Ein Mann, der in der Menge bisher nicht so aufgefallen ist: Håkan Juholt. (Foto: Scanpix)
Håkan Juholt:

Ein Unbekannter an der Spitze

Wer ist Håkan Juholt?
5:20 min

Wer ist Håkan Juholt? Diese seit seiner Nominierung für den Parteivorsitz vor drei Wochen häufig gestellte Frage wird bald neue Antworten finden. Denn nach seiner offiziellen Wahl am heutigen Freitag wird Juholt sich in die politische Debatte begeben – zu der er sich in den letzten Tagen nicht äußern wollte. In welche Richtung er die Sozialdemokratie führen wird, muss sich herausstellen.

Vieles wird sich ändern in der schwedischen Sozialdemokratie, eine Konstante bleibt: Genau wie seine Vorgängerin ist Håkan Juholt Bruce Springsteen-Fan. Viel mehr ist über den Mann aus der Provinz Småland, der so plötzlich die politische Bühne betrat, allerdings nicht bekannt. „Ein Fußballtrainer! Der Organisator der Stockholmer Schwulen-Parade! Ein Fernsehmoderator bei einem Privatsender! Ein deutscher Kleinunternehmer!“ So lauteten einige Antworten in einer Radioumfrage drei Tage nach Håkan Juholts Nominierung zum Amt des Vorsitzenden der sozialdemokratischen Partei. Die Leute hatten keine Ahnung, wer dieser untersetzte grauhaarige Endvierziger mit dem markanten schwarzen Schnurrbart ist.

Erwartung: Messias

Berit Andnor, Vorsitzende des sozialdemokratischen Wahlausschusses, präsentierte Håkan Juholt als den Mann, der alle Anforderungen an den neuen S-Vorsitzenden erfüllt, Anforderungen, über die im Vorfeld spöttisch gesagt wurde, nicht einmal Jesus Christus hätte sie erfüllen können: „Wir schlagen eine Person vor, von der wir glauben, sie kann unseren Mitgliedern neuen Mut geben, unsere Organisation stärken und unsere Politik weiterentwickeln. Kurzum: eine Person, die die Sozialdemokraten zum Wahlsieg führen kann.“

Journalist, Fotograf, Autodidakt

Håkan Juholt, 49 Jahre, stammt aus Oskarshamn an der südschwedischen Ostküste. Oskarshamn ist eine Stadt, in der sich viel um das dort ansässige Atomkraftwerk dreht, entsprechend gehört Juholt zu den Atomkraftbefürwortern seiner Partei. Schon als Kind habe er Durchsetzungskraft besessen, bescheinigen ehemalige Klassenkameraden, einer davon heute Bürgermeister der kleinen Stadt, ein Posten, den in den Siebzigerjahren Juholts Vater Willy innehatte. Von Beruf ist Juholt Journalist und Fotograf, Autodidakt, der 14 Jahre lang die Lokalseiten der Oskarshamner Tageszeitung beschickte, vor allem mit Fotos, schmunzeln die Kollegen, denn als aktiver Sozialdemokrat war Håkan Juholt bei vielen Themen befangen. Schon als Teenager war er bei den Jungsozialisten eingetreten – und zeigte unter anderem ein starkes Engagement für Befreiungsbewegungen im Ausland. Sammelaktionen für Nicaragua gehörten dazu, ebenso wie das Schmuggeln einer Druckerpresse an die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc – wobei er ertappt wurde und 18-jährig einige Tage in polnischer Untersuchungshaft verbrachte.

Verteidigungspolitiker

1994 zog Håkan Juholt in den Reichstag ein, wo er sich auf die Verteidigungspolitik spezialisierte. Humorvoll pflegt er zu sagen, er sei der einzige Verteidigungspolitiker, der nicht gedient habe. Eine angeborene leichte Gehbehinderung führte zur Ausmusterung. „Ich fragte den Musterungsarzt, ob er den keine Verwendung für meinen Kopf hätte, aber das Militär wollte nur meine Füße“, hat Juholt in Interviews berichtet. Der Mann hat Humor, das wird allgemein bestätigt. Politisch gilt Juholt als links von der Mitte und als Pragmatiker. Das zeigte sich unter anderem darin, dass er zu denjenigen gehörte, die Anfang des Jahres den Stein ins Rollen brachten und Mona Sahlins Rücktritt forderten, um Platz für eine ganz neue Führung zu machen. „Ich unterstütze die Forderung der Jusovorsitzenden Jytte Guteland nach dem Rücktritt des gesamten Parteivorstands – inklusive Håkan Juholt. Dann können wir einen neuen Vorstand wählen, das erscheint mir nur logisch.“ War das ein Ränkespiel, um selbst an die Macht zu kommen? Oder einfach nur eine für die innerparteilichen Strukturen der schwedischen Sozialdemokratie ungewöhnliche Geradlinigkeit? Er sei das ganze Gerede über Erneuerung herzlich leid, soll Juholt im vergangenen Herbst laut Medien gesagt haben, nach seiner Nominierung relativierte er dies und sagte in Expressen: „Ich meinte, ich bin es leid, wenn Leute nur Erneuerung fordern, was wir brauchen sind praktische Vorschläge, wie die Erneuerung vonstatten gehen soll.“

Durchschnittlicher Schwede

Selbst hat er sich in dieser Beziehung allerdings auch noch zurückgehalten. Er werde erst nach seiner offiziellen Wahl in die politische Diskussion einsteigen, sagte er nach der Nominierung. Man darf gespannt sein, denn in allgemeinpolitischen Fragen hat Håkan Juholt weder breite Erfahrung – so hat er bislang kein Ministeramt bekleidet - noch ein deutliches Profil. Dafür ist er ein wirklich statistisch durchschnittlicher Schwede: Geschieden, zwei halbwüchsige Söhne, die wochenweise bei ihm wohnen, drei Verwarnungen wegen zu schnellem Fahren, einmal bei der Steuererklärung geschummelt und eine Freundin, mit getrennter Wohnung.

Luise Steinberger

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