Sofia Tolonen und Trond Sjöström arbeiten ehrenamtlich in der Textilothek von Umeå. Foto: Agneta Johansson/Sveriges Radio
"Textilothek" in Umeå

Kleider leihen leicht gemacht

Textilothek in Umeå
4:53 min

Die Idee, Kleider in einer Textilothek zu verleihen, findet in Schweden immer mehr Nachahmer. Nachdem die erste Textilothek im vergangenen Sommer im nordschwedischen Umeå aufgemacht hat, sind Malmö im Süden und die Hauptstadt Stockholm gefolgt. Der Grundgedanke ist, den Mitgliedern der Einrichtung zu ermöglichen, Kleider wöchentlich auszuleihen, und damit weniger davon abhängig zu sein, Kleider selbst kaufen zu müssen. Das Konzept scheint Erfolg zu haben, wie ein Besuch der Textilothek in Umeå zeigt:

Ein Sonntagnachmittag in der Textilothek von Umeå. Njajesh Abdollahi sucht nach einem Pullover, Emma Larsson schaut sich erst mal um, was alles da ist. Vier Stunden am Nachmittag ist die Textilothek jeden Sonntag geöffnet. Dann haben die rund 200 Mitglieder der Einrichtung die Gelegenheit, Kleider zurückzugeben und sich mit neuen zu versorgen. Trond Sjöström ist einer der Initiatoren: „Wir haben eine Idee aufgegriffen, die in der Klimabewegung entstanden ist. Das war einfach eine Zeitströmung.“

Vor allem jüngere Menschen nehmen das Angebot gerne war, wie eben Emma Larsson, die der Idee viel abgewinnen kann: „Das ist eine ausgezeichnete Art Kleider wiederzuverwerten. Eine sehr gut Initiative nicht zuletzt für die Umwelt. Weil der Konsum ist, wie er ist.“

Emma Larsson sieht aber nicht nur für die Gesellschaft sondern auch für sich selbst Vorteile:„Ich bin gerade erst hierher gezogen. Ich habe nicht so viel mit. Da ist es gut, Kleider ausleihen zu können. So hat man jede Woche neue Kleider. Das wird wohl zur Gewohnheit in meinem Alltag werden.“

Alternative für junge Menschen

Das Durchschnittsalter liegt hier bei 27 Jahren. Aber unter den Mitgliedern sind auch Rentner und Kinder. Njajesh Abdollahi findet Gefallen am Angebot: „Ich bin erstaunt über einige Stücke, dass Leute die hier gelassen haben. Die sind sehr fein.“

Die Textilothek ist in seinen Augen eine ausgezeichnete Idee: „Man kommt her, leiht ein paar Kleider, und wenn man sie nicht mehr mag, tauscht man sie einfach ein. Das ist wunderbar. Als Student kann man sich nicht soviel Kleider leisten.“

Ein bis zwei Wochen beträgt die Leihfrist. Die Textilothek fordert aber auch viel Engagement von den Betreibern. Die Mitarbeit ist ehrenamtlich und so ist die Vorsitzende Sofia Tolonen in dieser Woche verantwortlich für die Wäsche und hat deshalb über 100 Kleidungsstücke in ihrer Wohnstube zum Trocknen hängen: „Ich arbeite hart damit, weil ich daran glaube. Ich würde gerne sehen, dass sich diese Idee durchsetzt. Das wäre toll, irgendwie magisch, wenn es die gleiche Durchschlagskraft bekommen würde, wie eine städtische Bibliothek.“

Eigene Kleider gespendet

Auch Trond Sjöström hat viel beigetragen. Er hat bei der Gründung fast die Hälfte seiner Garderobe der Textilothek vermacht, profitiert jetzt aber davon: „Ich leihe meistens meine eigenen Kleider. Zu Beginn habe ich ja meine Garderobe drastisch dezimiert. Aber man kommt mit weniger Kleidern zurecht als man glauben möchte.“

50 Kronen kostet der Mitgliedsbeitrag im Jahr neben den Kleiderspenden. Sofia macht Trond scherzhaft darauf aufmerksam, dass sie ihm jetzt die Wäsche gemacht hat: „Wenn man das voll durchzieht, stehen einem alle Möglichkeiten offen. Man leiht, gibt zurück und bekommt frisch gewaschene Kleider zurück. Wie im Hotel.“

Gefahr für Textilindustrie?

Der Transport vom Wohnzimmer zurück zur Textilothek ist beschwerlich im verschneiten Umeå. Und es wurde auch schon Kritik an die Betreiber der Textilothek gerichtet, wie Sofia Larsson erzählt: „Wir haben zu hören bekommen, dass wir eine Bedrohung für die Wirtschaft sind. Wenn alle ihre Kleider nur leihen würden, müssten kaum neue produziert werden. Das wäre ein schwerer Schlag für die Textilindustrie. Aber wir sehen uns selbst eher als eine Art Ergänzung, als Alternative. Kleider verschleißen ja auch. Es wird also immer einen Bedarf an neuen geben.“

Die Textilothek hat Trond dazu gebracht, mehr über die Textilindustrie und seine eigenen Modegewohnheiten nachzudenken: „Wenn man sich den gesamten Prozess ansieht, wie ein Kleidungsstück zustande kommt. Der Arbeitsprozess, die Umstände unter denen die Näherinnen arbeiten müssen, und dann wird das einfach weggeworfen.“

Auch für Sofia ist der gesellschaftliche Aspekt erwägenswert: „Man kauft sich Kleider und die haben dann irgendwie keinen richtigen Wert. Aber mit unserer Textilothek haben wir eine Diskussion eröffnet, was Kleider eigentlich sind. Und das Ganze in Frage zu stellen.“

So sehen es auch die Mitglieder der Textilothek wie Cecilia Jansson: „Mir gefällt der Grundgedanke, weg von der Wegwerfgesellschaft. Wir konsumieren zu viel. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

So scheint es nicht nur Cecilia Jansson zu sehen. Denn das Konzept der Textilothek hat mittlerweile in Schweden Nachahmer gefunden. So haben unlängst ähnliche Einrichtungen in Malmö und Stockholm aufgemacht.

Agneta Johansson / Dieter Weiand

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