Victorias Hochzeit

Treulich geführt

Wer begleitet die Kronprinzessin zum Altar? Für diese Frage suchen Hof und Kirche eine einvernehmliche Antwort. Prinzessin Victoria möchte, dass ihr Vater sie am 19. Juni um 15.30 Uhr zum Altar führt und dort an ihren Bräutigam, Daniel Westling, übergibt. Kritiker wehren sich gegen diese hierzulande unübliche Vorgehensweise, nicht zuletzt weil diese Hochzeit stark symbolträchtig ist und Victoria als Staatsoberhaupt in spe nicht für unmündig erklären soll.

In Schweden schreitet das Brautpaar zumeist gemeinsam zum Altar. So taten es anno 1976 auch König Carl XVI Gustaf und Silvia Sommerlath, die Eltern der Kronprinzessin. Dass ihr Vater die Braut zum Altar bringt und sie dort einem anderen Mann überlässt, entspricht nicht den schwedischen Vorstellungen von Gleichstellung.

Laut der erfahrenen schwedischen Hochzeitskoordinatorin Malin Muhr kommt diese angelsächsische Variante selten vor: „Ich glaube, dann sind die Brautpaare von amerikanischen Filmen beeinflusst. Es sieht ja auch wirklich goldig aus, wenn Vater und Tochter einander so nahe stehen. Im Prinzip finde ich es in Ordnung, dass man die Trauung so gestaltet, wenn es dem Paar wirklich wichtig ist.“  

Vorbildcharakter
Mehrere Pastoren in Lund sehen das anders. Sie bitten die Prinzessin in einem persönlichen Brief, zusammen mit ihrem Bräutigam, Daniel Westling, zum Altar zu gehen.

Pastorin Maria Isberg hat diesen Brief unterschrieben: „Wenn wir eine symbolische Handlung tun, dann sagt die etwas über uns und unsere Einstellung aus. Wenn also eine Frau von einem Mann an einen anderen übergeben wird, dann hat sie nicht den gleichen Wert wie diese Männer. Sie ist nicht gleichberechtigt und kann nicht auf eigenen Beinen stehen. Viele Frauen auf der Welt müssen immer noch für ihre Gleichstellung kämpfen. Da ist es wichtig, dass wir ein besseres Bild vermitteln.“  

Diffuse Trauordnung
Erzbischof Anders Wejryd wird das königliche Paar trauen. Er hat mitgeteilt, dass die Trauordnung der Schwedischen Kirche in dieser Frage keine eindeutigen Anweisungen erteilt und die von Prinzessin Victoria gewünschte Übergabe nicht verbiete. Er hofft auf eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung.

In privaten Gesprächen und in den Medien nimmt diese Übergabezeremonie unerwartet großen Raum ein. Karin Magnusson, Journalistin bei der Zeitung Aftonbladet: „Die Kronprinzessin ist eine erwachsene Frau, die selbständig mit ihrem werdenden Mann vor den Altar treten kann. Sie hat eine gute Ausbildung und erledigt ihre Arbeitsaufgaben ausgezeichnet. Sie lebt schon lange ohne dass ihr Vater ihr zur Seite steht, sie ist schließlich kein Kind. Ich finde, da braucht sie auch an einem solchen Tag die Führung ihres Vaters nicht.“

Da das schwedische Gesetz die 32-jährige Prinzessin verpflichtet, für ihre Eheschließung die Genehmigung der Regierung einzuholen, wäre es vielleicht folgerichtig, wenn Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt sie zum Altar geleitete.

Aber die Hochzeit von Victoria ist stilbildend. Viele Paare werden ihre Ehe so schließen wollen, wie Victoria und Daniel und da hätte der jeweilige Regierungschef vermutlich viel zu tun.

Gleichberechtigte Mütter
Henrik Järrel, ein Mitglied der Royalistischen Vereinigung in Schweden, möchte dem Kronprinzessinnen-Paar bei der Gestaltung seiner Hochzeit trotz höfischem Protokoll so viel Freiheit geben wie möglich. Aber wenn schon Gleichberechtigungsfragen bei der Trauungszeremonie eine Rolle spielten, könnte man den Gedanken für ganz Schweden vielleicht noch weiter spinnen, schlägt er vor: „Wenn diese Zeremonie nun ein Anliegen der Kronprinzessin ist und ihr Vater sie darin unterstützt, dann sollte man ihrem Herzenswunsch nicht im Wege stehen. Aber ganz allgemein gesprochen: ist oft ja gerade der Kontakt eines Menschen zur Mutter besonders stark. Warum führen in Zeiten der Gleichberechtigung nicht manchmal auch Mütter ihre Söhne zum Altar und übergeben sie den Bräuten?“