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Auch Aftonbladet begrenzt Kommentarfunktion

Als Reaktion auf zunehmende persönliche Angriffe und rassistische Ausfälle begrenzt jetzt eine weitere führende schwedische Zeitung die Möglichkeit, Artikel anonym im Internet zu kommentieren: Bei „Aftonbladet“ muss man sich künftig über sein Facebook-Profil einloggen, um einen Kommentar veröffentlichen zu können. Zuvor hatten „Expressen“ und „Dagens Nyheter“ Restriktionen angekündigt.

„Expressen“ plant, sämtliche Kommentare vor der Veröffentlichung zu begutachten, und „Dagens Nyheter" schafft die Kommentarfunktion vorläufig gänzlich ab. Die Diskussion über den Umgang mit dem anonymen Internet-Hass war nach den Terrorattentaten in Norwegen intensiviert worden.

„Schweden, ein Land im Verfall“, schreibt die Signatur „KaffirSvenne“, und „HerrEnoch“ regt an: „Lasst uns muslimische Feiertage sowie geschlechtsgetrennte Badehäuser und Klassenräume einführen, und auch gleich noch den Turban bei den Streitkräften.“ Dies nur zwei vergleichsweise freundlich-gemäßigte Kommentare aus der Flut von Wortmeldungen, die an diesem Dienstag bei „Svenska Dagbladet“ eingingen; Anlass: die Forderung eines führenden Sozialdemokraten, muslimische Feiertage künftig auch in Schweden ganz offiziell zu begehen. Bei Artikeln, die den Islam zum Thema haben, ist das kübelweise Auskippen verbalen Schmutzes inzwischen vorprogrammiert. Nun also haben Expressen, Dagens Nyheter und Aftonbladet die Konsequenz gezogen. 

Breiviks Ideen - jeden Tag präsent 

„Schon seit dem Frühjahr haben wir die Tatsache diskutiert, dass der Ton in der Kommentarfunktion langsam nicht mehr akzeptabel ist“, so Aftonbladet-Chefredakteur Jan Helin im Schwedischen Fernsehen. „Nach den furchtbaren Attentaten in Norwegen ist diese Diskussion immer dringlicher geworden. Wenn man Breiviks verwirrtes Manifest liest, muss man feststellen: Dieser Gedankeninhalt findet sich in jeder schwedischen Tageszeitung wieder – in jedem Kommentarfeld, jeden Tag, im Schutz der Anonymität.“

Noch bis vor kurzem hatten sich die meisten schwedischen Medien-Websites damit begnügt, die Kommentare nach der Veröffentlichung zu kontrollieren und grobe persönliche Angriffe und rassistische Ausfälle auszusortieren. Mittlerweile ist die Situation verändert. Als erste schwedische Zeitung schaffte Värmlands Folkblad kurz nach den Attentaten, am 26. Juli, die Kommentarfunktion gänzlich ab. Mehrere Medien sind dem Beispiel auf eine oder andere Weise gefolgt: Laut einer Untersuchung der Branchenzeitschrift Medievärlden unter 35 Publikationen haben mehr als die Hälfte der Zeitungen und Zeitschriften in Schweden ihr Verfahren hinsichtlich der Kommentarfunktion geändert. 40 Prozent verlangen vom Nutzer, sich registrieren zu lassen und einzuloggen.

Für und wider Anonymität

Beim Publikum stoßen die Maßnahmen auf zum Teil empörte Reaktionen. So muss sich „Expressen“ vorwerfen lassen, mit dem Prinzip der Vor-Veröffentlichungs-Kontrolle Zensur auszuüben. Chefredakteur Thomas Matsson kontert: „Allen, die hier den Begriff ‚Zensur’ verwenden, sei Folgendes gesagt: Es existiert kein selbstverständliches Recht, bei ‚Expressen’ persönliche Verunglimpfungen oder rassistische Behauptungen zu veröffentlichen. ‚Expressen’ bietet Millionen Besuchern die Möglichkeit, ihre Meinung über die Artikel zu äußern. Und die Möglichkeit, dies anonym zu tun, bleibt bestehen. Wenn man sich äußert, ist es aber angezeigt, der schwedischen Gesetzgebung Folge zu leisten. Und wenn man die Mitgliederbedingungen akzeptiert hat, die einen anständigen Ton vorgeben, dann sollte man dies auch tun.“

In den Redaktionen selbst sind die Maßnahmen allerdings keineswegs unumstritten. Dass man sich bei „Aftonbladet“ jetzt mit seinem Facebook-Profil anmelden muss, um kommentieren zu dürfen, kritisiert Martin Aagård von „Aftonbladets“ eigener Kulturredaktion. Die Diskussion um das Für und Wider der Anonymität im Internet werde fast immer im Zusammenhang mit politischen Themen geführt, bei denen der Streit hohe Wogen schlage, sagt er. „Aber wenn Zeitungen über sehr sensible Dinge schreiben, wie zum Beispiel über Krankheiten, über Probleme an Arbeitsplätzen oder über Frauen, die misshandelt werden, dann finde ich es sehr wichtig, dass Menschen, die betroffen sind, ihre Erfahrungen diskutieren können, ohne Angst haben zu müssen, hinterher Probleme zu bekommen. Mit den Kommentarfeldern hat sich eine phantastische demokratische Möglichkeit eröffnet.“

SR/ Anne Rentzsch

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