Kindergarten-Reform

Große Gruppen erschweren Durchsetzung neuer Lehrpläne

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Am 1. Juli greift die von der bürgerlichen Regierung lange anvisierte Schulreform, die auch Schwedens Kindergärten betrifft. Dort soll es künftig verstärkt um Mathematik und Naturwissenschaft gehen, um schon die Kleinsten auf die Anforderungen im späteren Leben vorzubereiten. Gegen ein reibungsloses Umsetzen der neuen Auflagen spricht die Tatsache, dass die Kita-Gruppen immer größer werden.

Um ein grundlegendes mathematisches und naturwissenschaftliches Verständnis kommt in der heutigen Gesellschaft niemand mehr herum. Deshalb soll die Lehre auch im Kindergarten eine stärkere Rolle spielen als bisher, so will es die Regierung. 

In den Kindergärten im Stockholmer Innenstadtviertel Västra Kungsholmen freut sich das Personal schon auf den Herbst. Kindergärtnerin Catrin Hassel erzählt, dass sie und ihre Kollegen ihre Arbeit mit Mathe schon jetzt vertieft haben. Mathematische Aufgaben können ganz spielerisch an die Kleinkinder herangetragen werden. 

„Es geht zum Beispiel um die Erforschung von Volumen, Menge und Gewicht. Man kann verschiedene Flaschen mit unterschiedlichen Materialien füllen und die Kinder fragen, wieso die eine volle Flasche mehr wiegt als eine andere. Wir arbeiten sehr viel mit ganz unterschiedlichen Materialien.“ 

In den Kindergärten in Västra Kungsholmen sind die Gruppen über die Jahre immer größer geworden. Statt der vorgeschriebenen 15 Kinder pro Gruppe zeigt die Statistik einen deutlichen Trend: Fast jede fünfte Gruppe besteht inzwischen aus 21 oder sogar noch mehr Kindern. Die Gruppen der Ein- bis Dreijährigen stechen besonders hervor. 

Stockholmer Trend: 3 Kinder statt 2 

Verantwortlich dafür ist die Tendenz von immer mehr Stockholmer Familien, sich für ein drittes Kind zu entscheiden. Diese unerwartete Entwicklung hat die Stockholmer Stadtverwaltung auf kaltem Fuß erwischt. Nun wird fieberhaft daran gearbeitet, allein die Frage nach den Räumlichkeiten für die kommenden Jahre zu klären.

Dass die Kindergartengruppen immer weiter anschwellen, ist in den Kindergärten in Västra Kungsholmen bislang jedoch kein Problem, betont die stellvertretende Rektorin Titti Rylander gegenüber Sveriges Radio International. 

„Wir vertreten nicht die Auffassung, dass eine kleine Gruppe grundsätzlich für gute Qualität bürgt. Viel hängt an der Organisation. Wir teilen uns oft in kleine Gruppen auf, haben aber auch sehr große Gruppen. Dort arbeiten mehrere Pädagogen zusammen. Es gibt eine andere Dynamik im Team, und wir können auch die Umwelt mit den Kindern ganz anders nutzen.“

Enge Beziehungen helfen Stress vermeiden

Carina Hall von der Schulbehörde begrüßt individuelle Lösungen, hält jedoch daran fest, dass große Gruppen für die Jüngsten ungünstig sind – insbesondere, wenn die Anforderungen aufgrund des neuen Lehrplans steigen. 

„Die Grundidee des Lehrplans ist das Lernen in der Gruppe. Im Kindergarten bildet die Gruppe das ideale Lernumfeld. Wenn aber die Gruppe zu groß ist, gleichzeitig aber die Lehre wichtiger wird, geht die Gleichung nicht auf. Große Kindergruppen haben viele Nachteile, vor allem für Kinder mit einer anderen Muttersprache und für Kinder, die etwa aufgrund von Behinderung besondere Aufmerksamkeit brauchen. Jüngere Kinder haben ein stärkeres Bedürfnis nach engem Kontakt mit anderen Erwachsenen und Kindern. Bei zu vielen Beziehungen kann es leicht zu Stress kommen und dies kann die Identitätsentwicklung beeinträchtigen.“

Liv Heidbüchel/Anna Nell Florén