Bevölkerung

Migration in den ländlichen Raum

Die Quartalsberichte der Statistischen Zentralbehörde sind für manche schwedische Regionen stets eine bittere Lektüre. Die Statistiken bescheinigen Abwanderungen aus den ländlichen Gebieten in die Ballungszentren und Städte oder ins Ausland. Im vergangenen Jahr haben vor allem Provinzen im Norden des Landes eine negative Bevölkerungsentwicklung zu verzeichnen. Wie lässt sich der Drang in die Städte und das Ausbluten mancher Regionen verhindern?

Im Cafe Punkten in Munkfors, Värmland duftet es nach Hefe, Brot und Kuchen. Es gibt Sechs-Korn-Brot, holländisches Rosinenbrot, fein dekorierte Hochzeits- und Geburtstagstorten, schwedisches Kaffeegebäck, und holländische Kekse in Tüten, und gerade ist richtig viel zu tun, weil eine Delegation mit Vertretern des ländlichen Raumes mit Kaffee und Kuchen bewirtet werden will.

Pietje Wassenaar ist mit ihrer Familie vor fast fünf Jahren von Friesland in Holland nach Mittelschweden gezogen. „Wir waren seit 25 Jahren immer hier in der Gegend im Urlaub, es hat uns so gut gefallen, dass wir hierher ziehen wollten. Meine Tochter ist Konditor und ihr Freund Bäcker, als die Bäckerei hier zu verkaufen war, haben wir nicht lange überlegt. Jetzt läuft alles gut, es könnte nicht besser gehen.“

Aus den Niederlanden
Zur Kundschaft gehören nämlich hauptsächlich Landsleute, die es auch in die Kommune Munkfors gezogen hat, 54 wohnen das ganze Jahr über dort, dazu kommen viele Ferienhausbesitzer. Ohne Ausländer, ist sich Bürgermeister Björn-Olov Hallberg sicher, stünden viel mehr Häuser leer: „Der Zuzug hat die ganze Gegend vitalisiert. Die Zugezogenen haben sich gut in die Gemeinschaft eingefügt. Sie haben viele Ideen, was man vielleicht anders machen könnte. Die Holländer haben eine ähnliche Kultur und lernen die schwedische Sprache schnell.“

Aufschwung und Integration
Die Zugezogenen bringen nicht nur neue Brotsorten und Ideen, sondern unter Umständen auch andere Sitten. Birgitta Andrae, pensionierte Chefin des Touristenbüros, berichtet den Delegationsteilnehmern auch über die neue Pünktlichkeit, die mit den holländischen Handwerkern eingezogen ist: „Ja, das ist eigentlich schlimm... Wenn wir in Schweden einen Handwerker bestellen, dann kann das dauern, bis er kommt. Wenn wir einen Holländer bestellen, dann kommt der zu angegebenen Zeit. Wenn ein Holländer von einem schwedischen Kollegen Hilfe braucht, ist er sauer, wenn der Kollege fünf Minuten zu spät kommt.“

Wenn Einwanderer mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen für eine Belebung der dörflichen Struktur sorgen, wenn Seiten davon profitieren, darf man von gelungener Integration sprechen.

Notwendiger Zuzug
Der ländliche Raum ist auf den Zuzug angewiesen, meint der Soziologe Peter Waara von der Universität Uppsala. „Wenn man in der Ausbildung ist oder studiert und einen Partner trifft und eine Familie gründet, bildet man ja einen Lebensmittelpunkt. Ein Umzug in die Heimat des einen ist für den anderen Partner nicht leicht. Man sollte daher mehr auf Zuzug allgemein setzen, das müssen nicht die Weggezogenen sein, das können auch Andere sein.“

Wenn andere Nationalitäten die Vorzüge des Lebens auf dem schwedischen Land besser schätzen, als die Einheimischen, warum nicht verstärkt auf jene setzen?

Veränderte Einstellung
Ein Zuzug ist unumgänglich, wenn nicht bestimmte Gegenden völlig aussterben sollen, sind sich die Delegierten des ländlichen Raumes im Cafe in Munkfors einig. Ein hohes Durchschnittsalter, eine zunehmende Vergreisung und hohe Arbeitslosigkeit bescheinigte nicht zuletzt der OECD-Bericht über Schweden den nördlichsten Provinzen.

Ein schleichender Verfall setzt oft ein, erst wird die Schule wegen zu geringer Schülerzahlen geschlossen, dann der Dorfladen, übrig bleiben die Alten. Sie reflektieren inzwischen selbstkritisch über ihre eigene Rolle, wie Monica Sundström aus dem nordschwedischen Murjek: „Unsere Jugendlichen haben gelernt: Fahr nach Piteå, Stockholm, Göteborg, dort liegt das Glück. Man glaubt selbst ständig, dass das Gras auf der anderen Seite grüner ist!“

Das bescheinigt auch Soziologin Lotta Svensson der älteren Elterngeneration. Sie hat über Einstellungen und Werte in Stadt und Land geforscht: „Es liegt an den Eltern, und was die ihren Kindern vermitteln. Sagen sie: Logisch sollst du hier bleiben, hier hast du es am besten oder sagen sie, das moderne Leben eines Jugendlichen soll auf jeden Fall in der Stadt beginnen und dann kannst du vielleicht zurückkommen. Wir Erwachsenen glauben, man muss woanders jung sein.“ 

Jugendliche wollen Veränderung
Und die Jugend selbst? Manche wollen woanders jung sein, bloß nicht zuhause. Und dann? „Ich möchte in einer größeren Stadt wohnen, nicht in Mora bleiben“, sagt Julia Lavne. „Ich möchte neue Gesichter sehen und umziehen. Am liebsten nach Malmö.“


„Zuerst werde ich wohl in die Stadt ziehen und dann zurückkommen und eine Familie gründen“, sagt Julia Berggren aus Örebro. Eine ihrer Bekannten meint: „Es sind doch schön, auf dem Land zu wohnen, ich gehe in Örebro zur Schule und finde es super, wenn ich nachhause komme, wo es ruhig und still ist.“


Allen ist wichtig, eine Arbeit zu haben. Und da sind alle gefragt, daran zu arbeiten.

Katja Güth