Millionenprogramm: Hochhaus aus den 1960er Jahren in Täby, nördlich von Stockholm. Foto: Hasse Holmberg
Millionenprogramm: Hochhaus aus den 1960er Jahren in Täby, nördlich von Stockholm. Foto: Hasse Holmberg
Problematische Wohngegenden

Millionenprogramm verfällt

2:38 min

Das schwedische Millionenprogramm war einst Symbol für modernen Wohnungsbau, heute schreckt der Begriff oftmals ab. Es ist zum Synonym geworden, für ethnische Segregation, soziale Probleme und miserable Bausubstanz. Zwischen 1965 und 1975 schaffte das Millionenprogramm der akuten Wohnungsnot Abhilfe. Vor allem Plattenbauten, aber auch Reihenhäuser, sind in dieser Zeit entstanden, meist am Rand der Stadt. Heute werden viele dieser damals so modernen Wohngegenden vernachlässigt, einige sind zu sozialen Brennpunkten geworden.

Innerhalb von 10 Jahren wurde etwa ein Viertel des gesamten schwedischen Wohnbestands aus dem Boden gestampft. Eine Million Wohnungen, eine Million Toiletten, eine Million Waschbecken. Viele der Wohnungen wurden vernachlässigt und ihr Zustand lässt zu wünschen übrig. Irene Molina, Professorin für soziale und ökonomische Geografie an der Universität Uppsala, hält es für wichtig, die Gesellschaft zu mobilisieren, um das Millionenprogramm wieder auf Vordermann zu bringen, denn viele der Wohnungen verfallen heute.

„Es gibt dafür keine einfache Lösung. Es ist genauso wie bei der Planung der modernen Wohnungen in den 1960er Jahren. Da musste man ebenfalls die Gesellschaft mobilisieren; im Prinzip war jeder einzelne Sektor betroffen. Es bedarf einer Kraftanstrengung."

70 Milliarden Euro für Sanierung

Heute, so haben es kürzlich zwei Beratungsunternehmen errechnet, würden die Kosten für eine groß angelegte landesweite Sanierung umgerechnet mehr als 70 Milliarden Euro (650 Mrd. SEK) kosten. Es geht aber nicht nur darum, den Standard der Wohnqualität anzuheben. Eine der größten Herausforderungen ist die ethnische und sozioökonomische Segregation. Ironischerweise sah man das bei der Planung des Millionenprogramms noch nicht als Problem, sagt Molina:

„Komischerweise gab es die Auffassung, dass Segregation etwas Gutes ist, anders als das heute diskutiert wird. Das Prinzip wurde verteidigt, dass Mietwohnungen und Eigentumswohnungen besser jeweils für sich sein sollten. Man hat die Gefahren damals noch nicht gesehen."

Vor allem seit den 1990er Jahren werden die Effekte der Polarisierung der Gesellschaftsschichten deutlich. Man könne am Beispiel von Schulen sehen, dass es um manche Wohngegenden schlecht gestellt ist, so Molina, vor allem dort, wo viele Schüler keinen Abschluss erreichen. Das liege aber nicht allein an den Bewohnern dieser Gegenden. Staat und Kommunen müssten den finanziell schlechter Gestellten helfen, sonst müsse man weitere Konsequenzen befürchten.

Werden die Häuser saniert, die sich derzeit in schlechtem Zustand befinden, steigt ihr Wert. Dann kann befürchtet werden, dass es sich manche der Bewohner nicht mehr leisten können, dort zu leben. Der Fachbegriff lautet Gentrifizierung. Laut Molina müsse man das berücksichtigen und bedenken, wohin die Menschen dann ziehen sollen.

Reporter: Catinka Agneskog / Bettina Rehmann

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