stadtteil und genießt hohes Ansehen, entsprechend lang waren immer die Warteschlangen. Inzwischen muss die Rektorin regelrecht Werbung machen, um die Gruppen zu füllen. Geld geht vor Bildung und späterer Chancengleichheit - daran zeigt sich für Danielsson, wie segregiert Stadtteile wie Tensta mittlerweile sind.

Guter Kindergarten - gute Bildungschencen

„Wer erst mit drei in den Kindergarten kommt, verpasst sehr viel - die sozialen Codes und wie man sich richtig ausdrückt. Ein guter Kindergarten führt zu einer guten Schulbildung und ist also ein guter Start ins Leben. Die Chancen für eine gute weiterführende Ausbildung steigen und damit für einen guten Job. Für die Integration ist es also äußerst wichtig, dass mehrsprachige Kinder in den Kindergarten gehen."

Aber auch die Mütter, die ihre Kinder zu Hause betreuen, tun sich laut Danielsson keinen Gefallen. Sie versperren sich selbst den Weg auf den schwedischen Arbeitsmarkt.

„Wer sich für das Betreuungsgeld entscheidet, ist oftmals zu Hause isoliert. Die Mütter können nicht zum Schwedisch-Unterricht gehen oder sich einen Job suchen. Auch wenn die Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht ist, so gibt es doch Jobs. Oder man kann ein Praktikum machen. Gerade der Sprachunterricht bedeutet unendlich viel für die Mütter, sie haben mehr Selbstvertrauen und merken, sie packen das."

Rektorin Danielsson hofft, dass die Politik ihren Fehler einsieht und das Betreuungsgeld abschafft. „Nun, da es nicht so läuft wie geplant, sollte man das wieder gerade rücken, so dass die Kinder in den Kindergarten gehen können anstatt zu Hause zu sein."

Liv Heidbüchel

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".