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Das Plakat zum Antikriegsfilm "Die Brücke" stammt aus der Feder von Hellmuth Ellgaard.
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Pollux - Der Australian Shepherd ist Holger Ellgaards ständiger Begleiter
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Holger Ellgaard mit seiner ersten Kamera (Foto: Bettina Rehmann)
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Der junge Holger Ellgaard beim unerfreulichen Kamerapraktikum in Hamburg an der Arriflex
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Dieses Foto ist im Innenhof des Stadshuset aufgenommen (Foto: Holger Ellgaard)
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Ein Bild aus Holger Ellgaards Serie "Stockholm - Då och nu i färg" - "Stockholm - Damals und heute in Farbe": Der Verkehrsknotenpunkt Slussen 1963 noch vor der Einführung des Rechtsverkehrs.
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Die gleiche Stelle im Jahr 2007. (Foto: Holger Ellgaard)
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Das einzige Bild, das Holger Ellgaard hochgeladen hat, das 1959 noch mit der Bilora aufgenommen wurde.
Schweden-Auswanderer Holger Ellgaard im Porträt

„Forschungsreisender in der eigenen Kommune"

8:06 min

In den 1970ern stand für den gebürtigen Deutschen Holger Ellgaard fest: Im geteilten Deutschland wollte er nicht bleiben. Es zog ihn nach Schweden, das Land, in dem er sich als Architekt Freiheit versprach. Heute ist der 68-Jährige pensioniert, und seine Wahlheimatstadt Stockholm wurde in den letzten Jahren zu seinem großen Forschungsprojekt. Holger Ellgaard beschreibt und fotografiert Bauten, Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten der schwedischen Hauptstadt für die freie Enzyklopedie Wikipedia.

„Also mein Jugendwunsch, mein Jugendtraum war ja, Kameramann und Fotograf zu werden. Und ich war in Hamburg kurz nach dem Abitur als Praktikant bei einer Filmfirma. Und der Mann hat mich dermaßen niedergemacht und meinen Traum kaputt getrampelt. Nach einem viertel Jahr bin ich dann zwischen zwei Drehorten einfach weggelaufen. Und habe ihn dann mit dem ganzen Scheiß stehen lassen. Da war der Traum gestorben. Aber das gab es immer noch im Hintergrund. Ich habe später immer noch gerne fotografiert und später auch als das Filmen leichter wurde, mit einer Videokamera gefilmt. Aber das witzige ist, in meiner Berufslaufbahn als selbständiger Architekt war die letzte Rechnung, die ich geschrieben habe eine Rechnung an einen Verlag hier in Stockholm für Fotos, die sie für ein Fotobuch, einen Stockholm-Guide gekauft haben. Irgendwie ist zum Schluss doch mein Jugendtraum in Erfüllung gegangen.“

Auch wenn aus Holger Ellgaard kein professioneller Fotograf geworden ist, die knapp 10.000 Bilder, die er bei Wikipedia hochgeladen und fast alle selbst aufgenommen hat, sprechen für sich. Ellgaard fing schon früh an.

„Das eingeklemmte Berlin, zwischen Ost und West, Atomkrieg hing dauernd in der Luft. Man konnte damals nicht stolz auf sein Heimatland sein.”

„Ich hab gefilmt und fotografiert – in Anführungszeichen – mit einer kleinen Fingerfigur von Steiff. Ein kleiner Affe. Mit dem saß ich und hab gefilmt und fotografiert. Dann haben meine Eltern wohl gedacht, der arme Junge, der braucht mal eine richtige Kamera. Und die kriegte ich dann, die steht immer noch bei mir im Schrank – eine Box aus Bakelit.“

Die erste Kamera steht heute in der Vitrine

Holger Ellgaard nimmt die Kamera liebevoll als der Vitrine und präsentiert sie:

„Das war eine Rollfilmkamera, eine Bilora. Die hat nur zwei Möglichkeiten, eine Moment- oder Zeitaufnahme. Und hinten steckte man einen Rollfilm rein, das Format gibt es heute nicht mehr. Sehr simpel, mit Querformat und Hochformat. Das reichte aber.“

