Internationale Untersuchung

Experten durchleuchten schwedische Strahlensicherheitsbehörde

6:02 min

Experten der Atomenergie-Agentur IAEO sind derzeit in Schweden und prüfen, ob die hiesige Strahlensicherheitsbehörde (SSM) internationale Standards erfüllt. Erstmals wird damit in Schweden ein so genannter IRRS-Dienst (Integrated Regulatory Review Service) durchgeführt. Dabei überprüfen die Entsandten auf Einladung der schwedischen Regierung zwei Wochen lang die Arbeit der Behörde und geben anschließend Empfehlungen ab. Die Strahlensicherheitsbehörde in Solna bei Stockholm hat sich auf diesen Besuch eingehend vorbereitet.

Gut 1.000 Fragen der IAEO musste die Strahlensicherheitsbehörde vor dem Eintreffen der Experten beantworten. In dem zusammenfassenden Bericht merkte die Behörde durchaus selbstkritisch einige Schwachpunkte an, etwa bei der Befolgung internationaler Vorschriften zur Sicherung von radioaktiven Strahlungsquellen, bei den wahrscheinlichkeitsbezogenen Sicherheitsanalysen oder auch bei der Bereitstellung kompetenten Personals in der Zukunft. Von diesem Bericht ausgehend nehmen nun zwei Dutzend internationale Experten die Behörde unter die Lupe. Abteilungsleiter Fredrik Hassel sieht den Ergebnissen optimistisch entgegen. 

„Die IAEO schaut sich an, wie wir strukturell aufgebaut sind“, erklärt Hassel gegenüber Radio Schweden. „Kompetenz spielt dabei eine Rolle, aber auch, wie wir unserer Aufsichtspflicht nachkommen, etwa wie wir unsere Inspektionen durchführen, ob sie effektiv sind und ihre Ziele erreichen. Die Empfehlungen der IAEO sind weniger bindend denn von moralischer Natur. Es gibt also keine Strafmaßnahmen bei Nichteinhaltung. Innerhalb von zwei Jahren gibt es dann eine weitere Inspektion, bei der kontrolliert wird, ob wir die Empfehlungen befolgt haben. Wir erhoffen uns viel positives Input von der Untersuchung, weshalb wir uns auf jeden Ratschlag freuen.“

Keine Beeinträchtigung durch Enthüllungs-Reportage  

Angesprochen auf die Aufsehen erregende Reportage des Investigativ-Magazins „Uppdrag Granskning“ (Auftrag Enthüllung) des Schwedischen Fernsehens, dessen Ausstrahlung vergangene Woche genau in die Zeit der Experten-Mission fiel, zeigte sich Behördenmitarbeiter Hassel gelassen. Die Dokumentation war der These nachgegangen, dass Atomkraftwerk-Betreiber Vattenfall beim Brand in Reaktor Zwei im KKW Ringhals im Mai vergangenes Jahr eine Verschleierungstaktik angewendet habe. Ein Kurzschluss in einem vor dem Druck-Test vergessenen Industriestaubsauger hatte zu dem Brand geführt – erstmalig hatte es demnach in der Geschichte der schwedischen Atomenergie im Inneren eines Reaktors Feuer gegeben. Vattenfall hat der Störfall bislang 200 Millionen Euro gekostet – immerhin steht Reaktor Zwei seitdem still.

 In der Reportage war der Eindruck entstanden, dass die Strahlensicherheitsbehörde durch die KKW-Leitung nur sehr spärlich über die Vorfälle informiert worden war und dass man dies bis zum Zeitpunkt der Sendung kaum kritisch angemerkt hatte. Gleichzeitig hatten Behördenmitarbeiter vorsichtige Kritik an der Führungsetage bei Ringhals sowie an undeutlichen Regeln für das Personal geäußert. Abteilungsleiter Hassel unterstreicht nun diesbezüglich: „Wir beurteilen alle sechs Monate aufs Neue, ob die Sicherheitsvorkehrungen bei Ringhals ausreichend sind. Dabei konstatieren wir Verbesserungen, jedoch reichen diese bisher nicht soweit, als dass wir die gesonderte Aufsicht, unter der Ringhals seit 2009 steht, aufheben könnten.“ 

