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Noch ahnt niemand etwas von der bevorstehenden Tragödie
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Grabstein und Gedenktafel
arbeiterbewegung

Gedenken an Ådalen

"Hör mal, ich glaube, die schießen scharf, Oscar"
8:14 min

An diesem Wochenende ist es genau 80 Jahre her, dass im nordschwedischen Ådalen Soldaten auf demonstrierende Arbeiter schossen. Die tragischen Ereignisse führten zu einem Umdenken sowohl in der Frage der öffentlichen Sicherheit als auch in der Sozialpolitik.

Am Morgen des 14. Mai 1931 ahnte wohl kaum jemand, dass dieser sonnige Himmelfahrtstag als einer der dunkelsten Tage der jüngeren Geschichte Schwedens enden sollte. Das landschaftlich schöne Ådalen entlang dem nordschwedischen Fluss Ångermanälven geriet damals zum Schauplatz eines eskalierenden Arbeitskonflikts in der örtlichen Papierindustrie, der zur Tragödie ausartete. Die Ereignisse kamen ins Rollen, nachdem die Sulfat-Fabrik Marmaverk den Stundenlohn von damals einer Krone 18 Öre auf eine Krone 14 gesenkt hatte. Als die Arbeiter mit einem Streik reagierten, heuerte das Unternehmen Streikbrecher an, die im Hafen von Sandviken ein Frachtschiff mit Zellstoff-Rohmasse beladen sollten. Dazu kam es nicht. Streikende Arbeiter zerrten die Streikbrecher mit Gewalt an Land und misshandelten einige von ihnen.

Weil sich der spärlich besetzte Polizeiposten der sonst so friedlichen Region von der Entwicklung überfordert fühlte, bat man um militärische Unterstützung. Am Nachmittag des 14. Mai stellten sich Soldaten einer Infanterieeinheit demonstrierenden Gewerkschaftern entgegen, und dann überschlugen sich die Ereignisse. Radio Motala sendete später die folgende Eilmeldung:

„Fünf Personen wurden heute Nachmittag bei Zusammenstößen zwischen streikenden Arbeitern und dem Militär bei Lunde in Ådalen  getötet und ebenso viele verwundet. Ein Demonstrationszug mit drei- bis viertausend Teilnehmern, der zu einem abgesperrten Lastkai vordringen wollte, wo Arbeitswillige beschäftigt sind, wurde von Militärangehörigen aufgehalten. Doch trotz der Aufforderung stehenzubleiben, rückten die Demonstranten in drohender Haltung weiter vor, und das Militärpersonal wurde mit Steinen beworfen. Ein berittener Wachtposten, der versuchte, die Demonstranten aufzuhalten, wurde verfolgt, und der Kommandeur der Militäreinheit befahl, Warnschüsse abzugeben, um die Demonstranten am Betreten des gesperrten Geländes zu hindern. Nach Abgabe der Schüsse zogen sich die Demonstranten zurück. Die Stimmung in Ådalen ist wegen der Ereignisse der letzten Tage äußerst angespannt.“

Betroffene sahen es anders

Leider war diese Schilderung allein aus der Sicht der Ordnungskräfte abgefasst und daher einseitig. Dass wir auch jetzt noch über anders lautende Aussagen der damals Betroffenen verfügen, ist dem Schwedischen Rundfunk zu verdanken, der 1961 in einer Gedenksendung Zeitzeugen zu Wort kommen ließ. Die Originaltöne aus diesem Archivmaterial lassen das Geschehen von vor nunmehr 80 Jahren noch einmal hochaktuell erscheinen.

Oskar Berggren war einer von Tausenden, die gegen die Einstellung von Streikbrechern protestierten. Er wusste, dass Soldaten angerückt waren, rechnete aber nicht damit, dass sie auf die Demonstranten schießen würden, denn nach seiner Darstellung war die Stimmung im Demonstrationszug friedlich. Berggren marschierte zusammen mit seinem Arbeitskollegen Victor Ericsson an der Spitze des Zuges. Was dann geschah, schilderte er so:

„Ericsson und ich gingen nebeneinander, er war auf meiner linken Seite.  Da sagte Ericsson: Hör mal, ich glaube, die schießen scharf, Oscar. Kaum hatte er das gesagt, da wurde er getroffen. Die Kugel ging knapp an mir vorbei und durchbohrte Ericsson, und er wurde in den Graben geschleudert. Ich habe dann nach ihm gesehen und sofort verstanden, dass nichts mehr zu machen war. Ich drehte mich um, weil ich sehen wollte, wer geschossen hatte, aber die Soldaten waren nicht zu sehen, denn sie lagen versteckt, und dann wurde  i c h  getroffen, und ich dachte, jetzt ist es auch mit mir aus.“

Berggren lag damals zwei Monate im Krankenhaus. Die Ärzte glaubten anfangs nicht, dass er durchkommen würde.

