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Jussi Björling. Foto: SVT, Historiska bildarkivet.
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Jussi Björling mit Frau und Tochter in den Stockholmer Schären
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Jussi Björling Foto: SVT Bild
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100 Jahre Jussi Björling

Skandinavische Zurückhaltung in südlichen Opern

100 Jahre Jussi Björling
5:38 min

Er gilt als einer der größten Tenöre aller Zeiten: Jussi Björling. Schon als Neunzehnjähriger feierte er sein Debüt an der Stockholmer Oper. Aber der Weg zum Erfolg war steinig, und auch als gefeierter Opernstar hatte Björling zu kämpfen – vor allem mit sich selbst. Das zeigen nicht zuletzt auch die Dokumentarfilme und Reportagen, die zum 100. Geburtstag des schwedischen Sängers erscheinen.

Am 2. Februar 1911 wurde Jussi Björling in Borlänge, in der Provinz Dalarna, geboren.Sein autoritärer Vater David war Gesangspädagoge und sah seine wesentliche Aufgabe in der Ausbildung seiner drei Söhne Gösta, Olle und Jussi. Die Gesangsdarbietungen der Jungen bestritten gleichzeitig den Lebensunterhalt der Familie. Schon als Vierjähriger war Jussi ein Profi!

Kinderstars

Nach dem Tod von Jussis Mutter tourten die Björlings von Oktober 1919 bis April 1921 durch die Vereinigten Staaten. Meist traten Jussi und seine Brüder unter der Leitung ihres Vaters mit Gesangsdarbietungen vor schwedischen Auswanderern auf. Die Schulbildung der Jungen kam dabei entschieden zu kurz, eine Tatsache, die dem Erwachsenen Opernsänger nur zu schmerzlich bewusst war, erzählt Filmer Torbjörn Lindqvist über seinen neuen Dokumentarfilm „Jussi i våra hjärtan“.

Gleichzeitig widerspricht er entschieden anderen Biographen, die Björling als Alkoholiker beschreiben: „Er konnte ganz plötzlich einen Auftritt absagen. Der Grund dafür war nicht Alkohol. Er war magenkrank und hatte psychische Probleme. Er fühlte sich in den feinen Salons der Opernmäzenen nicht wohl. Er hatte keine Schulbildung und wusste nicht, wie er sich benehmen sollte. Wenn er sich stattdessen in seinem Hotelzimmer einschloss, trank er vielleicht manchmal einen Whisky über den Durst.“

Sofort ans Konservatorium

Nach dem plötzlichen Tod des Vaters wurde der fünfzehnjährige Jussi Laufbursche eines Haushaltswarengeschäfts im südschwedischen Ystad. Ein opernliebender Apotheker entdeckte die stimmliche Begabung des Jungen und machte den namhaften Bariton John Forsell auf ihn aufmerksam. Jussi sang am Stockholmer Konservatorium vor und wurde aufgenommen. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau Anna-Lisa Berg kennen.

So wie der Wochenschausprecher hier die Ankunft des inzwischen berühmten Sängers und seiner Frau Anna-Lisa zur Tournee beschreibt, war es meistens. Anna-Lisa begleitete Jussi auf fast allen Reisen und schirmte ihn weitgehend ab.

Rückzugsort Siarö

Die Kinder der beiden blieben zuhause in Stockholm, obgleich Jussi sich um seine Familie – wie auch den unehelichen Nachwuchs sehr kümmerte. Torbjörn Lindqvist: „Er liebte seine Familie und den Sommersitz auf der Insel Siarö bei Stockholm. Dort war er am allerliebsten. Er angelte viel, schreinerte, malte und bosselte.“  

Auf Siarö hatte Jussi Björling auch ein Studio, das sein Sohn Lars in einer Reportage des Schwedischen Rundfunks später zeigte. „Das Gesangsstudio meines Vaters hier auf dem Grundstück wurde 1943 fertig gestellt. In den Jahren davor hatte er sein Klavier im Wohnhaus stehen und probte dort. Mein Vater wollte das Studiogebäude im Stil seiner Heimatprovinz Dalarna haben. Der kleine Balkon dort oben ist eine Reminiszenz an ein Haus, in dem Jussi mit seinem Vater und seinen Brüdern mehrere Jahre wohnte.“

Trotz verschiedener Tourneen spielte sich Björlings Karriere hauptsächlich zwischen seinem Stammhaus, der Stockholmer Oper, und der New Yorker Metropolitan Opera ab. Allein in Stockholm stand er mehr als 600 Mal auf der Bühne. In Deutschland blieb Björling zu seinen Lebzeiten dem breiten Publikum jedoch weitgehend unbekannt. Er sang nach dem Zweiten Weltkrieg nur 1950 in einer Hörfunksendung in Berlin und 1954 in Stuttgart „La Bohème“.

Aber den Spielplan der MET prägte er in den 40er- und 50er-Jahren als einer der führenden Tenöre ganz entscheidend. Die Strahlkraft seiner lyrischen und durchschlagskräftigen Stimme machte ihn für Rollen wie den Herzog von Mantua, Faust, Manrico und Rodolfo in „La bohème“ besonders geeignet. Die schwache schauspielerische Leistung – meist stand er etwas linkisch auf der Bühne – machte er mit dem rein stimmlichen Ausdruck wett. Der temperamentvollen Leidenschaft des italienischen und französischen Fachs stellte er skandinavische Zurückhaltung entgegen.

Aufzeichnungen in allen Techniken

Trotz zeitweiliger Schwierigkeiten mit der Stimme und vermutlich einer Herzschwäche hielt Jussi Björlings Karriere bis zu seinem Tod im September 1960 an. Als er auf seinem Sommersitz Siarö starb, verstummte einer der bedeutendsten Sänger des 20. Jahrhunderts. Aber Björling hatte die neue Aufzeichnungstechnik weitgehend genutzt, vom Trichter bis zur Stereoaufnahme. Es gibt Mengen von Tonbandaufnahmen und Alben. Auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist er noch sehr populär – besonders in Schweden, wo sogar Krimiautor Henning Mankell seinen Kommissar Wallander mit Vorliebe alte Aufnahmen von Jussi Björling anhören lässt.

Sybille Neveling

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