Minderjährig oder erwachsen?
Flüchtlingspolitik

Asylbewerber geben sich als minderjährig aus

Um leichter eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, machen viele jugendliche Asylbewerber, die ohne Begleitung nach Schweden kommen, falsche Altersangaben. Das bestätigen Personal und Leiter verschiedener Flüchtlingsunterkünfte gegenüber Sveriges Radio International. Demnach geben sich etliche der Betroffenen für minderjährig aus, obwohl sie teilweise bedeutend älter sind. In 15% der Fälle korrigiert die Migrationsbehörde nachträglich das Alter nach oben. Vermutlich handelt es sich aber um weitaus mehr Fälle, in denen die Altersangaben nicht korrekt sind. Für die Asylbewerber selbst bringt das große Probleme mit sich.

Laut UN-Kinderrechtskonvention dürfen unbegleitete Minderjährige nicht in ihre Heimat zurückgeschickt werden, sofern nicht Angehörige sich vor Ort um das Kind kümmern. Außerdem genießen minderjährige Asylbewerber das Recht auf Schulbildung, Wohnen und medizinische Versorgung. Eine, die vor ihrer Flucht aus Somalia wusste, dass sie als Minderjährige leichter eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen würde, ist Asha. Eigentlich heißt sie anders, doch aus Angst vor den Konsequenzen will sie anonym bleiben.

„Als ich nach Schweden kam, habe ich gesagt, ich sei 19, dabei war ich damals 30. Warum? Ich brauchte die Aufenthaltsgenehmigung!“

Zehn Jahre Unterschied keine Seltenheit

Ein derart großer Unterschied zwischen genanntem und wahrem Alter ist keine Seltenheit, sagt Sara Darabi, die als Coach in einer Wohnstätte für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge arbeitet. „Ich muss gestehen, dass eine große Zahl meiner Klienten älter als 18 ist. Viel älter manchmal.“

Wie häufig es vorkommt, dass jugendliche Flüchtlinge falsche Altersangaben machen, weiß niemand. In Norwegen haben Zahntests von Betroffenen jedoch erbracht, dass neun von zehn der Untersuchten volljährig waren. Dagegen nehmen sich die 15% der Fälle, in denen die schwedische Migrationsbehörde das Alter nach oben korrigiert, noch sehr gering aus.

Falsche Altersangaben können zur Abschiebung führen – kein Wunder, dass die Betroffenen auch später keine Gelegenheit nutzen, ihr korrektes Alter anzugeben. Dazu sagt Asha:

 „Ich bin sehr krank. Mein Blutdruck ist zu hoch und ich werde im Krankenhaus behandelt. Weil die Ärzte aber denken, dass ich 19 bin, ist die Dosierung der Medizin zu niedrig. Die Ärzte ändern dauernd die Medikation, aber das hilft natürlich nicht. Ich kann aber nicht sagen, dass ich älter bin. Was ich getan habe, ist falsch, und ich rate allen, die Wahrheit zu sagen. Sonst ist es zu spät, und im Nachhinein kann man nichts mehr machen. Ich muss nun bei meinem falschen Alter bleiben.“

Keine Rente mit 65

Sara Darabi vom Flüchtlingswohnheim sieht aber noch andere Probleme auf die Flüchtlinge zukommen, an die in jungen Jahren sicher niemand denken mag.

„In Schweden geht man mit 65 in Rente. Ist man aber in Wirklichkeit deutlich älter, wird es hart. Man gibt Rechte auf. Das Schlimmste ist aber, dass man sein Recht auf seine eigene Identität abgibt, das Recht darauf, Ich zu sein, mit meiner Geschichte, meinem Namen und meinem wahren Alter.“

Auch beim Schwedischen Kinderschutzbund Rädda Barnen ist man beunruhigt. Wenn sich die Migrationsbehörde nach einem relativ kurzen Treffen mit dem Betroffenen auf ein Alter festlegt, so hat dies auch schwer wiegende Konsequenzen für die Beschlüsse anderer Behörden. Umso wichtiger also, dass die Mitarbeiter der Migrationsbehörde besser im Feststellen des Alters werden, so Jessica Carlsson beim Kinderschutzbund.

„Wir meinen, dass es Sachbearbeiter mit besonderer Kenntnis auf diesem Gebiet geben muss, die also beurteilen können, wie reif ein Jugendlicher ist usw. Das schafft die Grundlage für gute Gespräche mit den Jugendlichen. Für die ist heute allerdings oftmals viel zu wenig Zeit und das führt zu schematischen Beurteilungen.“

Ein Problem, das die Behörden zügig in den Griff bekommen sollten. Im vergangenen Jahr kamen 2250 unbegleitete minderjährige Asylbewerber nach Schweden, Tendenz steigend.

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