Energie

Windkraft-Ausbau mit Turbulenzen

Frische Brise für die Windkraft
9:20 min

Windkraft ist in Schweden auf dem Vormarsch. Meldungen allein aus dem Monat Mai sprechen ihre deutliche Sprache: So sollen in Malå und in Nordmaling, jeweils in Nordschweden, Windkraftparks für umgerechnet 7 Millionen beziehungsweise für 33 Millionen Euro gebaut werden; im ebenfalls nordschwedischen Näsåker investiert man in eine Anlage mit bis zu 300 Windkraftwerken eine Milliarde Euro. Der rasante Ausbau der Windkraft steht auf der Prioritätenliste des Umweltministeriums in Stockholm ganz oben, und die Branche sieht einem Rekordjahr entgegen. Allerdings ist die Freude nicht ungetrübt. Denn mit der Verbreitung der Windkraftwerke wächst auch der Widerstand. Die Gegner verweisen auf Lärmbelästigung und verhunzte Landschaftsbilder, und sie machen mobil - mit Erfolg: Immer mehr Kommunen machen von ihrem Vetorecht Gebrauch. Das Einspruchsrecht der Kommunen gilt inzwischen als ernsthaftes Hindernis für den Fortgang des nationalen Windkraft-Projekts.

Jonny Fagerström gehört zur wachsenden Schar der Schweden, die der viel gepriesenen Windkraft nichts Erfreuliches abgewinnen können. Seine Vereinigung „Svenskt lantskapsskydd", „Schutz der schwedischen Landschaft", hat in den vergangenen Jahren beachtlich an Mitgliedern zugelegt. „Jetzt sind wir an die 30.000", berichtet Fagerström, „von Piteå bis hinunter nach Ystad, und wir sind in 50 lokalen Vereinigungen organisiert." In den letzten anderthalb Jahren hat „Svenskt lantskapsskydd" an die 400 Zeitungsartikel lanciert, in Rundfunk- und Fernsehsendungen mitgewirkt und Website-Besucher auf dem Laufenden gehalten; im April erst machte eine Delegation des Vereins den Regierungsparteien im Stockholmer Reichstag ihre Aufwartung. „Wir wollen, dass die jetzigen umfangreichen Windkraft-Etablierungen mit Vernunft und im Dialog durchgeführt werden", sagt Fagerström, „aber das passiert nicht. Stattdessen baut man ständig und überall."

Die Menschen, denen ein Windkraftwerk gleichsam vor die Nase gesetzt werde, müssten mit ständigem Lärm leben, kritisiert er; Wälder würden abgeholzt, um Zufahrtsstraßen Platz zu machen, die entnervten Anwohner müssten sich mit beeinträchtigtem Nachtschlaf ebenso abfinden wie mit dem rapiden Fall des Verkaufswerts ihrer Grundstücke. Bei den Genehmigungsverfahren für neue Windkraftanlagen nutze man vielfach die Unkenntnis in den Kommunen aus. Und das alles für nichts und wieder nichts. Schließlich habe Schweden sein Soll in Sachen umweltfreundlicher Energieproduktion schon jetzt mehr als erfüllt: „Die schwedische Stromproduktion ist zu 97 Prozent frei von Kohlendioxid, die Windkraft wird in diesem Zusammenhang also überhaupt nicht gebraucht." Aus Sicht Jonny Fagerströms greift eine gierige Windkraftindustrie für unnütze Mega-Bauten öffentliche Gelder ab, unter dem Beifall passiver Jasager auf staatlicher Seite - im Blick hat er dabei in erster Linie die zentrale „Energimyndighet", die Energie-Behörde.

Hervorragende Kohlendioxid-Bilanz

Bei dem Amt, dem die allgemeine Information über Schwedens Energiepolitik obliegt, räumt man die Unterstützung der Windkraft-Offensive vorbehaltlos ein: „Die Energiebehörde hat den ausdrücklichen Auftrag, die Windkraft zu fördern", so Camilla Rosenberg, Leiterin der Windkraft-Abteilung. Schließlich habe die Regierung ein klares Ziel formuliert - den Anteil erneuerbarer Energien in Schweden zu erhöhen, auch wenn das Land mit seiner Kohlendioxid--Bilanz tatsächlich im Vergleich zu anderen Industrieländern glänzend dasteht. Schweden deckt seinen Energieverbrauch jeweils etwa zur Hälfte aus Atom- und aus Wasserkraft. Die Windkraft mit 3,5 Terrawattstunden produziertem Strom stand im vergangenen Jahr für gerade mal 2,4 Prozent des Gesamtverbrauchs. 2020 sollen die Voraussetzungen für die Produktion der knapp zehnfachen Menge, 30 Terrawattstunden, gegeben sein.

Dass sich Schweden nicht auf der erfreulichen Kohlendioxid-Bilanz ausruht und seine Energieproduktion ausbaut, obgleich man laut Prognosen einem Energie-Überschuss entgegengeht, motiviert die Energiebehörde mit zwei Gründen. Im vergangenen Jahr musste man im strengen Winter wegen Energiemangels Strom aus dem Ausland einkaufen, darunter auch solchen aus nicht erneuerbaren Quellen; dergleichen soll künftig nicht mehr nötig sein. Und: Man will andere Länder in Europa mit umweltfreundlicher Energie beliefern können.

