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Olof Palme hält 1977 eine Rede auf dem Stockholmer Platz Sergels Torg. Foto: Scanpix
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Olof Palme (ganz rechts) 1969 mit (von links) Trygve Bratteli, Tage Erlander, Harold Wilson, Willy Brandt, Mauno Koivisto, Jens Otto Krag, Rafael Paasio
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Olof Palme 1970 mit seiner Frau Lisbet bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde des amerikanischen Colleges seiner Jugendzeit. Foto: Scanpix
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Palme 1975 mit Fidel Castro in Santiago de Kuba
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Olof Palme 1979 mit dem schwedischen Musiker Cornelis Vreeswijk. Foto: Scanpix.
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Henrik Berggren. Foto: Anne Ibelius/SR.
Neue Biografie

Olof Palme – bewundert und angefeindet

Henrik Berggren über Olof Palme
9:26 min

Ende Februar jährt sich die Ermordung von Schwedens damaligem Ministerpräsidenten, Olof Palme, zum 25sten Mal. Zugleich befindet sich dessen Partei, die Sozialdemokraten, in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Da wird zuweilen die Frage laut, ob die Entwicklung anders verlaufen wäre, hätte Palme gelebt. Wer war dieser außergewöhnliche Mann, der sich international einen großen Namen machte, zu Hause in Schweden aber – seiner hohen Ämter zum Trotz – ein recht fremder Vogel blieb. Luise Steinberger sprach mit dem Historiker und Politikjournalist Henrik Berggren, der eine umfassende Biografie über Palme geschrieben hat, die heute (Freitag, 21. Januar) auf Deutsch erscheint.

„Palme war ein Politiker, der die Möglichkeiten zu nutzen wusste, die ihm seine Zeit bot. Ein Politiker, der sich gegen seine Zeit stemmt, wird niemals bedeutend. Bedeutend wird ein Politiker nur, wenn er in seiner Zeit die Kräfte findet, die seine eigenen Ziele fördern“, sagt Henrik Berggren, dessen fast 700 Seiten umfassende Palme-Biografie in diesen Tagen die Regale deutschsprachiger Buchhandlungen erreicht.

International berühmt – zu Hause fremd

Von 1969 bis 1986 war Olof Palme Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei Schwedens. Anfang der Sechzigerjahre wurde er zunächst Minister, 1969 dann Ministerpräsident bis 1976, sowie in einer zweiten Amtszeit von 1982 bis zu seiner Ermordung am 28. Februar 1986. In diesen Rollen war Palme international bekannt und geachtet – er machte sich zum Sprecher der Kritik gegen den Vietnamkrieg, er vertrat die Interessen kleiner Länder und als Vorsitzender einer nach ihm benannten Kommission bemühte er sich im Auftrag der Vereinten Nationen um Abrüstung und Sicherheit in der Welt des Kalten Krieges.

Trotz dieser Berühmtheit im Ausland war Palme seinem Heimatland Vielen ein Rätsel. „Mit diesem Buch wollte ich Palme verständlicher machen, indem ich seine Zeit beschrieb und natürlich auch den familiären Hintergrund, in dem er aufgewachsen ist. Außerdem wollte ich eine Geschichte erzählen. Es gibt so viele akademische Bücher über Palme, ich sah hier eine spannende Geschichte. Ich glaube an spannende Erzählungen als Wissensquellen, das vergessen Historiker heute häufig.“

Großbürgerliche Herkunft - und Flüchtlingskind

Wie eine Art schwedische Buddenbrocks beginnt die Geschichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Umzug der unternehmungslustigen Brüder Palme aus Kalmar nach Stockholm; sie erzählt, wie die Zwei ein florierendes Versicherungsunternehmen gründen und zu Vorreitern der sozialen Wohlfahrt werden; sie erzählt von internationalen Kontakten und Verschwägerungen einer hochbürgerlichen Kaufmannsfamilie, vom Engagement der hochadeligen finnischen Großmutter Palmes für den finnischen Unabhängigkeitskrieg, und vom mit zunehmenden finanziellen Mitteln und gesellschaftlicher Etablierung stärker werdenden Konservatismus der Familie.

Er hatte ein starkes Selbstvertrauen,
wollte sehr viel, war angriffslustig in Debatten.

Henrik Berggren findet auch für Palmes ausgeprägten Internationalismus neue Erklärungen: „Palme hatte zum Beispiel viel Verständnis für Flüchtlinge, das hatte er von Zuhause, denn seine Mutter – die Baltendeutsche Elisabeth von Knierim – war im Ersten Weltkrieg aus der Gegend von Riga in Lettland geflohen. Und viele ihrer Bekannten sagen, dass sie in Schweden nie richtig heimisch wurde, dass sie immer ein wenig mit dem Land auf Kriegsfuß stand, das hat Palme mitbekommen. So ist das ja mit Einwandererkindern, sie sind immer ein wenig Außenseiter und bekommen einen etwas anderen Blick auf ihr Land.“

