Schüler der neunten diskutieren über die Nazizeit. Foto: Katja Güth
Gedenken an den Holocaust

"Es gibt nichts, was nicht wieder passieren kann"

Unterricht über Holocaust
5:10 min

Auch Schweden gedenkt am Donnerstag der sechs Millionen Opfer des Holocaust. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Der Gedenktag wird hierzulande zum 15. Mal begangen, mit Fackelzügen, Gottesdiensten und Kundgebungen an 70 Orten in Schweden. Bei der Aufarbeitung der Judenvernichtung kommt den Schulen eine besondere Rolle zu, nicht zuletzt seitdem eine Untersuchung den schwedischen Schülern mangelndes Wissen bescheinigte.

Geschichtsstunde in der neunten Klasse der Grundschule in Råneå. Etwa 500 Schüler der Jahrgangsstufen Sechs bis Neun lernen hier, die meisten kommen aus dem Ort oder den Dörfern der Umgebung. Lehrer Kjell Brännström umreißt das nächste Thema des Geschichtsunterrichts mit mahnenden Worten, der Holocaust steht als nächstes auf dem Lehrplan:

 

„Es gibt nichts, was nicht wieder passieren kann. Es kommt ganz auf die Verhältnisse an, der Mensch an sich ist immer derselbe. Garantien gibt es keine, wenn man sich aber der Gefahr bewusst ist, sind die Chancen größer, dass das nicht wieder vorkommt.“

 

Der Holocaust, das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, angezettelt von deutschen Nazis, die das Volk der Juden ausrotten wollten. Und niemand will was gewusst haben? Die Schüler sehen ihren Lehrer interessiert und nachdenklich an. Das sollte wieder passieren können, in ihrem Land womöglich, nach Finanzkrise und Börsencrash?

 

„Nein! Alle Länder wissen doch alles voneinander, durch das Internet“, ist Marcus Petterson überzeugt. Und Hilda Skogqvist, Ella Andersson und Jenny Ljungberg  zweifeln ebenfalls: „Man weiß doch soviel mehr und weiß, wie falsch das alles war.“ „Aber wenn wir größte Not leiden müssten und jemand würde uns sagen, wie alles besser wird, klar, dass wir zuhören!“ „Ja, klar, aber wenn der uns sagt, dass er die Jobfrage alleine löst, kann man das nicht ernst nehmen.“

 

Politisches Interesse

Im Geschichtsunterricht haben die 15-jährigen gerade mit der Zeit zwischen den Weltkriegen begonnen, auf dem Tisch liegt eine Skizze mit den Konzentrationlagern im Deutschen Reich. Bis zu sechs Millionen Juden, aber auch Roma, wurden dort ermordet, vergast, erschossen. Die Schüler sind politisch sehr interessiert und machen sich viele Gedanken. Vor allem seit der letzten Wahl, bei denen die ausländerfeindlichen Schwedendemokraten das Zünglein an der Waage bei der Mehrheitssuche wurden. Die von den Schwedendemokraten geforderte Beschränkung des Zuzugs von Flüchtlingen hat viel Zuspruch beim Wahlvolk geerntet, auch bei so manchem in Råneå:

 

„Eigentlich kann es sich Schweden nicht leisten, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, sie sollten ihre Heimatländer aufbauen,“ meint Marcus Petterson, was die anderen bezweifeln. Gusten Forrström meint: „Ich finde schon, dass Schweden Flüchtlinge aufnehmen sollte, aber wir nehmen schon fast zu viele auf.. Wie viele waren das noch mal?“ „24.000 per Jahr.“

 

Im vielbeschworenen Lande „lagom“ was genau richtig meint, nicht zuviel, nicht zuwenig, sollten nach Meinung der Jugendlichen auch lagom viele Flüchtlinge aufgenommen werden. Wie viel das wären? Sie zucken die Schultern.

 

Schüler wählten Schwedendemokraten

 

Das Dorf Råneå mit den etwa 4000 Einwohnern hat seit zehn Jahren eine Flüchtlingsstation, die meisten kommen aus dem Irak und Somalia und fühlen sich gut aufgenommen von den Einwohnern. Doch ein latenter Rassismus ist weit verbreitet in Schweden. Bei der Schulwahl im letzten Herbst wurden die rechtspopulistischen Schwedendemokraten mit 13 Prozent viert stärkste Partei nach den Sozialdemokraten, konservativen Moderaten und der Umweltpartei. Auch in der Schule in Råneå hat jeder vierte für die Schwedendemokraten gestimmt. Die meisten in der achten Klasse, wo die Nazizeit noch nicht behandelt wurde. Die Mädchen in der neunten haben dafür eine Erklärung:

 

„Das war doch vor allem, um besonders cool zu sein.“ „Schulwahl ist was anderes als die Wirklichkeit.“ „Die wussten nicht wirklich, wofür die Schwedendemokraten stehen und auch nichts über die anderen Parteien.“

 

Manne Segerlund jedenfalls hat sich ein wenig mit den rechten Schwedendemokraten beschäftigt und ist zu folgendem Fazit gekommen:

 

„Die sind auf jeden Fall fremdenfeindlich und extrem rechts. Aber nicht so extrem wie nazistische Parteien. Und deren Politik hat ja wirklich keine überzeugenden Lösungen. Man löst nicht die Problem der schwedischen Wirtschaft, indem man alle Zuwanderer des Landes verweist.“

Was wissen die Schüler?

 

Zurück zum Holocaust. Wissen die schwedischen Schüler zuwenig darüber, oder wissen sie mehr seit der Meinungsumfrage von 1997, in der viele Jugendliche die Existenz des Holocaust bezweifelten? Geschichtslehrer Kjell Brännström reagiert etwas angefasst auf die Frage:

 

„Ich finde, schon damals wurden den schwedischen Schülern ausreichend Wissen vermittelt. Ich konnte schon damals diese Umfrage nicht nachvollziehen. Aus meiner 30-jährigen Berufserfahrung kann ich das bestätigen. Es gibt keinen Schüler, der die Grundschule in Råneå abgeschlossen hat und noch nie was vom Holocaust gehört hat. Jedenfalls nicht in den letzten 30 Jahren.“

 

Vielleicht aber sollte man Nazismus und Holocaust nicht erst in der neunten Klasse vermitteln, sondern früher?

Deutsche Juden durften keine Deutschen heiraten, nicht in deutsche Schulen gehen, müssen den Judenstern tragen, keine Haustiere halten, keine öffentlichen Telefone benutzen, keine nicht-jüdischen Friseure besuchen; mit der Ausgrenzung fing alles an. Das, und wie sich Schweden sich zur Judenfrage verhielt, woher die Schwedendemokraten kommen, das werden die 15-jährigen in den nächsten Geschichtsstunden genauer erfahren. Die Folgen von Rassismus, Fremdenhass und Nazismus sind harter Tobak. Diese Lektion ist erst mal zuende. Ist eine gewisse Erleichterung zu spüren? Es scheint, die Schüler würden etwas schneller als sonst den Klassenraum verlassen.

 

Katja Güth

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".