Heute fotografiert Ellgaard digital, doch er macht nicht nur Bilder, sondern schreibt auch. Auf der deutschen Wikipedia-Seite hat er mehr als 200 Artikel gestartet, in der schwedischen Version mehr als 1.200. Amateurdokumentarist, die Bezeichnung könnte er gelten lassen, sagt er lächelnd, oder besser noch:

„Forschungsreisender in der eigenen Kommune. Ich wühle hier in der Gegend rum und kann unglaublich viele Sachen entdecken. Und das immer mit meinem Hund zusammen, das ist wichtig.“

Pollux ist Holger Ellgaards ständiger Begleiter – seit elf Jahren. Der australische Shepherd ist nicht mehr der Jüngste – aber er muss mithalten, bei dem aktiven Lebenswandel des 68-Jährigen. Und er passt gut auf. Im hellen Wohnzimmer des großzügigen Hauses im südlichen Stadtteil Segeltorp beobachtet er genau was passiert.

„Ich bin 1970 nach Schweden gekommen, und einer der Anlässe war eine schwedische Frau, die ich auch schon geheiratet hatte, in Berlin. Das war der Hauptgrund, aber auch, muss ich sagen, die politische Situation, damals. Das eingeklemmte Berlin, zwischen Ost und West, Atomkrieg hing dauernd in der Luft. Man konnte damals, heute ist es vielleicht anders, nicht stolz auf sein Heimatland sein.”

Stolz sein, das glaubte er damals, könnte man aber sicher auf das Heimatland seiner Frau. Schweden galt in den 1960ern als Vorbild – als fortschrittlicher Sozialstaat. Auch in der Architektur wurde Skandinavien von vielen als beispielhaft betrachtet, und dort war Holger Ellgaard beruflich zuhause. Das zeigen auch die Artikel, die er für Wikipedia schreibt. Schon oft hat ihm seine Berufserfahrung geholfen.

„Ich hab mich bei Wikipedia auf ein Thema spezialisiert, bei dem ich mich zuhause fühle. Ich kenne aber zum Beispiel einen deutschen Vermessungstechniker, der schreibt über Vögel und Blumen, nicht über Vermessung. Natürlich hat mein Beruf in Stockholm mir sehr geholfen, Material zu finden und die Sachen auch korrekt zu beschreiben und auch die richtigen Fachausdrücke zu benutzen. So ist auch das Interesse entstanden, überhaupt Wissen über Architektur an den Mann zu bringen, da war ja kaum etwas als ich anfing.“

Angefangen für Wikipedia zu schreiben, hat Holger Ellgaard 2007. Sein erster Artikel befasste sich mit seinem Vater Hellmuth Ellgaard, einem bekannten deutschen Pressezeichner und Illustrator.

„Als ich das gemacht habe, hatte ich fast das Gefühl, mein Vater steht hinter mir und freut sich. Ich habe ihn da verewigt.“

Den Artikel über seinen Vater gibt es mittlerweile in vier Sprachen, andere haben ihn übersetzt und Informationen hinzugefügt. Holger Ellgaard hat seine ersten Artikel auf Deutsch verfasst, das war ja schließlich seine Muttersprache. Aber seine Wohlfühlsprache…

„… das ist Schwedisch. Aber ich mache eine Menge Schreibfehler, sowohl auf Schwedisch als auch auf Deutsch. Aber es gibt ja eine Menge Leute, die das korrigieren. Anfangs habe ich sehr viele Fehler gemacht, als ich auf Deutsch schrieb. Da merke ich, das ist lange her, dass ich lange Texte auf Deutsch geschrieben hatte. Dazu kommt, dass meine Frau, die inzwischen leider verstorben ist, meine Texte immer korrigiert hat, nicht die Deutschen, aber die Schwedischen. Das war ausgezeichnet, da gab es keine Fehler. Diese Hilfe habe ich jetzt nicht mehr, jetzt muss ich mich auf ein Wortbearbeitungsprogramm verlassen, da flutschen immer Mal ein paar Sachen durch.“

Auf die Wikipedia-Gemeinde ist aber Verlass. Artikel werden ständig verbessert und ergänzt. An dem Beitrag über das königliche Schloss in Stockholm arbeitete Holger Ellgaard mit einigen anderen Wikipedianern zusammen. Seine Hauptaufgabe waren die Fotos, kein leichtes Unterfangen:

„Da habe ich eineinhalb Jahre genölt und daran gearbeitet, dass ich endlich eine Fotoerlaubnis, Interieur-Bilder zu machen. Von außen gibt es ja haufenweise Bilder, das kann ja jeder. Aber Reinkommen, das war mit das Schwerste.

