Anders Behring Breiviks Manifest. Foto: Nick Näslund/Sveriges Radio.
Autorin Lisa Bjurwald:

„Breivik ist vor allem Islamfeind"

4:17 min

Der Attentäter von Oslo, Anders Behring Breivik, könne kaum als Nazi bezeichnet werden, sondern passe stattdessen ideologisch in eine islamfeindliche Bewegung. Das sagte die schwedische Journalistin und Autorin des Buches „Europas Schande – Rassisten auf dem Vormarsch“, Lisa Bjurwald, gegenüber Sveriges Radio International. Islamfeindlichkeit werde in Europa immer stärker, und durch den Erfolg rechtsgerichteter Parteien wie der norwegischen Fortschrittspartei oder den Schwedendemokraten hierzulande immer akzeptierter.

Breivik war vor einigen Jahren Mitglied der norwegischen „Fremskrittspartiet“, zu deutsch Fortschrittspartei, gewesen. Die Rechtspopulisten waren dem späteren Terroristen jedoch nicht extrem genug und so war er vor vier Jahren ausgetreten.

„Ihn unterscheidet – soweit wir das jetzt sehen können - dass er von dem Konspirationsgedanken erfüllt ist, dass Europa islamisiert wird und wir uns wehren müssen“, erklärt Journalistin Lisa Bjurwald. „Es herrscht Krieg und die „echten“ Europäer müssen den Kontinent verteidigen, gegen das Furchtbare, das geschehen wird. Die traditionelle White-Power-Bewegung ist dahingegen eher besessen von der Idee einer Judifizierung und nicht von einer Islamisierung.“

Nach Ansicht Bjurwalds ist die islamfeindliche Bewegung in Europa bedeutend stärker und breiter als die White-Power-Bewegung der Neonazis. Wolle man Terrorismus bekämpfen, so müsse man auch analysieren, welche Ideologie den Terror antreibt, so Bjurwald.

Anti-muslimischer Massenterrorismus

Auf der Webseite der antirassistischen Zeitung Expo, für die Lisa Bjurwald auch schon geschrieben hatte, wird der Anschlag von Oslo am 22. Juli als „erstes Beispiel von Massenterrorismus eines Akteurs aus der anti-muslimischen Bewegung“.

Anti-muslimische Extremisten haben laut Bjurwald auch viel mit rechten Extremisten gemeinsam. In seinem über 1.500 Seiten starken Manifest hatte Breivik auf eine britische Tempelrittergruppe Bezug genommen. Diese Art Rhetorik ähnle der rechtsextremer Gruppen, so Bjurwald.

„Die English Defence League war eine der ersten richtigen militanten anti-muslimischen Gruppen, gegründet in Luton in Großbritannien. Die sind bekannt für islamfeindlichen Extremismus und haben seit 2009 regelmäßig für Chaos auf britischen Straßen gesorgt. Diese Gruppe nutzt dieselbe Symbolik, etwa Kreuzrittersymbole. Es gibt ja auch Hinweise darauf, dass Breivik mit der English Defence Leage in Kontakt gestanden hat. Trotzdem weiß man bisher nicht, in welcher Weise es da Kontakt gegeben hat, und die English Defence League hat ja auch bisher keine Terroranschläge verübt.“

Kontakte zur English Defence Leage

Die britische Zeitung The Telegraph berichtete von Breiviks Kontakten nach England, die derzeit auch von Scotland Yard untersucht werden. Unter anderem zitiert die Zeitung ein Mitglied der English Defence League, das bestätigt, Breivik habe einige Mitglieder der Gruppe getroffen und über Facebook Kontakt gehabt. Gleichzeitig halte er die Tat Breiviks für falsch.

In einigen Ländern sind extreme Parteien und Gruppen in den letzten Jahren stärker geworden. Lisa Bjurwald verweist auf Länder wie die Niederlande, Frankreich oder Dänemark, wo sie  großen Einfluss auf die Politik haben. Auch in Schweden seien rechtsextreme Gruppen aktiv.  Mit Blick auf Norwegen sei es zudem interessant, dass in Schweden der Rechtsextremismus eigentlich stärker sei, als in Norwegen, so Bjurwald.

„In Norwegen sind die Extremisten eigentlich eher marginalisiert. Norwegische Experten meinen, dass das damit zu tun hat, dass die Fortschrittspartei die Fragen aufgegriffen und Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie nach vorne gebracht und damit die Rechtsextremen überflüssig gemacht.“

Die Journalistin glaubt, der Doppelanschlag werde in Schweden und ganz Europa Konsequenzen haben. Die europäischen Geheimdienste hätten sich lange auf die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus konzentriert, das werde allerdings nicht so bleiben.

„Die Rechten wissen jetzt, dass sie stärker von Geheimdiensten und Polizei überwacht werden und nicht mehr unsichtbar sind. Aber das heißt vielleicht nur, dass sie Aktivitäten zurückfahren. Ich hoffe jedoch, dass wir jetzt mehr darüber nachdenken, was diese Ideologien für Europas politisches Klima und die Gesellschaft bedeuten, vor allem mit Blick darauf, dass Extremismus und Terrorismus jetzt so weit gehen.“

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista