Natur

Frühlingsboten in Lappland

Frühling in Nordschweden ist eine sehr unschöne Jahreszeit. Frühling ist, wenn der Schnee nach dem langen Winter taut. Und dann ist überall nur Matsch. Krokusse, Schneeglöckchen oder gar Tulpen sucht man vergebens, dafür machen die Frühlingsboten lautstark von sich hören. Schwäne und Kraniche kommen nun in Schwärmen, und Vogelgucken ist ein weit verbreitetes Frühjahrsvergnügen.

Es ist nicht gerade frühlingshaft warm, vielleicht zwei, drei Grad und windig, warme Unterhosen und windfeste Jacken sind angesagt. An einem Acker in der Nähe von Luleå, mit Blick auf die Ställe einer Schweinefarm stehen drei Frauen in windfeste Jacken gepackt und zählen Kraniche. Sie kommen auf 79 Stück, was nur der Anfang ist, mit fortschreitendem Frühling können bis zu 400 Kraniche die Äcker füllen.

Die Ankunft der Vögel markiert das Ende des Winters, sagt Hobbyornithologin Elsa Rensfeldt: „Wir haben keine Schneeglöckchen. Unsere Frühblüher sind die Schwäne. Hier oben haben wir ja nur Singschwäne, Höckerschwäne gibt es nur ganz selten hier, die sind ja im Süden weit verbreitet. Dann kommen die Kraniche, Gänse und die Kleinvögel wie die Bachstelze.“

Das Gezeter der Singschwäne erfüllt die Luft, gemeinsam mit den Kranichen scheinen sie um die Gunst der Zuschauer zu buhlen. Die Singschwäne haben einen flachen Schnabel mit markanter gelber Markierung statt der orangenen Färbung des Höckerschwans. Es gilt genau hinzugucken, will man wissen, was sich auf den Äckern tummelt. Und die Frauen wollen genau wissen, ob da hinten neben den Schwänen und Kranichen auch die ersten Saatgänse angekommen sind, oder sind es Zwerggänse oder Kurzschnabelgänse gar?

Romantisches Stelldichein
Ein paar Meter weiter sitzen vier gut ausgerüstete Vogelgucker im warmen Auto, die Scheiben heruntergelassen, aus den Thermoskannenbechern dampft Kaffee.

Erik Johansson glaubt, dass der seltene Gast eine Zwerggans ist. „Die sind ja viel kleiner als die anderen. Das Vogelbestimmungsbuch muss man mithaben, Ferngläser und Kaffee natürlich. Wir hoffen nicht nur auf Vögel, sondern später auch Rehe zu sehen, oder einen Fuchs oder ein paar Raubvögel sogar.“

Ja, der abendliche Ausflug auf die Äcker ist sehr beliebt bei den Einwohnern der nördlichen Breitengrade. Die Temperaturen liegen immerhin über dem Gefrierpunkt, das Eis auf den Seen und Flüssen schrumpft zunehmend, der Schnee gibt immer mehr Boden frei. Und die Vögel künden von der Gewissheit, dass nach jedem Winter ein Sommer kommt.

Auch Hasse Eriksson ist zum Vogelbeobachten  gekommen, er sieht voller Freude auf die zahlreichen Frühlingsboten. „Das ist das schönste Naturschauspiel, das man sich denken kann. Gerade nach diesem Winter, der so viel bitterer war als sonst, sind die Vögel lange ersehnt. Und wenn sie dann kommen, kann man viel Kraft daraus schöpfen. Man wird richtig demütig.“

Leben mit der Natur
Demütig und dankbar fühlen sich auch die drei Frauen, die noch immer den Schwänen, Kranichen und Gänsen nachgucken. Das ornithologische Interesse hat sie zusammengeführt. Sie haben das Netzwerk Austernfischer gegründet, dieser Vogel ist übrigens auch gerade an der Küste gelandet.

Die Vögel symbolisieren schlichtweg das Leben, meint Elsa Rensfeldt: „Im Frühjahr kommt mit den Vögeln das Leben zurück, im Herbst kehrt Wehmut ein, wenn sie ziehen. Das ist der Lauf der Zeit.“

Und das Leben eines Singschwans kann ziemlich abrupt enden, wie die Hobbyornithologen beim Blick durchs Fernglas gerade feststellen. Der weiße Fleck dort auf dem Acker ist kein Schneeklumpen, sondern ein toter Schwan. „Der ist sicher mit der Stromleitung kollidiert. Guck, wie der da liegt, mit gebrochenem Hals. Bedauerlich.“

Auch das der Lauf der Zeit. Doch schon bald paaren sich die Vögel. Dafür sind sie schließlich gekommen. Dank der hellen Nächte können sie Tag und Nacht Futter für den Nachwuchs beschaffen. Und der Gedanke daran weckt bei den Vogelguckern dieses Abends einfach nur die Vorfreude auf die schönste Zeit des Jahres.

Katja Güth

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