Rentierzüchter

Tschernobyl hat noch immer Auswirkungen

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Die Reaktorunfälle in Japan rufen bei den nordeuropäischen Rentierzüchtern bedrückende Erinnerungen an die Atomkraft-Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 in der Ukraine wach. Die Nachwirkungen spüren sie noch heute.

Nur zu gut können die Älteren sich noch an die Strahlenbelastung gleich nach dem Atomunglück von Tschernobyl erinnern. Und die Jungen wissen, dass die Rentiere auch heute noch auf Radioaktivität untersucht werden.

Wochenlanges Füttern 

Eigentlich sollen Rene sich frei in der nordschwedischen Wildnis bewegen und ihr Futter suchen. Stattdessen werden viele vor der Schlacht wochenlang in Gehegen gehalten. Was sie in freier Wildbahn zu sich nehmen, ist stellenweise noch so radioaktiv belastet, dass ihre Cäsiumwerte mit Hilfe von Fertigfutter gesenkt werden müssen, damit das Fleisch für den menschlichen Genuss zugelassen ist.

 Das Samidorf Vilhelmina Nord treibt seine Rentiere nach Westen. Der Winter geht seinem Ende entgegen und die Tiere finden wieder mehr frisches Futter. Die Sami des Dorfes müssen auch 25 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl noch mit den Folgen leben. Im Winter schlachten sie nicht. Der Grund ist die Strahlenbelastung: In den Pflanzen, von denen die Rene auf den Winterweiden leben, ist der Cäsiumgehalt besonders hoch. Da heißt es entweder wochenlang nicht verstrahltes Futter geben – das bedeutet erhöhte Kosten und größere Arbeitsbelastung – oder während dieser Zeit nicht schlachten.

Erneute Verstrahlung beunruhigt

Jetzt versetzen die defekten Reaktoren in Japan die Rentierbesitzer erneut in Sorge. Züchterin Marita Stinnerbom erlitt 1986 schwere Verluste: „Natürlich kann man glauben und hoffen, dass Fukushima uns nicht beeinflussen wird. Das sagt die Strahlenschutzbehörde ja. Aber ganz sicher kann man nicht wissen, welchen Einfluss Wind und Wetter auf eine radioaktive Wolke haben. Wir haben ja erlebt, was Tschernobyl anrichten kann. Ich bin sehr beunruhigt“, sagt Stinnerbom zum Schwedischen Fernsehen.

Nicht nur die Sami in der Provinz Västerbotten waren damals betroffen. Die ersten Jahre nach Tschernobyl waren für die meisten Rentierzüchter ein Alptraum: Allein im ersten Jahr, 1986,  musste das Fleisch von 27 000 Rentieren nach der Schlacht vergraben werden. Es war wegen radioaktiver Verseuchung nicht zum Verzehr freigegeben - obgleich die Behörden die Grenzwerte erhöht hatten! Damals befürchteten viele das Ende der Rentierzucht und möglicherweise der ganzen samischen Kultur.

Keine vermehrten Krebsfälle

Aber die Cäsiumwerte sind im Laufe der Jahre gesunken. In vier von fünf Samidörfern sind sie heute kein Problem mehr. Die Verbraucher wissen, dass das Fleisch kontrolliert wird und haben keine Angst vor Wildprodukten mehr. Die Nachfrage ist groß. Im Jahr 2010 ist das Fleisch von lediglich 57 Renen wegen zu hoher Bequerel-Werte vernichtet worden.

Heute meinen die zuständigen Behörden, dass in Schweden keine Menschen durch die Strahlung aus Tschernobyl zu Schaden gekommen sind. Die Zahl der Krebsfälle soll nicht gestiegen sein. Wilde Beeren und Pilze zu pflücken gilt auch nicht mehr als Gesundheitsrisiko.

Die Rentierzüchter hoffen, dass Fukushima keine neuen Verunreinigungen bringt und dass die Nachwirkungen von Tschernobyl demnächst Geschichte sein werden. „Vor Tschernobyl haben wir ja das ganze Jahr über Rentiere schlachten können, ganz nach Bedarf. Wir möchten, dass es wieder so wird. Jetzt dürfen viele Rene vor der Schlacht wochenlang nicht frei weiden. Wenn wir ihnen Fertigfutter geben, senken wir zwar ihre Cäsiumwerte, aber es ist dann eben kein Fleisch von frei weidenden Tieren mehr“, bedauert Züchterin Marita Stinnerbom.

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