Überragt von seinem Vorgänger Annan, meint die Ex-Untergeneralsekretärin Ahlénius in ihrer Kritik an UN-Generalsekretär Ban (Foto: Richard Drew/AP/Scanpix)
UN-Kritik in Buchform

Ehemalige Diplomatin rechnet mit Generalsekretariat ab

3:52 min

Als die ehemalige Oberste UN-Korruptionsbeauftragte, Inga-Britt Ahlénius, im vergangenen Sommer mit ihrem Arbeitgeber hart ins Gericht ging, schlugen die Wellen hoch. Das Sekretariat befinde sich im „Zerfallsprozess", es mangele Generalsekretär Ban an Führungsstärke, schrieb Ahlénius kurz vor Ende ihrer Amtszeit in ihrem internen Bericht, der an die Öffentlichkeit durchsickerte. Nun ist Ahlénius' Buch erschienen, das sie zusammen mit dem Politikjournalisten Niklas Ekdahl geschrieben hat. Liv Heidbüchel berichtet.

„Mr. Chance - Der Zerfall der UN unter Ban Ki-Moon", so der wenig schmeichelhafte Titel des Buches. Inga-Britt Ahlénius macht keinen Hehl aus ihrer Kritik, auch Monate nach ihrem internen Bericht nicht. Fünf Jahre lang arbeitete Ahlénius in der Führungsetage des Generalsekretariats in New York - fünf Jahre, in denen sie sich ein klares Bild machen konnte.

„Ban bewältigt weder die Administration, noch hat er moralische Führungsstärke", so Ahlénius' zusammenfassendes Urteil im Schwedischen Rundfunk. „Der Kontrast zwischen Ban und seinem Vorgänger Kofi Annan ist enorm. Für den Nachfolger einer so brillanten Begabung wie Annan es war, mit so viel Engagement in der Sache zudem, ist es natürlich nicht leicht. Annan hatte Erfahrung, strahlte Weisheit aus, und vor allem schlug sein Herz für die Organisation."

Alles nur Lippenbekenntnisse?

Gerade unter Annan waren die Vereinten Nationen in Misskredit geraten: Die Skandale um das Hilfsprogramm „Öl für Lebensmittel" hatten auch auf Annan ein schlechtes Licht geworfen. Aus allen Richtungen wurden Stimmen laut, dass die Organisation dringend reformiert werden müsse. Als Ban den Posten, der immer wieder als „der schwierigste der Welt" bezeichnet wird, übernahm, war auch Untergeneralsekretärin Ahlénius zunächst begeistert, erinnert sie sich. Doch die Freude währte nur kurz.

„Recht schnell wurde offenbar, dass kein Zusammenhang zwischen Bans Rhetorik und seinen wahren Interessen bestand. Schon in meinem Bericht habe ich deutlich geschrieben, dass ich befürchte, Ban könnte seinen Auftrag missverstanden haben, obwohl die Statuten sehr deutlich sind. Dort steht unmissverständlich, dass die Aufgabe im Leiten des Sekretariats besteht. Ban scheint seine Rolle als oberflächlich und repräsentativ zu verstehen, also eher als eine Art Zeremonienmeister. Offenkundig behagt es ihm, über die roten Teppiche zu wandeln und von anderen geschriebene Reden zu verlesen."

Auch der komplette Austausch des Führungsstabs als eine der ersten Amtshandlungen Bans gab Ahlénius zu denken. Nur an ihrem Sitz konnte nicht gerüttelt werden, schließlich hatte die Generalversammlung ihr das Mandat als Untergeneralsekretärin für interne Aufsichtsdienste erteilt. Die Personalpolitik Bans ist Ahlénius zufolge jedoch nur Symptom umfassenderer Inkompetenz.

Konsequent streitbar

Es ist nicht das erste Mal, dass die nunmehr 71-Jährige sich mit den Mächtigen anlegt. Als Chefin des Staatlichen Rechnungshofs kämpfte sie mit dem damaligen Finanzminister Bosse Ringholm erbittert und in aller Öffentlichkeit um die Verlängerung ihres Postens. Vor dem Hintergrund von Korruption und Machtmissbrauch trug Ahlénius 1999 maßgeblich zum Sturz der gesamten EU-Kommission bei.

Auf einem Rachefeldzug ist die ehemalige Untergeneralsekretärin trotzdem nicht. Ahlénius macht sich vielmehr Sorgen um die Zukunft der Vereinten Nationen.

„Man lässt den gesamten Apparat verfallen. Dadurch verlieren die UN an Relevanz als möglicher Partner vor allem der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, wenn es darum geht, die wichtigen Fragen der Welt zu lösen. Die UN sollen nicht Land Nr. 193 sein, sondern sind für eine ganz andere Dimension verantwortlich. Laut Statuten soll die Organisation auf internationaler Ebene ein moralischer Vertreter für Menschenrechte und Weltfrieden sein."

Ahlénius macht sich keine unberechtigten Sorgen, pflichtet die Zeitung „Dagens Nyheter" bei. In seinem Leitartikel am Montag erinnert das Blatt unter der Überschrift „Tauscht ihn aus" daran, dass Bans erste Legislaturperiode 2012 endet - „und dann reicht es".

Liv Heidbüchel

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