Hält Entschädigung für sinnvoll: Ministerin Larsson
Pflegefamilien

Misshandelte Ziehkinder fordern Wiedergutmachung

Wiedergutmachung für misshandelte Pflegekinder
3:40 min

Der Ministerin für Kinder- und Altenfragen, Maria Larsson, ist am Donnerstagnachmittag das lang erwartete Pflegekinder-Gutachten überreicht worden. Darin finden sich Vorschläge, wie die tausenden, in staatlichen Heimen und in Familien misshandelten Pflegekinder für ihre Leiden entschädigt werden können. So soll jedem eine Entschädigung von umgerechnet rund 28.000 Euro zustehen. Gegenüber der Zeitung Dagens Nyheter kündigte die zuständige Ministerin bereits eine Entschuldigung von Seiten der Regierung an.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren interviewten die Gutachter ehemalige Pflegekinder, die zwischen 1920 und 1980 in Waisenhäusern oder bei Pflegefamilien untergebracht waren und dort Opfer von Misshandlungen, sexuellen Übergriffen oder Drohungen wurden. Die Teilnehmer an der Studie meldeten sich freiwillig und so zahlreich, dass die Untersuchung verlängert werden musste. Eins der ehemaligen Heimkinder, die heute eine Entschuldigung vom Staat erwarten, ist Birgitta Palén. 

„Meine Kindheit und Jugend haben mich deformiert, so dass es mir schwer fiel, später richtig zu funktionieren“, erzählt die heute 61-Jährige im Schwedischen Rundfunk. „Ich denke, dass ich mein Leben trotz gewisser intellektueller Anlagen weggeworfen habe, weil ich so destruktiv und verwirrt war.“ 

Schon im Alter von nur drei Monaten wurde das Sozialamt auf Birgitta Palén und ihre überforderte, alleinerziehende Mutter aufmerksam. Während ihrer Kindheit wurde Palén in neun verschiedenen Waisenhäusern untergebracht – und dort lief längst nicht alles immer besser als bei der ständig migränekranken Mutter, die ihre Tochter regelmäßig zum Tablettenkaufen in die Apotheke schickte. 

Schwedens Ministerin für Kinder- und Altenfragen, Maria Larsson, kündigte eine offizielle Entschuldigung seitens der Regierung für die gravierenden Fehler der staatlichen Institutionen über die Jahrzehnte an. Auch eine Wiedergutmachungs-Zeremonie hält die Ministerin für angebracht. Dies sei wichtig für die Betroffenen und könne vor allem zeitnah bewerkstelligt werden. 

„100.000 Euro Entschädigung für jeden Betroffenen“ 

Eine andere Frage ist die nach der finanziellen Entschädigung. Für viele der Betroffenen wäre dies mehr als Symbolik, bestätigt Birgitta Palén. Sie steckt bis zum Hals in Schulden, auch die Zähne bereiten ihr Probleme. Für Palén und ihre tausenden Leidensgenossen setzt sich Peter Lindberg von der Vereinigung „Verwahrlost und Vergessen“ ein. 

„Alle sollten eine Entschädigung bekommen. So hat man das in Irland gemacht. Die Betroffenen bekamen Schadenersatz bis zu rund 90.000 Euro. Manche haben deutlich mehr bekommen, es gab Fälle, bei denen bis zu zwei Millionen Euro bezahlt wurden. Es leuchtet ein, dass man einen niedrigeren Durchschnitt wählen muss, aber alle, denen Schlimmes widerfahren ist und solche Dramen erlebt haben, sollten mit etwa 100.000 Euro entschädigt werden.“ 

Die Gutachterin der Regierung schlägt jetzt jedoch eine Entschädigung von lediglich rund 28.000 Euro vor. Die Entschädigung für Gewalt in staatlichen Institutionen in der Vergangenheit ist das Eine. Wie aber zukünftig derartige Übergriffe vermieden werden können, ist rein theoretisch klar, erklärt Lena Angberg, Chefin vom Sozialamt der Gemeinde Borlänge, die sich als erste offiziell bei den Opfern entschuldigte. 

„Es gibt keine 100%ige Garantie, dass so etwas nie wieder geschehen wird. Wir wissen, dass Verwahrlosung und verschiedene Übergriffe auch heute vorkommen. Was wir tun können, ist, unsere Routinen zu verbessern, um das Risiko für Misshandlungen und Gewalt zu verringern. Das Gutachten zum Kinderschutz etwa enthält viele konkrete Vorschläge für diese Arbeit. Es geht darum, vorbeugend zu arbeiten und rechtzeitig einzuschreiten.“ 

Wie eine Umfrage des Kinderombudsmannes zeigt, existiert ein entsprechender Handlungsplan, welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt am besten ergriffen werden, jedoch nur bei jedem fünftem Sozialamt in Schweden.

Liv Heidbüchel

Relaterat

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".