Mehr Kinder suchen Hilfe
KINDERSCHUTZ

Großer Ansturm auf Kinderhilfstelefon

BRIS-Jahresbericht
4:40 min

Im vierzigsten Jahr ihres Bestehens verzeichnet die Kinderschutzorganisation BRIS (Barnens Rätt i Samhället) einen traurigen Rekord: Noch nie zuvor haben sich innerhalb eines Jahres so viele Kinder an ihr Hilfstelefon gewandt. Gleichzeitig haben andere Länder Schweden überholt, was die Zugänglichkeit für Kinder in Not angeht. Sogar von den Vereinten Nationen gab es Kritik an der Tatsache, dass das Hilfestelefon nicht rund um die Uhr erreichbar ist.

Seit 1971 steht BRIS als ideelle, parteipolitisch und religiös ungebundene Organisation Kindern und Jugendlichen bei. Kern der Arbeit ist das 1980 eingerichtete Hilfstelefon. Mehr als 600 Freiwillige nahmen dort im vergangenen Jahr Anrufe entgegen – insgesamt 115.000, wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten Jahresbericht hervorgeht. Gestiegen ist die Zahl der Hilferufe in nahezu allen Bereichen: Das betrifft sexuelle Übergriffe ebenso wie psychische und physische Misshandlung – und oft geht es um Einsamkeit, sagt BRIS-Generalsekretär Gunnar Harnesk.

„Ich will Mama und Papa nicht stressen“

”Es wird immer deutlicher, dass die Kinder sich einsam fühlen, dass wir uns nicht genug Zeit für sie nehmen. Die Kinder rufen zum Beispiel an und erzählen: Es geht mir schlecht, ich habe Probleme in der Schule. Dann fragen wir, kannst du mit jemandem darüber sprechen? Die Antwort: Nein, damit würde ich Mama und Papa nur stressen, ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen. Und in der Schule sagen die Lehrer, das geht vorüber, du musst ein bisschen durchhalten. Dass Erwachsene da sind für Kinder, das ist selten geworden. Die Gegenwart von Erwachsenen ist heute eine Mangelware im Vergleich zur Situation von vor vierzig Jahren“, so Gunnar Harnesk. Er verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf einen „verschlankten“ Sozialdienst und auf den Abbau von Kurator-Stellen, die in Schwedens Schulen bis vor einigen Jahren selbstverständlich waren.

Schwieriger Dialog mit den Kommunen

Um die Situation zu verbessern, steht BRIS im ständigen Dialog mit den zuständigen Ministern. Schwieriger ist laut Gunnar Harnesk der Kontakt mit den unter starken finanziellen Zwängen stehenden Kommunen und Provinzen. Für Kinder aus problembeladenen Familien sei der Erhalt oder Nicht-Erhalt von Hilfe heut zu Tage vielfach die „reine Lotterie“, je nachdem, in welcher Kommune sie wohnten.

„Wir betreiben sehr viel Lobbyarbeit, damit die Kommunen verstehen, dass man möglicherweise einen stärker ausgebauten Sozialdienst braucht, als das Gesetz dies vorschreibt. Heute wissen viele Kinder und Jugendliche nicht, an wen sie sich mit ihren Sorgen und Nöten wenden können. Und die Situationen sind sehr unterschiedlich: in manchen Kommunen ist die entsprechende Infrastruktur phantastisch ausgebaut, in anderen gibt es im Prinzip gar nichts. Eine unserer absolut wichtigsten Aufgaben ist es, nicht locker zu lassen, denjenigen, die an betroffenen Kindern sparen, ständig im Nacken zu sitzen.“  

Mehr Geld vonnöten

Insgesamt müsse die Gesellschaft mehr Verantwortung für Kinder in Not übernehmen, fordert der BRIS-Generalsekretär. Sein Ziel unter anderem: die Einrichtung eines Kinder-Zentrums, das Kompetenz und Ausbildung für Personen bündelt, die mit betroffenen Kindern arbeiten. Und vor allem strebt BRIS an, sein Hilfstelefon rund um die Uhr offen halten zu können. Doch dafür braucht es mehr Geld; die Mittel der Organisation reichen dafür nicht aus. Die Tatsache, dass die Regierung unter Fredrik Reinfeldt im Herbst 2010 eine Ministerin ausdrücklich mit Fragen der Kinderrechte betraut hat, stimmt Harnesk vorsichtig optimistisch: „Wir wissen, seit es mit Maria Larsson eine Kinderministerin gibt, macht sich diese Ministerin Gedanken, wie man eine Rund-um-die Uhr-Linie finanzieren kann. Schweden ist ja sogar von den Vereinten Nationen kritisiert worden, weil wir das bisher nicht bieten können. Wir haben dafür die Kapazität, aber nicht die Gelder."

Noch Forschungsbedarf

Bleibt die Frage, warum in Schweden, dem Land, das als erstes in der Welt das Züchtigen von Kindern unter Strafe stellte, offenbar immer mehr Erwachsenen bei Missfallen mit den Sprösslingen die Hand locker sitzt. Darauf, dass nicht nur mehr Kinder bei BRIS anrufen, sondern die Zahl von Misshandlungen tatsächlich steigt, lassen schon frühere Studien schließen, so eine Untersuchung der Universität Karlstad von 2007. Laut der Studie, in der Eltern befragt wurden, war das Prügeln von Kindern in Schweden im internationalen Vergleich zwar weiterhin selten. Bei so genannten milderen Varianten körperlicher Züchtigung verzeichnete man aber eine „dramatische Steigerung“ seit dem Jahrtausendbeginn.

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