Erster Artikel über den eigenen Vater

Den Artikel über seinen Vater gibt es mittlerweile in vier Sprachen, andere haben ihn übersetzt und Informationen hinzugefügt. Holger Ellgaard hat seine ersten Artikel auf Deutsch verfasst, das war ja schließlich seine Muttersprache. Aber seine Wohlfühlsprache…

„… das ist Schwedisch. Aber ich mache eine Menge Schreibfehler, sowohl auf Schwedisch als auch auf Deutsch. Aber es gibt ja eine Menge Leute, die das korrigieren. Anfangs habe ich sehr viele Fehler gemacht, als ich auf Deutsch schrieb. Da merke ich, das ist lange her, dass ich lange Texte auf Deutsch geschrieben hatte. Dazu kommt, dass meine Frau, die inzwischen leider verstorben ist, meine Texte immer korrigiert hat, nicht die Deutschen, aber die Schwedischen. Das war ausgezeichnet, da gab es keine Fehler. Diese Hilfe habe ich jetzt nicht mehr, jetzt muss ich mich auf ein Wortbearbeitungsprogramm verlassen, da flutschen immer Mal ein paar Sachen durch.“

Auf die Wikipedia-Gemeinde ist aber Verlass. Artikel werden ständig verbessert und ergänzt. An dem Beitrag über das königliche Schloss in Stockholm arbeitete Holger Ellgaard mit einigen anderen Wikipedianern zusammen. Seine Hauptaufgabe waren die Fotos, kein leichtes Unterfangen:

„Da habe ich eineinhalb Jahre genölt und daran gearbeitet, dass ich endlich eine Fotoerlaubnis, Interieur-Bilder zu machen. Von außen gibt es ja haufenweise Bilder, das kann ja jeder. Aber Reinkommen, das war mit das Schwerste.

Recherchen vor Ort

Dass Holger Ellgaard die Bauten, Sehenswürdigkeiten oder Besonderheiten seiner Stadt immer selbst besucht, ist ungewöhnlich für einen Wikipedianer. Das Credo lautet nämlich, keine eigene Grundlagenforschung betreiben, sondern alles mit Quellen belegen können.

„Zwischendurch kriege ich ja Kritik – ‚Wo kommt das denn her, woher weißt du das denn?’. Dann bekommt man so eine Fußnote, dass eine Quelle erforderlich ist. Dann schreibe ich immer auf der Diskussionsseite zurück, dass ich doch ein Foto habe, da brauche ich doch keine Quelle.“

Die Diskussionen werden bei Wikipedia meist online ausgetragen. Aber die Stockholmer treffen sich auch ab und an.

„Da gibt es welche, die sind sehr aktiv, es gibt sogar Wikipedia-Fika, also ein Kaffeetrinken und Versammlungen, wo man diskutiert. Aber da will ich nicht so gern hingehen, habe aber schon einige durch Wikipedia kennengelernt. Ich bin nicht so ein öffentlicher Mensch. Öffentlich durch Wikipedia, hinter den Seiten sozusagen.“

Seine Öffentlichkeit hat Holger Ellgaard bei Wikipedia. Liest man bei Wikipedia über den berühmten Hagapark nördlich der Innenstadt, das Stadtschloss, die Überbleibsel der Verteidigungsanlagen – sicher hat man schon ein Bild von ihm gesehen. Bei Wikipedia zu schreiben, Forschungsreisender zuhause zu sein, das ist ein großer Teil seines Lebens.

„Augenblicklich schon, vormittags schreibe ich und nachmittags sind wir auf Forschungsreise, das ist wie so ein kleines Gift geworden.“

Bettina Rehmann

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