Strengere Regeln in der Orthopädie

Raucher werden nicht operiert

4:42 min

Ein Rauchstopp vor einer Knieoperation sorgt für Diskussionen. Einer Patientin in Norrbotten wird eine OP verweigert, weil sie nicht mit dem Rauchen aufhören will. Seit über einem Jahr gilt für orthopädische Operationen im öffentlichen Gesundheitswesen: Die Patienten dürfen vier Wochen vor und acht Wochen nach dem Eingriff nicht rauchen. Ihnen wird zwar Hilfe beim Abgewöhnen angeboten, doch nicht alle machen mit. Ann Linderholt aus Svensbyn pocht auf ihr Recht auf Behandlung.

Ann Linderholt zündet sich eine Zigarette an. Zuhause raucht sie unter der Dunstabzugshaube in der Küche. Sie mag es nicht, wenn es im Haus nach Rauch stinkt. Die 53-Jährige hat mit neun Jahren mit dem Rauchen angefangen, sie raucht eine Schachtel pro Tag. Ann Linderholt arbeitet als Krankenschwester und müsste die Risiken des Rauchens kennen, aber sie raucht gerne:

„Alles, was ich in der Ausbildung und in meiner Zeit als Krankenschwester über Gesundheitsgefahren erfahren hab, das krieg ich irgendwie nicht rein in den Schädel. Ich denke halt: Das betrifft mich nicht, nur die anderen. Ich habe ja auch keine Raucherleiden. Ich muss zugeben, es finde das Rauchen gut. Schade nur, dass es schädlich ist."

Andererseits muss sie sich eingestehen: Zuweilen kratzt es sehr im Hals, manchmal bleibt die Stimme weg. Gewiss denkt sie ab und zu daran aufzuhören, aber es fällt so schwer. Nun wird sie aber seit drei Jahren von Schmerzen im linken Knie geplagt. Ann Linderholt muss aufhören zu rauchen, zumindest für insgesamt drei Monate, so sind die Vorgaben der orthopädischen Abteilung im öffentlichen Gesundheitswesen. Abteilungsleiter Anders Sundelin verteidigt den Rauchstopp vor Operationen:

„Einige wissenschaftliche Untersuchungen beweisen, dass es ein höheres Risiko für Komplikationen nach einer Operation gibt, wenn man raucht. Das reicht von einer eventuell schlechteren Wundheilung bis zur Lungenthrombose. Es kann auch einen längeren Aufenthalt im Krankenhaus zur Folge haben. Es gibt also einige Vorteile mit der Rauchpause. Wir zwingen den Patienten ja nicht zum Aufhören, man soll nur vier Wochen vor und acht Wochen nach der Operation nicht rauchen."

Recht auf Behandlung für alle

Für starke Raucher wie Ann Linderholt sind aber bereits drei Monate rauchfrei ein sehr schwieriges Unterfangen, auch wenn die Ambulanzen Unterstützung bei der Rauchentwöhnung anbieten. Eigentlich sei der Eingriff am Knie nicht so kompliziert, meint Patientin Linderholt. Schließlich habe sie den Eingriff vor sechs Jahren am rechten Knie auch ohne Komplikationen überstanden. Mittels einer Sonde werden überstehende Knochenkanten abgeschabt, das geschieht bei örtlicher Betäubung. Und auch als Raucher habe man ein Anrecht auf solch eine Operation, findet Ann Linderholt:

„Dass man mir die Operation verweigert, weil ich rauche, finde ich eine Bevormundung. Ich habe doch ein Recht auf Behandlung, meine Steuern gehen doch auch ins Gesundheitswesen. Und das gleiche Recht auf Behandlung steht im Grundgesetz. Sollte es bei der OP Komplikationen geben, ist das mein Risiko. Ich würde ein Papier unterschreiben, in dem steht, dass ich über die Risiken der Operation aufgeklärt wurde und die selbst trage."

„Naja, das mit der Verantwortung ist so eine Sache," kontert Oberarzt Anders Sundelin. „Sollte es nach einer orthopädischen Operation zu schweren Komplikationen kommen, eine Infektion im Hüftknochen zum Beispiel, kann das sogar zur Invalidität führen. Das zieht hohe Kosten nach sich, für die der Patient nicht aufkommen muss. Wir haben kein System wie in den USA, wo man das Gesundheitspersonal von seiner Verantwortung entbinden kann. Ich finde das auch nicht erstrebenswert."

Risikofaktoren Alkohol und Übergewicht

Der Orthopäde Sundelin findet das schwedische steuerfinanzierte Gesundheitswesen gut und fühlt sich der rechten Verteilung eben jener Steuermittel verpflichtet. Warum sollte andererseits ein chronischer Säufer auf Steuerzahlerkosten eine neue Leber bekommen, wenn er die auch wieder zerstört, fragt er. Und nicht nur Raucher werden bei orthopädischen Operationen in die Pflicht genommen, berichtet der Oberarzt, sondern beispielsweise auch Übergewichtige:

„Schwer übergewichtige Patienten operieren wir auch nicht, wer zum Beispiel einen Body-Mass-Index über 40 hat. Das ist auch keine moralische Frage, wir moralisieren nicht über dicke Menschen. Es bestehen nur auch bei ihnen große Risiken, dass etwas schief gehen kann. Dass die Wunden schlecht verheilen oder die Prothesen nicht halten."

Ann Linderholt ist gerade eine gefragte Interviewperson. Wird das Recht auf Behandlung für alle eingeschränkt? Dürfen Rauchern Operationen verweigert werden?

Das öffentliche Interesse hat der Knie-Patientin Ann Linderholt schon mal die kostenlose Teilnahme an einem Rauchentwöhnungskurs beschert. Der Veranstalter verspricht, dass man mit seiner neuen Methode einfach vom Rauchen loskommt. Sie will es jedenfalls versuchen.

Katja Güth