Arbeitsmarkt

Kurzarbeit: Schweden lernt von Deutschland

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Ein in Deutschland seit mehr als 100 Jahren erprobtes Modell für Krisenzeiten am Arbeitsmarkt entdeckt man jetzt auch in Schweden: die Kurzarbeit. Mehrere der gröβten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in der Industrie haben sich darauf geeinigt, künftig bei Bedarf auf diese Form zurückzugreifen, um Arbeitsplätze zu sichern.

Mit dem in weiten Teilen Europas wohlbekannten Begriff der Kurzarbeit -also der zeitweisen Verringerung der regelmäßigen Arbeitszeit in einem Betrieb wegen erheblichen Arbeitsausfalls - können viele Schweden bisher wenig anfangen. Als die hiesigen Metall-Tarifpartner 2009 kurzzeitig ein entsprechendes Krisenabkommen schlossen, gab es Schlagzeilen über das „völlig neue Modell“, das dann aber wieder in Vergessenheit geriet. Nun also lebt es erneut auf, allerdings in veränderter Form: Im Gegensatz zum Metall-Tarifabkommen wird diesmal der Staat seinen Teil zu Lohn und Ausbildung zuschieβen. „Ziel ist, dass man so wenig wie möglich einbüβt“, sagt Veli-Pekka Säikkällä, Tarifsekretär der Gewerkschaft Metall. „Man muss nicht in die Arbeitslosigkeit gehen - mit allen ihren negativen Folgen wie Verlusten bei Lohn, Rente und anderen Vergünstigungen.“

Nutzen für alle Beteiligten

Angesichts der Konjunkturflaute in mehreren Industriebranchen und insbesondere auf dem Bau hatten die Tarifpartner seit geraumer Zeit verhandelt, um nun gemeinsam zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass Kurzarbeit für alle drei beteiligten Parteien von Vorteil sei. Neben den Arbeitnehmern sowie den Arbeitgebern, die auf diese Weise qualifiziertes Personal behalten können, profitiert auch der Staat – er investiert zwar in Arbeitgeberabgaben und Ausbildung, spart aber Ausgaben für Arbeitslosengeld. Qualifizierungsmaβnahmen sind laut Säikkällä wichtiger Teil der Vereinbarung: „Natürlich sollte der Einzelne bereit sein, sich auf die Schulbank zu setzen und Wissen anzueignen. Dazu trägt der Arbeitgeber einen Teil bei - aber damit es richtig funktioniert, muss auch der Staat einbezogen sein.“

Grünes Licht vom Reichstag erhofft

Laut der Übereinkunft soll die neue Arbeitsform nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen. Veli-Pekka Säikkällä hofft, dass sich für die Einführung einer gesetzlichen Regelung zur Kurzarbeit eine Mehrheit im Reichstag findet. Er rechnet mit der Hilfe durch die gröβte Oppositionspartei: Immerhin war der neue Chef der Sozialdemokraten, Stefan Löfven, bis vor kurzem Vorsitzender der Gewerkschaft Metall und ist somit gut mit der Sachlage vertraut. Von Seiten der bürgerlichen Koalition hat man sich bereits wohlwollend geäuβert. Und ebenso wie bereits bei der Einführung des Lehrlingssystems richtet Schweden nun Blicke nach Deutschland: „Ich denke, wir können von den deutschen Erfahrungen auf diesem Gebiet einiges lernen“, so Finanzminister Anders Borg. „Dort hat man auch in Krisenzeiten Personal behalten und die Arbeitslosigkeit senken können.“

Anne Rentzsch / SR Ekot