Fortsetzung von „Die Jäger"

Hauch von Hollywood in Överkalix

5:34 min

Die Filmregionen Stockholm und Göteborg haben ernsthafte Konkurrenz bekommen. Immer mehr Filme werden im hohen Norden Schwedens gedreht. Allein dieser Tage haben zwei Kinofilme Premiere, die in den nordschwedischen Orten Piteå und Överkalix aufgezeichnet wurden. Der Jugendfilm „Jag saknar dig“ (Ich vermisse dich) wird bereits als bester Film seit „Fucking Åmål“ gehandelt, und die Fortsetzung von „Jägarna“ (Die Jäger) wurde seit 15 Jahren mit Spannung erwartet.

Der rote Teppich ist ausgerollt vor dem Hotel Grand Arctic und der Stadthalle in Överkalix. Im Eingang steht ein mannsgroßer ausgestopfter Braunbär, das Wappentier der Kleinstadt. Hier wurde ein Jahr lang der Film „Die Jäger 2“ gedreht, an der kleinen Einkaufsstraße wurde die Bar Hunters Corner eingerichtet, die Polizeiwache direkt neben dem Forstbetrieb Norra Skogsägerna, ein Filmsponsor. Vor der Weltpremiere des Filmes in Överkalix gibt es eine kleine Messe, der Forstbetrieb ist dabei, der Jägerverbund, einheimische Unternehmer. Aus einer samischen Kåta, dem traditionellen Zelt, duftet es nach frisch gebratenem Renfleisch. Rentierochse Rudolf hat sich gerade noch vor dem roten Teppich erleichtert.

Auf der kleinen Bühne überbringt Schauspieler Rolf Lassgård dem Premierenpublikum die Grüße seines Kollegen Peter Stormare aus Los Angeles: „Peter bedauert sehr, dass er nicht kommen kann, weil er gerade dreht. Er wäre aber heute zu gerne hier, er hat ja schließlich von uns allen während des Drehs am längsten hier gewohnt. Er bedankt sich bei allen, er wird Överkalix nie vergessen, hier hat seine Tochter das Laufen gelernt und zum ersten Mal Schnee gesehen.“

Ein Hauch von Hollywood in Överkalix, die Rentnerinnen Inga Andersson und Carin Balgen sind heute sehr froh: „Wir waren Statisten in der Kirche. Wir haben fünf Stunden lang ‚heilige Erde’ gesungen!“

„Ich hoffe wirklich, dass der Film eine gute PR für Överkalix wird. Es ist so schön hier!“

Negativer Werbeeffekt

Der Werbeeffekt des ersten Films über die Jäger war freilich für die waldreiche und menschenarme Gegend im hohen Norden Schwedens eher negativ. Es ging um Wilderei, Machos, die Frauen unterdrücken und morden. Regisseur Kjell Sundvall wollte zehn Jahre lang von einer Fortsetzung der Jäger nichts hören: „Das Drehbuch zum ersten Teil basierte auf eigenen Erfahrungen und Geschichten, die ich am Lagerfeuer hier oben gehört hatte. Es hat lang gedauert, bis wir wieder auf ‚Die Jäger’ Lust hatten. Dann tauchte eine neue Geschichte auf, die gut genug war sie umzusetzen.“

Wie Drehbücher realisiert werden, und vor allem wo, darüber entscheiden die Verhältnisse vor Ort. Der Jugendfilm „Jag saknar dig“ nach dem gleichnamigen Buch, ist auf Wunsch des Regisseurs komplett in Piteå gedreht worden. Die Filmfördergesellschaft in Norrbotten, Filmpool Nord, war zeitig an Regisseur Anders Grönros herangetreten.

Viele Unternehmen der Stadt beteiligten sich auch finanziell. Der Film kostete immerhin zwei Millionen Euro. Das Filmteam hat die Studios der Musikhochschule  genutzt und die kurzen Wege in Piteå zu schätzen gelernt. Und nicht zuletzt hat man die Hauptdarsteller in Norrbotten gefunden.

„Jag saknar dig“ ist die wahre Geschichte eines 14-jährigen Mädchens, das seine Zwillingsschwester bei einem Verkehrsunfall verliert. Die Kritiker sind begeistert.

„Als ich in den siebziger Jahren in der Filmbranche angefangen habe,“ erklärt Mitproduzent Christer Nilsson von Götafilm, „da wurden 19 von 20 Filmen in Stockholm gedreht. Ein Film in drei Jahren wurde damals vielleicht in Westschweden gedreht. Jetzt sind es jährlich 15-20 Filme im Westen. Die regionalen Filmfördergesellschaften haben sehr viel Produktionen aus Stockholm abgezogen.“

Die Filmfördergesellschaft Film i väst mit Studios in Trollhättan, das in den letzten Jahren zu Trollywood avancierte, produziert jährlich 20 Filme und verfügt mit zehn Millionen Euro über mehr als doppelt so viel Geld wie Filmpool Nord. Doch die Region Norrbotten ist im Kommen, allein im letzten Jahr wurden hier fünf Filme gedreht. Per Erik Svensson, Chef von Filmpool Nord, kann auf eine stolze Bilanz hinweisen:

„Seit 1998 entwickeln wir die Filmbranche in Norrbotten. Seitdem haben wir 60 Filme und einige Fernsehserien gedreht. Und wir müssen leider zuweilen Angebote ablehnen, weil wir nicht die finanziellen Muskeln haben.“

Hollywood, Trollywood, Northwood?

Regisseure und Produzenten jedenfalls schätzen die Region Norrbotten als Drehort sehr. Auch, weil hier zuverlässige Winterbedingungen herrschen. Olle Lundquist ist einer von vier Produzenten des Filmes „Jag saknar dig“. Er überlegt, mit seiner Firma nach Norrbotten zu ziehen. Es sei so umkompliziert, hier zu arbeiten: „Es gibt hier  eine unverhohlene Neugier und Lust, die der Kultur innewohnt. Allen macht es Spass und sie finden es  interessant, mit Film zu arbeiten. Jeder hilft, wo er kann. Man kann einfach jemanden anrufen, wenn Straßen und Wege abgesperrt werden müssen oder Häuser abgebrannt werden. Das ist kein Problem.“

Der Film „Die Jäger“ endete vor fünfzehn Jahren mit einem brennenden Finale, in der Fortsetzung brennen allerdings keine Häuser. Peter Stormare glänzt als Gegenspieler zu Rolf Lassgård, der dramatische Abschluss findet diesmal am Wasser statt. Das Premierenpublikum in Överkalix honoriert die Leistung der Schauspieler mit stehenden Ovationen. Film made in Norrbotten ist stark im Kommen.

Katja Güth