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Oh Graus!
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Lina Ehrin kam unfreiwillig zu ihren 15 Minuten Ruhm
Haare unterm Arm erhitzen die Gemüter

Morddrohungen wegen unrasierter Achselhöhle

4:52 min

Kaum hat sich die Euphorie des Vorentscheids zum Eurovision Song Contest in Schweden etwas gelegt, ist ein neuer Sturm im Gefolge der Glamour-Veranstaltung losgebrochen. Der Auslöser: die unrasierte Achselhöhle einer Frau im Publikum. Auf Facebook und in anderen sozialen Medien wurde mit Spott, Verunglimpfungen und sogar Morddrohungen nicht gespart. Es dauerte nicht lange und eine Gegenbewegung wurde gegründet.

Mit so vielen Stimmen wie nie zuvor ist Schwedens Beitrag für den Eurovision Song Contest in Baku gewählt worden; viereinhalb Millionen Fernsehzuschauer, das ist jeder zweite Einwohner, waren Zeugen. Der Globen in Stockholm, wo das schwedische Finale alljährlich ausgetragen wird, toste, als Samstagabend die Siegerin feststand: Loreen mit ihrem Song „Euphoria“. Das Kollektiv riss die Arme in die Luft, die Fernsehkameras schwenkten über das begeisterte Publikum und erstarrten förmlich an einer weiblichen Achselhöhle. Das Vergehen: unrasiert. Die Folgen: ungeahnt. 

Lina Ehrin heißt die Trägerin der „berühmtesten Achselhöhle Schwedens“, die das Boulevardblatt Aftonbladet zwei Tage nach dem Finale des „Melodifestivalen“ stolz präsentierte. Im Schwedischen Rundfunk bekannte die 32-jährige Schulbibliothekarin: „Dass ich mich nicht rasiere, ist kein Statement, ich habe es nur einfach noch nie in meinem Leben getan. Die Leute können denken, was sie wollen, aber im Vergleich zu Reaktionen auf ein Massaker in Syrien stimmen die Proportionen nicht. Wer das hier kommentiert, sollte lieber vorher nochmal eine Runde nachdenken.“ 

Haben Frauen Haare? 

Teilweise anonym, teilweise unter richtigen Namen hagelte es Häme gegen Lina Ehrin: Sie solle sich was schämen, sie sei ekelhaft und zurückgeblieben, ein Feministen-Schwein – das noch die harmloseren Kommentare auf Facebook, wo der Screenshot vom Fernsehen eilends die Runde machte. Die Absender sind zumeist 15- bis 30-jährige Männer, die, so muss man annehmen, im Schock handeln. Denn wie eine Sexologin in „Aftonbladet“ mutmaßt, hat sich einem Großteil der Männer dieser Altersgruppe noch nicht vermittelt, dass auch Frauen die Anlage zur Behaarung haben. Wenn dann die Einsicht wie der Blitz einschlägt, fühlt sich so mancher extrem provoziert. 

Befragt vom Lokalsender des Schwedischen Rundfunks in Borås antwortete ein Passant: „Menschen, die sich um die Achselhöhle anderer Leute kümmern, fehlt etwas.“ „Mich interessiert das nicht“, betont eine Frau. „Ich möchte in Menschen mehr sehen als eine Achselhöhle.“ Wieder ein anderer dagegen meint: „Die Frauen können das halten, wie sie wollen, aber ich finde es wohl rasiert besser. Das ist einfach hygienischer. Übrigens finde ich, dass auch Männer etwas stutzen sollen, so dass sich das nicht zu einem Dschungel auswächst.“ 

Internet-Hass 

Als müsste Mobbing noch erfunden werden, strotzen viele Kommentare im Internet nur so vor Hass: „Man sollte dich hängen, vier Minuten lang, und dann nochmal, bis du tot bist“, lautet eine der Todesdrohungen, die inzwischen bei der Polizei angezeigt wurden. 

Mobil macht aber auch die Facebook-Gruppe „Ta håret tillbaka!“ (Holt das Haar zurück!). Tausende Mitglieder hat die Seite bereits, auf der Frauen und auch einige Männer Aufnahmen ihrer Achselhöhlen posten, frei nach dem Motto: Mein Körper gehört mir. Die Initiative geht zurück auf Deidre Palacios. Im Schwedischen Rundfunk erklärte sie: „Das Wichtigste ist, dass Frauen und im Grunde alle Menschen, so aussehen dürfen, wie sie wollen, ohne dass sie verunglimpft werden. Dazu wollen wir beitragen. Es geht nicht darum, für oder gegen Haare unterm Arm zu werben. Das soll jeder selbst entscheiden.“ 

Am Donnerstagnachmittag posierten rund 50 Frauen in Malmö bei wenigen Plusgraden mit naturbelassenen Achselhöhlen – ein Aktivismus, der in Schweden bemerkenswert ist, stehen doch Modebewusstsein und die eilfertige Anpassung an Trends hierzulande hoch im Kurs. Doch auch die Haar-Gegner formieren sich erneut: Ebenfalls auf Facebook gibt es seit Kurzem die Gruppe „Ta håret inte tillbaka“, also: Holt eure Haare nicht zurück. Bislang hat sie jedoch nur eine kleine Schar Anhänger versammelt. 

Ausgestorben geglaubte Spezies in Baku 

Unterstützung bekommt die Pro-Haare-Seite nicht zuletzt von der Melodifestivalen-Gewinnerin Loreen selbst. Ihrem Flatter-Look sah man es nicht an, aber tatsächlich gehört auch sie zu der Spezies der Unrasierten, wie sie im Schwedischen Rundfunk zugab: „Ich finde das so witzig! Vergangenes Jahr brachte Aftonbladet eine Doppelseite mit meinen unrasierten Achselhöhlen. Das war ein Riesending. Aber in der Hinsicht bin ich etwas feministisch. Ich kapiere irgendwie nicht, warum ich mich rasieren sollte.“ 

Auch für ihren Auftritt in Baku im Mai werde sie von diesem Prinzip nicht abweichen, versichert Loreen.

Liv Heidbüchel

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