70 Jahre Kampf den schlechten Zähnen

Vom umstrittenen Zuckerexperiment, über die Fluortante bis zum kariesfreien Zahnstatus und hohen Behandlungskosten - Die Geschichte der Staatlichen Zahnvorsorge in Schweden ist wechselreich. Vor 70 Jahren wurden die ersten staatlichen Zahnkliniken eröffnet, und vor allem im bevölkerungsarmen Norden des Landes waren oft deutsche Zahnärzte Aufbauhelfer.

Im Wartezimmer der staatlichen Zahnvorsorge in Luleå-Gammelstad kann man die Patienten an einer Hand abzählen, alle vorbestellt, akut ist an diesem Tag nichts.

Die zehnjährige Madeleine Nyberg wartet auf die alljährliche Vorsorgeuntersuchung und hat auch gar keine Angst vor dem Zahnarztbesuch: „Nein, das tut ja nicht weh und bohren tut der auch nicht, aber bei meinem großen Bruder hat er gebohrt."

Mit einem Jahr war Madeleine zum ersten Mal beim Zahnarzt, vom dritten bis zum 19. Lebensjahr ist die Zahnvorsorge und Behandlung in Schweden kostenlos. Und die Zähne der Kinder in Norrbotten haben sich in den letzten Jahrzehnten stetig gebessert, weiß Oberzahnarzt Tor Svensson: „Ein Viertel aller 19-Jährigen hat nicht einen einzigen behandelten Zahn. Im Schnitt hat diese Altersgruppe drei behandelte Zähne. 90 Prozent aller Vierjährigen brauchen gar keine Behandlung."

Bedarf war enorm
Das darf sich die staatliche Zahnvorsorge auf die Brust heften, und das war mitnichten so, als die Zahnvorsorge vor 70 Jahren in der nördlichsten Provinz Norrbotten gegründet wurde. Vor allem im bitterarmen Tornetal mit vielen kinderreichen Familien hatten die Menschen schlechte Zähne, der Bedarf für eine staatliche Betreuung war offensichtlich, wie Zahnarzt Svensson berichtet, der zur staatlichen Zahnvorsorge geforscht hat.

„Das Zähneziehen war anfangs sehr weit verbreitend, vor allem die Backenzähne waren oft so stark beschädigt, dass man nichts mehr machen konnte. Die Schäden zu reparieren und Brücken zu bauen oder Füllungen zu machen, kam schon allein aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Und die Menschen hat es auch nicht groß gekümmert. Fehlende Zähne hatten bis in die 50er, 60er Jahre irgendwie alle, das war im Gegensatz zu heute gesellschaftlich akzeptiert."

Und es kam sogar vor, dass sich die Menschen selbst die Zähne zogen: Um Schmerzen durch Entzündungen zu vermeiden oder aus Angst vor dem Dorfschmied, der sonst mit gröberem Gerät anrückte.

Die schädliche Wirkung von Zucker auf die Zähne war in der Anfangszeit der Zahnvorsorge noch nicht bekannt. Ein ethisch sehr umstrittenes Experiment hat diesen Zusammenhang nach Ende des Zweiten Weltkrieges bewiesen, dabei wurde den Insassen einer Klinik für psychisch Kranke in Lund Bonbons und Lutschstangen verabreicht, was zu großen Schäden an den Zähnen führte.

Zahnarztmangel
Im Mai 1940 wurde die erste Zahnklinik Norrbottens in Korpilombolo eröffnet, zwei Jahre nach dem Beschluss zur Einrichtung der öffentlichen Zahnvorsorgen. 1943, so der ehrgeizige Plan, sollte jede größere Ortschaft eine Zahnklinik haben. Mit einiger Verspätung, 1980 erst, wurde der Plan erfüllt. Es lag immer wieder auch an mangelndem Personal, wie Tor Svensson berichtet: „Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir viele deutsche Zahnärzte, man kann sich denken, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht rosig war. In den sechziger Jahren arbeiteten 15 Zahnärzte aus Bulgarien hier. Schweden hatte mit dem kommunistischen Land ein Abkommen über die Entsendung von Zahnärzten geschlossen, die dann ein Aufbaustudium von einem Jahr absolvierten. Für diese Entsendung zuständig war übrigens das Institut zum Export von Zuchtstieren."

Es mag rein praktische Gründe gehabt haben, Zuchtstiere und Zahnärzte in einem Institut zu organisieren... Der bulgarische Staat bekam einen Teil der Ärztegehälter ausgezahlt. Auch heute rekrutiert die Gesundheitsbehörde in Norrbotten oft Zahnärzte aus dem Ausland, die meisten kommen aus Deutschland, Dänemark und Portugal.

Teure Behandlung
Trotz aller Erfolge in den letzten 70 Jahren - ein Zahnarztbesuch in Schweden ist teuer. Zwanzig Prozent der Schweden lassen sich nicht behandeln, weil es zu teuer ist. Im letzten Wahlkampf vor vier Jahren waren die hohen Behandlungskosten ein bestimmendes Thema. Ein Behandlungszuschuss wurde 2008 eingeführt, bei Kosten über 1.500 Euro steht der Patient nur für 15 Prozent. Bis 300 Euro sind aber stets selbst zu bezahlen, eine Füllung ist ab 50 Euro zu haben, eine Titankrone kostet 450 Euro.

In der Zahnklinik in Luleå-Gammelstad ist die zehnjährige Madeleine mit der Untersuchung durch, der Zahnarzt hat wieder nicht gebohrt. Mutter Anna-Lena Wallgren jedoch hat schon einige Summen für den Zahnarzt bezahlt:

„Es ist leider ziemlich teuer. Aber man lässt sich besser behandeln als Zahnschmerzen zu haben."

Katja Güth