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In dieser Strasse im Stockholmer Stadtteil Söder hatte Nelly Sachs ihre Wohnung (Foto: Janerik Henriksson / SCANPIX Schweden)
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Nelly Sachs
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In den unterirdischen Räumen der Königlichen Bibliothek ist heute die Wohnung von Nelly Sachs aufgebaut (Foto: Hasse Holmberg / Scanpix)

Die unterirdische Wohnung

Nelly Sachs' unterirdische Wohnung
7:34 min

Leonie Sachs * 10. Dezember 1891  Schöneberg, † 12. Mai 1970 Stockholm

Der Nachlass von Nobelpreisträgerin Nelly Sachs war ein Geschenk an die Königliche Bibliothek in Stockholm. Zusammen mit sämtlichen schwedischen Druckerzeugnissen, die jemals erschienen sind, ist er heute mehrere Stockwerke unter der Erdoberfläche verborgen.

Die Königliche Bibliothek in Stockholm archiviert alle Druckerzeugnisse Schwedens, von Busfahrplänen und Telefonbüchern bis hin zu alten, königlichen Dekreten, fasst Ingrid Svensson von Kungliga Biblioteket die Aufgaben des Staatsarchivs zusammen. Aber in den ausgedehnten Sammlungen werden auch andere unersetzliche Werte verwahrt: „Wir haben hier das Archiv von Nelly Sachs, ein sehr umfassendes Archiv. Und außerdem - was noch viel origineller ist - wir haben die Wohnung von Nelly Sachs!"

Nelly Sachs wurde 1891 in Berlin geboren und wuchs dort auf. Sie begann schon früh Gedichte zu schreiben und fand erste Anerkennung als deutsche Schriftstellerin jüdischen Glaubens. Den Nobelpreis in Literatur erhielt sie 1966 zusammen mit dem israelischen Schriftsteller Samuel Josef Agnon.

Während des Zweiten Weltkriegs floh Nelly Sachs mit ihrer Mutter und ließ sich in Schweden nieder. Den beiden konnten Deutschland erst nach monatelangen bürokratischen Komplikationen im Mai 1940 im letzten Moment in einem Flugzeug Richtung Stockholm verlassen. Der Befehl für den Abtransport in ein Lager traf am selben Tag ein, wie das Visum für Schweden. Der Vater, William Sachs, war bereits 1930 gestorben.

Der Traum vom Nobelpreis
In ihrer Dankesrede beim Nobelbankett beschrieb Nelly Sachs Jahrzehnte später, wie sie damals nach Skandinavien gekommen war. Sachs' Freundin Gudrun Harlan war schon im Sommer 1939 nach Schweden gereist, um von der schwedischen Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf Hilfe für ein Visum zu erbitten.

für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Deutlichkeit interpretieren

Nelly Sachs hatte seit ihrer Jugend im Briefwechsel mit Lagerlöf gestanden und Schweden aus ihrem Werk kennen und lieben gelernt, sagte sie. Aber die große alte Dame der schwedischen Literatur war schwer krank und konnte ihrer asylsuchenden jungen Kollegin nicht mehr helfen. Das rettende Visum erhielt sie schließlich mit der Unterstützung des „Malerprinzen" Eugen, eines Bruders des schwedischen Königs.

Im Frühling 1940 kamen wir nach qualvollen Monaten in Stockholm an, berichtete Nelly Sachs auf dem Nobelfest. Dänemark und Norwegen waren bereits besetzt. Die große Romanautorin (Selma Lagerlöf) gab es nicht mehr. Wir atmeten die Luft der Freiheit ohne die Sprache zu sprechen oder irgendjemanden zu kennen. Heute, 26 Jahre später, denke ich daran, was mein Vater an jedem zehnten Dezember in meiner Heimatstadt Berlin zu sagen pflegte: ‚Jetzt findet die Nobelfeier in Stockholm statt.' Dank der Wahl der Schwedischen Akademie bin diesmal ich Mittelpunkt dieser Feierlichkeiten. Für mich ist ein Märchen wahr geworden.

An Stelle von Heimat
Ihrer Dankesrede beim formellen Nobeldiner fügte die frischgebackene Preisträgerin Nelly Sachs ein eigens für die Zeremonie geschriebenes Gedicht an, das sie später auch selbst in einer Sendung des Schwedischen Rundfunks vortrug:

In der Flucht welch großer Empfang unterwegs - Eingehüllt in der Winde Tuch Füße im Gebet des Sandes der niemals Amen sagen kann denn er muss von der Flosse in den Flügel und weiter - Der kranke Schmetterling weiß bald wieder vom Meer - Dieser Stein mit der Inschrift der Fliege hat sich mir in die Hand gegeben - An Stelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt.

Unterirdische Lagerung

Ein stählerner Fahrstuhl führt in die unterirdischen Magazine der Königlichen Bibliothek im Herzen Stockholms. In dem neonbeleuchteten Korridor des Betonzweckbaus von 1997 öffnet sich eine Tür. Hier beginnt eine Zeitreise in die 40er bis 70er Jahre, in die private Welt von Nelly Sachs.

In der bescheidenen, altmodischen Wohnung verbreitet eine Stehlampe mit weißem Rüschenschirm ihr mildes Licht über Bücherregale. Überall übervolle Bücherregale…

„In diesem Erinnerungsraum stehen Nelly Sachs Möbel, typische Möbel der Vierzigerjahre, die ihre Freunde ihr geschenkt hatten. Und ihre Bibliothek", erzählt Ingrid Svensson über diesen Schatz der Königlichen Bibliothek.

Bilder von Schmerz und Tod
Die Jahre nach der Ankunft in Stockholm waren für die Schriftstellerin und ihre Mutter von harten Entbehrungen und Krankheit geprägt. Anfangs trug Sachs als Wäscherin zum Lebensunterhalt bei, die Pflege der kränkelnden Mutter und die eigene angeschlagene Gesundheit zehrten an ihrer Energie. Oft war Nelly Sachs auf die Hilfe ihrer Freunde angewiesen. Sie lernte Schwedisch und begann moderne schwedische Lyrik zu übersetzen. Ihre eigene Poesie der Kriegsjahre enthält Bilder von Schmerz und Tod. 1953 erhielt Nelly Sachs die schwedische Staatsbürgerschaft.

Ein paar Fotografien aus vergangenen deutschen Tagen: In einem Goldrahmen eine sonnenbeschienene repräsentative Villa. Vielleicht das Haus in Berlin-Schöneberg, in dem die kleine Nelly aufwuchs. Gleich daneben in bronzefarbenen Jugendstilrahmen eine sepiabraune Fotografie - wahrscheinlich vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Sie stellt ein kleines Mädchen dar, das sich vertraulich an eine elegante Dame lehnt. Das könnten Nelly Sachs und ihre Mutter in glücklicheren Tagen gewesen sein.

Steinsammlung
Nebenan in dem engen Schlafzimmer ein schmales Bettgestell, daneben ein lederbezogener Reisewecker, mehr Bücherregale und ein altrosa Tablett mit Steinen und Muscheln sorgfältig in Reih und Glied arrangiert.

„Nelly Sachs bedeuteten Gegenstände besonders viel. Sie sammelte Steine und Muscheln. Hier im Schlafzimmer steht auch ihre schwarze Schreibmaschine ,Marke Mercedes prima'. Das große Foto an der Wand hinter dem Bett stellt die Aussicht aus ihrem Fenster in der Wohnung am Bergsundsstrand 23 dar."

Eine Plakette an dem Haus im Stockholmer Stadtteil Söder erinnert heute faran, dass Nelly Sachs einmal dort gewohnt hat, zu einer Zeit, als die Gegend noch ein ausgeprägtes Arbeiterviertel mit Kleinindustrie war.

Bescheiden am Bergsundsstrand 23
Den Nobelpreis nahm die Lyrikerin an ihrem 75. Geburtstag, dem 10. Dezember 1966, zusammen mit dem israelischen Schriftsteller Samuel Joseph Agnon entgegen. Für - so hieß es in der Begründung: „ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren".

Das Preisgeld verschenkte Sachs an Bedürftige.

Am 12. Mai 1970 starb Nelly Sachs in Stockholm an einer Krebserkrankung. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof von Norra begravningsplatsen im Norden von Stockholm beigesetzt.

Sybille Neveling

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