Dass der plötzliche Ausbruch von Gewalt nicht zu einem noch größeren Blutbad ausartete, ist wohl vor allem der Geistesgegenwart  e i n e s Mannes zu verdanken. Hier die Aussage des Trompeters der Gewerkschaftskapelle, Tore Alespong:

„Obwohl wir Musik spielten, hörten wir, dass davon die Rede war, dass scharf geschossen wurde, und plötzlich hörten wir auch, wie ein junges Mädchen aufschrie, und ich drehte mich um und sah, dass das Mädchen blutete, und da begriff ich, dass es ernst war. Wir brachen die Musik ab, und ich blies daraufhin das Signal ‚Feuer einstellen’.“  

Tatsächlich wurden daraufhin keine weiteren Schüsse abgegeben. Später wurde berichtet, es sei überhaupt nicht gezielt geschossen worden. Die tödlichen Schüsse hätten sich aus einem Maschinengewehr gelöst, das Soldaten versehentlich hätten fallen lassen. Diese Darstellung ließ sich nie erhärten, und für die fünf Toten, darunter eine 20 Jahre alte unbeteiligte Dorfbewohnerin, spielte sie ohnehin keine Rolle mehr.

Schlussfolgerungen und Konsequenzen

Eine staatliche Untersuchungskommission kam später zu folgendem Schluss. Zitat:

‚Ein Krawall, der in einer größeren Stadt sicher mit einem relativ geringen Polizeieinsatz ohne ernstere Folgen hätte beendet werden können, führte in diesem Fall zu dem schrecklichen Resultat mit fünf Toten. Das macht deutlich, welches ungeeignete Mittel der Einsatz von Militär zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Fällen ist, bei denen es nicht darum geht, einem bewaffneten Widersacher entgegen zu treten.’

Diese Erkenntnis führte zu zwei Entscheidungen im Bereich öffentliche Ordnung. Erstens: Laut Gesetz darf das Militär nicht mehr gegen die Bevölkerung eingesetzt werden.

Und zweitens wurde die Bildung einer überregionalen Reichspolizei beschlossen, die bei Bedarf überall eingreifen kann.

Als ebenso bedeutend erwiesen sich die sozialpolitischen Reformen, die durch die Ereignisse von Ådalen in Gang kamen. Es gab eine allmähliche Annäherung der Positionen von Unternehmern und Gewerkschaften. 1938 schlossen beide Seiten ein historisches Abkommen, das nach dem Stockholmer Vorort Saltsjöbaden benannt ist. Die Übereinkunft stärkt die Rechte der Arbeitnehmer in Fragen wie Kündigungsschutz und Streikrecht. Zur Beilegung größerer Arbeitskonflikte wurde eine Schlichtungsstelle gebildet. Sozialwissenschaftler werten das damalige Abkommen als wichtigen Schritt auf dem Wege zu der Gesellschaftsstruktur, die Folkhemmet, also Volksheim, genannt wird.

Vielleicht lag es ja an seiner abgehobenen gesellschaftlichen Stellung, aber an König Gustaf V schien die Entwicklung seit dem Drama von Ådalen vorbeigegangen zu sein. Jedenfalls bekommt man diesen Eindruck, wenn man die entscheidende Passage der Rede hört, die der Monarch 1939 in der Region hielt:

‚Ein Loblied singen zu wollen auf die Arbeit, die den Mann adelt, das ist, wie ich finde, ein Vorhaben, das genau zu Ådalen passt, denn es ist ein Teil von Ådalens Poesie. Die richtige Einstellung zur Arbeit ist doch wohl, nicht nur daran zu denken, wie viel ich verdienen kann, sondern die Arbeit mit dem lebhaften Gefühl zu verrichten, dass gerade mein Einsatz ein unersetzlicher Teil der vereinten Arbeit im Schweden unserer Tage ist.’

Als Schlusspunkt dieses kleinen geschichtlichen Rückblicks eignet sich  da wohl besser der stellvertretend für alle fünf Opfer eingemeißelte Text auf dem gemeinsamen Grabstein in Ådalen:

„Hier ruht ein schwedischer Arbeiter, gefallen im Frieden, unbewaffnet und wehrlos, erschossen von unbekannten Kugeln. Sein Verbrechen war Hunger. Vergesst ihn nie.“

Klaus Heilbronner

 

  

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