Hassel betont weiter, dass die Behörde mit der Information über den Brand seitens Vattenfall keineswegs zufrieden sei: „Wir haben die Info bekommen, aber es wäre besser gewesen, wenn dem zuständigen Chef die Informationen auch während des Meetings am Tag nach dem nächtlichen Brand zugetragen worden wären. Wir haben Ringhals davon in Kenntnis gesetzt, dass wir damit nicht zufrieden sind.“ 

Ängstliche Behörde? 

Die schwedischen Reaktoren sind in jüngster Vergangenheit umfassend modernisiert worden. 2010 fasste der Reichstag den historischen Beschluss, das bis dato geltende Verbot des Neubaus von Reaktoren aufzuheben. Zwar sieht dieser Beschluss vor, dass erst neue Reaktoren gebaut werden dürfen, wenn die alten ausgedient haben. Mehr Leistung sollen die Reaktoren jedoch schon heute bringen. Wohl auch die Aufrüstung alter Meiler hat zu den Betriebsproblemen geführt, mit denen die Reaktoren immer wieder zu kämpfen haben. Vibrierende Ventile oder Drehlager, die dringend ausgetauscht werden müssen, sind Abteilungsleiter Hassel zufolge jedoch kein Anlass zur Beunruhigung. 

„Die schwedischen Kernkraftwerke durchlaufen seit 2005 eines der umfassendsten Modernisierungsprogramme der Welt. 2013 soll dieser Prozess abgeschlossen sein. Dass bei derart komplizierten Anlagen immer wieder Justierungen vorgenommen werden müssen, ist normal. Länder, die ihre KKW nicht modernisieren, haben diese Art Probleme auch nicht. So ging es uns in den 1990er Jahren auch, als wir nicht sonderlich viel mit den Anlagen unternommen haben.“ 

Alles ganz normal? 

Für die Strahlensicherheitsbehörde gibt es trotz diverser Zwischenfälle bei den hiesigen Reaktoren, einer verbesserungswürdigen Informationskultur seitens der Betreiber und der Tatsache, dass Schweden seine Reaktoren im internationalen Vergleich so oft vom Netz nimmt wie kein anderes Land, offenbar keinen Anlass zur Aufregung.

„Wenn wir den Eindruck gewinnen, dass Ringhals unseren Sicherheitsanforderungen nicht nachkommt, haben wir das Mandat, dem Werk die Betriebserlaubnis zu entziehen. In den 1990ern geschah dies bei fünf Reaktoren, deren Betrieb die damalige Behörde als unsicher betrachtete. In dieser Situation sind wir im Falle Ringhals aber nicht.“ 

Ebenso wenig steht Hassel zufolge bei den anderen Atomkraftwerken zu befürchten, ein Betriebsstopp ist nicht aktuell. „Nein. Sonst hätten wir das ja veranlasst.“ 

Musterschüler Ringhals 

Bezüglich des Brandes im Reaktor-Inneren gibt sich Betreiber Vattenfall inzwischen reumütig. Unter anderem sei wichtig, dass das Personal nicht durch widersprüchliche Anweisungen verwirrt werde, auch im Bereich Brandschutz habe man bereits Verbesserungen vorgenommen, steht auf der Homepage zu lesen. In dem abgedruckten Interview mit einem der Verantwortlichen heißt es abschließend: „Bei Ringhals legen wir auf ein hohes Sicherheitsbewusstsein und eine offene Sicherheitskultur wert. […] Unser Ziel ist nicht, nach einem Sündenbock zu suchen, sondern aus Fehlern zu lernen, um eine Wiederholung zu vermeiden.“

Liv Heidbüchel