Elisabeth Massi Fritz. Foto: Mattias Ahlm/SR.
Spezialistin für Ehrendelikte

„Zwangsehen müssen kriminalisiert werden“

Zwangsehen
3:20 min

Zwangsehen sind in Schweden ein größeres Problem als vermutet. Verschiedenen Untersuchungen zufolge fühlt sich etwa jeder zehnte Jugendliche in der Partnerwahl von Eltern, Verwandten und deren kulturellen Normen eingeschränkt. Mehrere tausend Jugendliche werden jedes Jahr zur Eheschließung gezwungen, bevor sie volljährig sind. Die prominente Rechtsanwältin Elisabeth Massi Fritz, die sich darauf spezialisiert hat, Opfern von Ehrendelikten beizustehen, fordert eine deutliche Gesetzgebung. „Tausende Minderjährige werden in Schweden entweder in arrangierte Ehen gedrängt, oder, auch das sind viele, regelrecht zur Ehe gezwungen. Ich treffe diese jungen Mädchen jeden Tag und sehe die schweren Konsequenzen, auch in Form von Folgeverbrechen wie Nötigung, Gewalt und sexuellen Übergriffen.“

Der letzte Ehrenmord an einer jungen Frau, die sich von ihrem Mann hatte scheiden lassen, liegt erst zwei Wochen zurück. Sie wurde von ihrem Stiefvater erstochen, hinterlässt ein zweijähriges Kind.

Keine Registrierung von Kinderehen

2009 vertrat Elisabeth Massi Fritz 50 Jugendliche, zumeist junge Frauen, aber auch einige junge Männer, die zur Ehe gezwungen worden waren. Und täglich erhält sie Anrufe. „Zumeist sind es Mädchen, die anonym anrufen und furchtbare Ängste vor jeder ,Urlaubsreise’ mit den Eltern in die alte Heimat ausdrücken.“ Die genaue Zahl der Zwangsehen ist nicht bekannt, was zum Teil mit dem schwedischen Verwaltungssystem zu tun hat, in dem Ehen ganz einfach erst registriert werden, wenn die Ehepartner das in Schweden erforderliche Eheschließungsalter von 18 Jahren erreicht haben. Auch ist es gesetzlich nicht strafbar, Kinderehen zu veranlassen oder zeremoniell zu unterstützen. So zustande gekommene Ehen gelten einfach als nichtig, die Gesellschaft verweigert die Anerkennung. Auf die reale Lage der Betroffenen nimmt diese Haltung jedoch keine Rücksicht, und das muss sich ändern, fordert Massi Fritz:

Massi Fritz: „Kriminalisieren!“

„Wir müssen Zwangsehen kriminalisieren, das Phänomen in die schwedische Gesetzgebung aufnehmen. Und zwar müssen die Menschen, die Kinder trauen, belangt werden, sowie Eltern, die zulassen, dass ihre minderjährigen Kinder verheiratet werden. Solche Vergehen müssen spürbare Konsequenzen haben. Heute kann man den Nötigungsparagrafen auf diese Fälle anwenden, aber damit ächtet man den Tatbestand Zwangsehe als solchen nicht deutlich genug“, so die Anwältin aus Erfahrung. Denn, fügt sie hinzu, ihr sei kein einziger Fall bekannt, in dem jemand tatsächlich für die Segnung einer Zwangsehe nach dem Nötigungsparagrafen verurteilt wurde.

Kontraproduktives Eherecht

Massi Fritz kritisiert auch das Eherecht. Viele der Zwangsehen würden in Glaubensgemeinschaften von Priestern, Pfarrern und Imamen geschlossen, die kein offizielles Traurecht haben. Folglich sind sie auch nicht verpflichtet, die Eheschließungen offiziell bei den schwedischen Behörden registrieren zu lassen. „So lange viele Glaubensgemeinschaften Eheschließungen in den schwedischen Registern nicht Buch führen lassen, wird die Zwangsehe-Problematik bestehen bleiben“, so die Anwältin.

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".