Schule

Ferien gehen immer häufiger vor Bildung

Immer mehr Familien verlegen ihren Urlaub in die Zeit außerhalb der Schulferien. Obwohl dies für etliche Schulkinder einen Unterrichtsausfall von mehreren Wochen pro Halbjahr bedeutet, bewilligen die Schulrektoren in den meisten Fällen die Anträge der Eltern. Und auf die Schulnoten der verreisten Schüler hat es offenbar kaum Auswirkungen, ob sie am Unterricht teilnehmen oder nicht.

Für eine Reise außerhalb der regulären Schulferien spricht vieles: günstigere Preise, weniger Gedrängel an beliebten Feriendomizilen, die Eltern können sich leichter freinehmen. Dagegen spricht, dass die Schüler unter Umständen zuviel Unterrichtsstoff verpassen. Mögliche Folge: Wissenslücken oder gar das Verfehlen des Klassenziels.

12.600 Schüler der 1. bis 9. Klasse haben im vergangen Schuljahr eine Freistellung vom Unterricht beantragt. Dabei ging es um ein Fernbleiben vom Unterricht über mindestens zehn Tage. Ein Zeitraum, in dem Schülern an schwedischen Schulen offensichtlich nicht allzu viel Wissenswertes geboten wird, denn immerhin neun von zehn Schülern wurde der Antrag bewilligt. Aber auch ein Großteil derjenigen, die eigentlich nicht verreisen durften, reiste trotzdem, zeigt eine Untersuchung der Schulbehörde.

Klassenziel wird meist trotzdem erreicht

Ein Problem, bestätigt Maria Hägnefelt, Rektorin an der Hedvig-Eleonora-Schule in Stockholm, im Schwedischen Rundfunk.

„Manche Eltern werden richtig sauer und sagen, dass die Kinder das Klassenziel ja trotzdem erreichen - was in den meisten Fällen auch stimmt. Meiner Ansicht nach geht es aber auch um Gleichbehandlung und darum, welche Einstellung man gegenüber der Schule hat. Nur weil jemand gut in der Schule ist, bedeutet das ja nicht, dass derjenige öfter freihaben kann als ein schlechterer Schüler. Dass man zwischen den Ferien nicht einfach so frei bekommt, wirkt auch dem Schwänzen ganz generell entgegen.“

Kinder aus dem Unterricht zu nehmen, hält die Rektorin für respektlos dem Kind gegenüber. Kinder hätten immerhin ein Recht auf Ausbildung. Deshalb ist Maria Hägnefelt der Meinung, die Schulleiter sollten insgesamt strenger in ihrer Beurteilung von Ferienanträgen werden.

Wenn Eltern sich dennoch einem Verbot widersetzen, hat dies jedoch kaum Konsequenzen, macht Ulrika Lindmark, Juristin bei der Schulbehörde, im Schwedischen Rundfunk deutlich: „Die Schule hat in solchen Fällen keine Handhabe. Im Dialog mit den Eltern kann man sie darauf hinweisen, wie wichtig es ist, sich an die Schulpflicht zu halten. Die Schüler können schließlich Probleme mit den Noten bekommen.“

Schulen ohne Handhabe: Selbstgewähltes Los?

Doch wenn schon die Rektoren selbst in der überwiegenden Zahl der Fälle der Meinung sind, dass ihre Schüler nichts verpassen, sagt dies wohl mehr über den Gehalt der schwedischen Schulbildung als über die Dreistigkeit von Eltern, die für die Fahrt in die Sommerfrische einen Gesetzesverstoß in Kauf nehmen. Auf die Frage, welche Änderungen sinnvoll wären, um den Schulen mehr Handlungsspielraum zu gewähren, antwortet Ulrika Lindmark von der Schulbehörde denn auch nur vage: „Es wäre denkbar, dass die Eltern in den Schulferien verreisen. Das ist doch eine gute Lösung.“

Untersuchungen belegen, dass das Wissensniveau schwedischer Schüler in den vergangenen Jahren drastisch gesunken ist. Die bürgerliche Regierung will dies ändern, und so sorgt Bildungsminister Jan Björklund immer wieder mit lauten Rufen nach strengeren Regeln und Notensystemen in Schwedens Schulen für Schlagzeilen.

Nun dürften an den gesunkenen Leistungen nicht nur die etwa 12.000 Schüler schuld sein, die wegen ausgedehnter Reisen dem Unterricht fernbleiben. Der Wunsch nach einer Generalüberholung in Sachen Leistungsanspruch an Bildungsstandards scheint nicht unberechtigt.

Liv Heidbüchel

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