Amerika prägt

Palmes Muttersprache war Deutsch, Vielsprachigkeit in seiner Jugend allgegenwärtig, er sprach fließend Französisch und auch Englisch. Prägend für sein politisches Engagement sei vor allem ein Studienaufenthalt in den USA kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges gewesen, so Berggren. Hier fand der aristokratische, eher unpolitische junge Mann Abstand zu seinem reaktionären Elternhaus und entwickelte ein glühendes Engagement für Demokratie und Gleichheit: „Amerika hatte ja nach dem Krieg eines der radikaleren Wohlfahrtsprogramme seiner Geschichte, das beinhaltete, dass Kriegsteilnehmer College- oder Universitätsbildung finanziert bekamen. Aus diesem Grund war das kleine College in Ohio, das Palme besuchte, voll von ehemaligen Soldaten aus allen Schichten, viele aus Arbeiterheimen, und Palme kam hier mit einem gesellschaftlichen Mix in Kontakt, wie er ihn zu Hause in Schweden in seinem Oberklassemilieu nie getroffen hatte. Das, zusammen mit den informellen, freundschaftlichen Umgangsformen in den USA, prägte ihn zutiefst.“

Studentenführer mit internationalem Auftrag

Messerscharfe Intelligenz und Sprachkenntnisse führten dazu, dass die Studentenvereinigung der Stockholmer Universität, an der er Jura studierte, Palme Ende der Vierzigerjahre zum Internationalen Sekretär machte. „In dieser Zeit entwickelt sich bereits sehr viel der Dritte-Welt-Politik, die später in Palmes internationalem Engagement wiederkehrt. Interessant ist, dass Palme diese Fragen nach der Studentenzeit erst einmal beiseite legt und sich in die Innenpolitik begibt. Es dauert mehr als zehn Jahre, bis 1965, bis er sie hervorholt und wie eine Art Springteufelchen mit einer sehr durchdachten Kritik am Einmarsch der USA in Vietnam auf der internationalen Bühne auftaucht.“ Timing - die Fähigkeit, sich zu wichtigen Themen eine gründliche Meinung zu bilden, das Thema aber erst zu lancieren, wenn die Zeit reif ist, sei charakteristisch für Palme gewesen, sagt Berggren.

Wunderknabe der Sozialdemokraten

1953 stellt Ministerpräsident Tage Erlander Olof Palme als seinen Privatsekretär an. Was sich heute wie ein Super-Spitzenjob anhört, war eigentlich eher eine Notlösung. Die Stellung des Ministerpräsidenten war in der Verfassung eher schwach, starke Fachministerien bestimmten die Politik. Erlander war bislang allein gewesen, nun erkämpfte er sich immerhin einen Sekretär. „Selbstverständlich war es enorm wichtig für Palmes Einbindung in die Sozialdemokratie, dass er die Rückendeckung des Ministerpräsidenten hatte – der ja fast ein bisschen wie verliebt war in Palme, ihn behandelte wie einen Sohn. Aber die führenden Sozialdemokraten, ältere Herren aus der Arbeiterklasse, Gunnar Sträng, Torsten Nilsson, Sven Aspling, waren ebenfalls begeistert von Palme, und zwar nicht nur, weil er ein netter Mensch war, sondern weil sie seine Fähigkeit sahen, die Richtung zu formulieren, woher die Partei kommt, und wohin sie gehen musste.“

Mit dieser Fähigkeit gelang es Palme, der Sozialdemokratie die Regierungsmacht zu retten, indem er neue Visionen formulierte und diese durchsetzte. „Jämlikhet“ – Gleichheit oder Gleichberechtigung - wurde zum Leitstern des schwedischen Modells der Siebzigerjahre, der sich in allem niederschlug, vom Übergang zum „Du“ als allgemeiner Anrede bis zum Streben nach dem starken Staat, der für seine Bürger allen nötigen Service liefert.

Unbeliebt – bis hin zum Hass

Palmes Dominanz war aber nicht nur positiv. So beliebt Palme bei den Genossen war, so heftige Reaktionen weckte er bei der Gegenseite. Er galt in Debatten als aggressiv und arrogant, ja in Teilen der Bevölkerung entwickelte sich ein regelrechter Hass. Es kam vor, dass Menschen Anzeigen in die Zeitung setzten, in denen sie den Ministerpräsidenten aller möglicher Dinge bezichtigten – von Geheimdienstkontakten bis hin zur Drogensucht.

Viele haben versucht, diese starken Reaktionen zu erklären, Henrik Berggren beschreibt einen Aspekt: „Er hatte ein starkes Selbstvertrauen, wollte sehr viel, war angriffslustig in Debatten. In einer Konsensgesellschaft wie der schwedischen kann das starke Antipathien wecken. Wir leben ja nicht in einer ,Streitkultur’. Ein zweiter Aspekt ist die sozialdemokratische Vorherrschaft. Erlander regierte 23 Jahre lang, dann kam Palme – der bei Amtsantritt erst 42 Jahre alt war. Da tat sich eine Art sozialdemokratische Dynastie auf, die bei vielen bürgerlichen Schweden eine kräftige Frustration hervorrief, die sich unter anderem im Hass auf Palme entlud“, sagt Palme-Biograf Henrik Berggren.

Vor diesem Hintergrund erscheint der gewaltsame Tod des schwedischen Ministerpräsidenten auf dem Heimweg vom Kino am Freitagabend des 28. Februar 1986 erschütternd zwar, und auch keineswegs vorausbestimmt oder selbstverständlich, aber irgendwie doch auch weniger überraschend.

Luise Steinberger


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