Die Unterstützung für die Windkraft sei aber nicht mit blinder Gefolgschaft zu verwechseln, betont Camilla Rosenberg: „Unser Auftrag schließt ein, dass wir sachliche Informationen vermitteln, so wie alle Behörden. Das beinhaltet, dass wir selbstverständlich Forschung darüber betreiben, welche Auswirkungen die Windkraft, ebenso wie andere Arten der Energieerzeugung, auf Mensch und Umwelt hat." Die größte entsprechende Studie unter dem Namen „Vindval", „Wind-Wahl", wurde 2005 initiiert und läuft bis zum kommenden Jahr. Wer wissen möchte, wo genau momentan Windkraftwerke stehen und geplant sind, der muss sich allerdings noch etwas gedulden. Eine zentrale Zusammenstellung gibt es bisher nicht, die Energiebehörde arbeitet an einer entsprechenden Übersichtskarte.

Halb so schlimm?

Die Kritik seitens der Windkraft-Gegner, wonach sozusagen hinter jeder schwedischen Häuserecke ein potenzielles Windkraftwerk lauert, ist laut der Behörde jedenfalls nicht wirklich angemessen: Windkraftwerke brauchen Wind und werden daher vor allem in weitläufigen Gebieten errichtet; nach Investitionen in Südschweden in den letzten Jahren hat man jetzt vor allem den dünn besiedelten Norden im Blick. Gerade dort aber machen immer mehr Kommunen von ihrem 2009 gesetzlich eingeführten Veto-Recht gegen die Etablierung von Windkraft Gebrauch.

Die Energiebehörde hat jetzt an die Regierung einen Bericht geschickt, in dem es heißt, das jetzige Verfahren erschwere die Etablierung von Windkraftwerken nachhaltig. „Natürlich bereitet das kommunale Vetorecht der Branche große Probleme", sagt auch Annika Helker Lundström, Vorsitzende der Branchenvereinigung „Svensk Vindindustri", „Schwedische Windindustrie". Laut „Svensk Vindindustri" sind dem kommunalen Veto landesweit bisher mindestens 380 geplante Windkraftwerke zum Opfer gefallen, 750 weitere sind Wackel-Kandidaten. „Für uns in der Windkraft-Industrie ist es natürlich wichtig, dass wir Verständnis haben und auf die Menschen eingehen, in deren Nähe Windkraftwerke gebaut werden", sagt Annika Helker Lundström. In einem Artikel in der Tageszeitung Svenska Dagbladet bezeichnete sie das kommunale Vetorecht kürzlich gleichwohl als „völlig unangemessen". Zudem müsse man die Größenordnungen im Blick behalten: Die Vorgabe von 30 Terrawattstunden bedeute, Schweden müsse an die 4000 Windkraftwerke bauen. „Dänemark, das nicht größer ist als der nordschwedische Verwaltungsbezirk Jämtland, hat schon jetzt 5000 Windkraftwerke, Deutschland hat 4500 bei einer kleineren Fläche als Schweden und einer zehnfach größeren Bevölkerungszahl."

Gewiss bringe ein Windkraftwerk Veränderungen im näheren Lebensbereich mit sich. „Wenn man erfährt, dass in der Nähe ein Windkraftwerk gebaut werden soll, findet man das oft ziemlich problematisch. Aber de Statistik zeigt auch oft: Wenn die Anlage erst einmal steht, dann sieht man die Probleme gar nicht mehr als so groß", sagt Annika Helker Lundström.

Atomkraft bleibt unangefochten

Den Windkraft-Gegner Jonny Fagerström kann sie damit freilich nicht beschwichtigen. Seine Fagerströms Vereinigung freut sich darüber, dass Umweltminister Andreas Carlgren und dessen Zentrumspartei für ihr Ziel, das kommunale Veto aufzuheben, bei den bürgerlichen Koalitionspartnern keinen Beifall finden. „Wir fordern jetzt, dass eine Regierungskommission die gesamte Windkraft-Offensive untersucht, dass die Energiebehörde wieder ihre unabhängige Rolle als Amt einnimmt und dass bei den Genehmigungsverfahren eine unabhängige dritte Instanz eingeschaltet wird", sagt Fagerström. Eine Revision, so hofft der Verein zum Schutz der schwedischen Landschaft, könne ähnliche Ergebnisse erbringen wie vor einigen Jahren die staatliche Untersuchung der großen Investitionen in den Treibstoff Ethanol - die Erkenntnis nämlich, schlicht auf dem Holzweg zu sein.

Unterdessen fällt in der schwedischen Windkraft-Diskussion zumindest aus deutscher Sicht eines auf: Die Rolle der Atomkraft als auch künftig tragende Säule in Schwedens Energieversorgung wird im hitzigen Für und Wider kaum in Frage gestellt. „Ich glaube nicht, dass man die Kernkraft in Schweden abwickelt", sagt Jonny Fagerström, „dank Kern- und Wasserkraft erfreuen wir uns ja nun seit Jahrzehnten einer ebenso billigen wie sicheren Stromerzeugung." Damit drückt er gleichermaßen die Meinung des offiziellen Schweden wie die eines großen Bevölkerungsanteils aus. Auch nach den Mahnungen aus Fukushima müssen Schwedens Atomkraftgegner Verbündete offenbar weiter mühsam suchen.

Anne Rentzsch

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