Krise in Wirtschaft und Bildung

Immer mehr junge Langzeitarbeitslose

Unter dem Eindruck weltweiter Wirtschafts- und Währungsprobleme hat sich auch die Lage am schwedischen Arbeitsmarkt verschlechtert. Im Januar wurden nach Angaben des staatlichen Arbeitsamts 405.000 Erwerbslose registriert. Die Arbeitslosenquote stieg damit auf 8,7 Prozent. Kompliziert hat sich insbesondere die Situation der Langzeitarbeitslosen. Zu ihnen gehören immer mehr junge Menschen, wie Camilla Forsberg aus dem nordschwedischen Strömsund.

„Überall bekomme ich nur ein Nein. Niemand will einem die Chance geben, zu zeigen, was man kann, auch wenn man vielleicht nicht die perfekt passende Ausbildung hat“, so Camilla Forsberg. Seit Abschluss der Gymnasialschule hat die 22-Jährige noch nie einen Job gehabt. Damit reiht sie sich ein in das wachsende Heer junger Menschen, die der Zukunft statt mit Optimismus vor allem mit Sorge entgegensehen: Mit einer Jugendarbeitslosenquote von derzeit 21 Prozent nimmt das Land europaweit einen der unrühmlichen Spitzenplätze ein. Und inzwischen steigt auch unter den jüngeren Jahrgängen die Zahl derer, die wie Camilla Forsberg seit mehr als zwei Jahren arbeitslos sind. Von den insgesamt 68.000 Langzeitarbeitslosen sind jetzt 43 Prozent zwischen 18 und 44 Jahre alt.

Strukturelle Reformen

Der kräftige Anstieg der Erwerbslosenzahlen hat mehrere Gründe, erläutert Tord Strannfors, Prognosechef beim staatlichen Arbeitsamt. Zum einen würden infolge der Regelveränderungen im schwedischen Krankenversicherungssystem viele Personen jetzt nicht mehr als krank, sondern als arbeitslos geführt: „Von der Versicherungskasse hat es einen starken Zustrom hin zu uns gegeben“, so Strannfors. Gleichzeitig verweist er auf typische Folgen der Wirtschaftskrise: „In schlechten Zeiten verlieren die Leute ihre Arbeit, Absolventen kommen nicht auf den Arbeitsmarkt. Für diejenigen, die schon in guten Zeiten schwer einen Job finden, wird es nun ganz schwierig.“

Risikogruppe: Einwanderer und Junge ohne Ausbildung

Als Hochrisiko-Gruppen für ein Verharren in der Langzeitarbeitslosigkeit benennt Olof Åslund, Generaldirektor des Instituts für Auswertung der Arbeitsmarktpolitik, zum einen Einwanderer. Von der Erlangung der Aufenthaltserlaubnis bis zur Aufnahme einer Arbeit vergehen in Schweden sieben Jahre – im Durchschnitt. „Personen mit Migrationshintergrund laufen Gefahr, niemals überhaupt auf den Arbeitsmarkt zu kommen. Und wenn sie einen Job haben und diesen verlieren, geraten sie leicht in die Langzeitarbeitslosigkeit“, so Åslund. „Ebenfalls von Langzeitarbeitslosigkeit stark gefährdet sind junge Menschen, die keine abgeschlossene Ausbildung haben.“ Diese Gruppe ist in Schweden vergleichsweise groβ. Zwar wechselt im Namen der Chancengleichheit das Gros der Grundschüler nach neun Jahren zur dreijährigen Gymnasialschule. Doch die Gymnasialschule verlässt dann ein Viertel aller Schüler ohne Abschluss und somit ohne nennenswerte Chance auf dem Arbeitsmarkt. Das beispielsweise in Deutschland jahrzehntealte Lehrlingssystem ist in Schweden bislang noch kaum ausgebaut.

Neuer Ausbildungs-Vorschlag kritisiert

Nicht zuletzt mit Blick auf die Schulabbrecher hatte Bildungsminister Jan Björklund Ende vergangener Woche einen umstrittenen Vorschlag präsentiert. Um die Schulmüden bei der Stange zu halten, solle die Gymnasialschule neunjährigen kurze Kurse anbieten, die ausschlieβlich auf die Vermittlung praktischer berufsbezogener Kenntnisse ausgerichtet sind und keine theoretischen Fächer enthalten. Laut Björklund könnte eine praktische halb- bis einjährige Ausbildung mit Berufsschulabschluss den Jugendlichen neue Jobmöglichkeiten bieten.
Unter anderem bei der Lehrergewerkschaft Lärarförbundet ist der Vorschlag auf harte Kritik gestoβen. Doch der Minister schieβt zurück: Wer aus ideologischen Gründen akademische Bildung für alle fordere, treibe eine groβe Gruppe junger Menschen in eine „groβe Isolation“.