Meänkieli

Eine Sprache verschwindet?

Meänkieli oder Tornedalfinnisch ist eine von fünf anerkannten Minderheitensprachen in Schweden. Bis zu 70.000 Menschen sprechen Meänkieli, hauptsächlich in Nordschweden und im schwedisch-finnischen Grenzgebietes Tornetal. Kinder und Jugendliche können die Sprache in der Schule im Muttersprachenunterricht pflegen, doch wenige tun dies. Allein in der Schule in Pajala im Tornetal lernen nur sieben von mehr als 300 Schülern Meänkieli im Muttersprachenunterricht.

Die Grundschule Smedskolan in der Kleinstadt Pajala lugt wie ein Bauklotz aus den Schneemassen hervor. Es ist Winter im Tornetal, ein normaler Schultag, drei Erstklässler pauken mit Lehrerin Agneta Mella die Sprache Meänkieli. „Heute habe ich ein Gedicht, das lese ich euch erstmal vor: Moron moron, ostaks poron. Hyvä ja halpa, mutta klinkussa jalka.“ Diesen Vers vom hinkenden Ren, das billig zu haben ist, haben schon Generationen von Kindern im Tornetal gelernt. Oskar, Amanda und Isaak sind drei von sieben Schülern in Pajala, die Meänkieli im Muttersprachenunterricht lernen.

Der siebenjährige Oskar Hjärtström wächst zweisprachig auf und findet Meänkieli richtig cool: „Ich will das lernen, weil das echt Spaß macht, aber ziemlich schwer ist. Manche Buchstaben haben eine andere Bedeutung, sie klingen anders als auf Schwedisch.“

Herzenssache Sprache
Zum Beispiel wird das „u“ gesprochen wie ein „o“. Meänkieli gehört zum finnisch-ugrischen Sprachstamm und hat im Laufe der Zeit ein paar schwedische Einflüsse bekommen. Diese Sprache klingt, als würden Kieselsteine aufeinander tropfen. Meänkieli bedeutet „unsere Sprache“ und ihr wohnt eine besonderes Gefühl inne, meint Lehrerin Agneta Mella, die selbst schwedische Muttersprachlerin ist: „Meänkieli, das ist die Sprache unserer Wurzeln. Finnisch bedeutet mehr gefühlsmäßig für mich, ich mag eher finnische Lieder. Das ist tief in uns verankert.“

Auch wenn die Sprache im Tornetal nach wie vor eine wichtige Rolle spielt im Alltagsleben, es Theatervorstellungen auf Meänkieli gibt, eine Fernsehsendung und Radioprogramme - bei den Jüngeren lässt das Interesse nach. Johan Alatalo geht in die neunte Klasse und hat nicht viel für die Sprache übrig: „Ich mag Meänkieli nicht. Meine Mutter ist Finnin, ich habe von Anfang an finnisch gelernt. Ich fände es besser, gewöhnliches Finnisch in der Schule zu lernen. Damit kann man sich in Finnland besser verständigen.“ 

Geringes Interesse
Mögen die Jüngsten den Spracherwerb noch lustig finden, bei den Jugendlichen nimmt das Interesse an Meänkieli schnell ab. Von über 300 Schülern in Pajala haben nur sieben Meänkieli im Muttersprachenunterricht gewählt. Und bei der Drittsprache nach Schwedisch und Englisch sind eher Spanisch und Deutsch gefragt. Damit kommt man im späteren Berufsleben weiter als mit einer Minderheitensprache. Rektorin Ingegerd Ylepää fordert mehr Unterstützung vom Elternhaus: „Wenn man eine Sprache pflegen will, dann braucht die Schule auch Hilfe. Die Gesellschaft und die Eltern sind gefragt, die Schule kann nicht alles alleine machen.“


Im Schulcafé spielen drei Mädchen aus der neunten Klasse Karten. Sie haben etwas Meänkieli im Wahlfach gelernt und dort eine Zeitung auf Meänkieli und Schwedisch produziert. Zuhause aber sprechen sie nur Schwedisch, wie Sara Backgård erklärt: „Mein Vater redet Meänkieli, Mama nicht. Ich verstehe ein bisschen, spreche aber nicht selbst.“

Sprachpflege braucht Zeit
Meänkieli scheint die Sprache der älteren Generation zu sein, die Weitergabe an die Kinder gelingt nur selten. Woran liegt das? Wirkt noch immer der Schrecken der Vergangenheit? Bis in die 50er Jahre war Meänkieli verboten, und später zwar offiziell erlaubt, aber eher unerwünscht. Der Schriftsteller Mikael Niemi hat in seinem letzten Buch „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ sogar ein Mordmotiv um die Unterdrückung der Sprache konstruiert. Nun ist die Minderheitensprache Meänkieili  nicht länger unterdrückt, sondern erlaubt und wird gefördert, und scheint doch verloren zu gehen, wofür der Schriftsteller Niemi folgende Erklärung hat: „Wir sind nicht länger minderwertig, sondern akzeptiert. Tornetalfinnisch ist seit 2000 eine anerkannte Minderheitensprache. Es gibt Radio- und Fernsehsendungen in unserer Sprache. Der Schritt von der Unterdrückung zur Gleichberechtigung ging so schnell. Im Kopf ist man da noch nicht mitgekommen. Die Scham sitzt tief, Eltern wollen deshalb ungern ihre Muttersprache an die Kinder weitergeben.“

Die Kleinen in der ersten Klasse der Smedskolan in Pajala sind noch mit einfachen Geschichten zufrieden, die sie in ihren Unterrichtsheften bebildern. Geschichten vom hinkenden Rentier und tanzenden Mäusen und platzenden Würsten. Meänkieli für Kinder jedenfalls ist eine lustige Sache.

Katja Güth

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