In geheimer Mission unterwegs
Enthüllungs-Dokumentation

Schwedische Imame ignorieren Gesetzgebung

Doppelte Botschaften von schwedischen Imamen
4:02 min

Schwedens Imame geben zu den Themen Polygamie und Misshandlung höchst unterschiedliche Ratschläge – je nachdem, ob eine Privatperson fragt oder ein Fernseh-Team. Dies deckte das Enthüllungsmagazin des Schwedischen Fernsehens, Uppdrag Granskning, mit Hilfe einer versteckten Kamera auf. Schon vor der Ausstrahlung der gesamten Dokumentation am Mittwochabend regt sich Kritik. So warnt etwa der Islamische Verband davor, dass die Sendung Wasser auf die Mühlen von fremdenfeindlichen Kräften sei.

Gehüllt in eine Burka suchen die Reporterinnen des Investigativmagazins Uppdrag Granskning sieben Imame und Familienberater in verschiedenen Städten auf, drei weitere befragen sie telefonisch um Rat. Von den Ton- und Filmaufnahmen ahnen die Mitarbeiter der Moscheen nichts. Die gespielte Situation: Der Mann der Ratsuchenden hat sich eine neue Frau genommen, seitdem will sie keinen Sex mehr mit ihm. Darf sie sich seinen Wünschen verweigern? Die Antwort von sechs der zehn Befragten: Nein. Wie ein Imam unter Verweis auf mehrere Bücher zu diesem Thema betonte, dürfe die Frau nur bei zwei Gelegenheiten Nein zum Beischlaf sagen: bei Krankheit und während der Menstruation. 

Neun der zehn Ratgeber halten zudem Polygamie unter gewissen Voraussetzungen für zulässig. So erklärte etwa Mahmod Adam von der viel besuchten Stockholmer Moschee im Stadtteil Södermalm: „Es ist sogar erlaubt, vier Frauen zu haben.“ 

Fakt ist: nicht nach schwedischem Gesetz. Gemeinden, die dankend staatliche Zuschüsse in Empfang nehmen, sind zudem gehalten, „grundlegende Werte der Gesellschaft aufrecht zu erhalten und zu stärken“. Dazu zählt etwa die Gleichstellung von Frau und Mann sowie das Bekämpfen von Diskriminierung und Gewalt. Besonders krass fällt in dieser Hinsicht die Antwort auf die Frage aus, wie die Frau auf Schläge ihres Mannes reagieren soll. 

„Niemals, niemals, niemals sollst du erwägen, zur Polizei zu gehen“, so der Ratschlag eines Imams, der immerhin von weiteren fünf der zehn Befragten geteilt wird. Diese Probleme sollte man besser innerhalb der Familie lösen, so die überwiegende Meinung. Einer bekannte gar, dass Schläge rechtens seien, so sie nicht zu kräftig ausfielen. Lediglich zwei der religiösen Ratgeber befürworteten den Kontakt zur Polizei. 

Heimliche Aufzeichnungen aus gutem Grund 

Die versteckte Kamera kommt in Schweden nur selten zum Einsatz. In diesem Fall gab es einen triftigen Grund: Es lag nahe anzunehmen, dass die religiösen Machthaber ratsuchenden Privatpersonen gegenüber eine Meinung vertreten, gegenüber der Öffentlichkeit jedoch eine völlig andere. 

Im Schwedischen Fernsehen berichtet Enthüllungsjournalistin Nadja Yllner über die Entstehung der Doku: „Wir begannen im Stockholmer Vorort Rinkeby und wollten uns die Gemeinden anschauen, die im Begriff sind, drei neue Moscheen zu errichten. Eine der Gemeinden verwies uns an die Moschee am Medborgarplatsen auf Södermalm. Wir erwarteten uns dort einen schwedischen Islam, also einen modernen ‚Islam Light‘, denn immerhin gibt man sich dort als einen Teil der schwedischen Gesellschaft aus und betont, dass man für unsere Werte einsteht. Als wir dort aber besagte Antworten bekamen, dämmerte uns, dass das Ganze deutlich größer ist, als wir zunächst gedacht hatten.“ 

Angriff auf angefeindete Gruppe? 

Seitens des Islamischen Verbands in Stockholm hagelte es prompt Kritik an Sinn und Zweck der Sendung: Sie komme zu einem Zeitpunkt, da die antimuslimischen Kräfte am stärksten seien, so der Verbandsvorsitzende gegenüber der Nachrichtenseite Nyheter24. Und auch das Islamische Zentrum in Malmö empfahl umgehend, „Uppdrag Granskning“ hätte sich viel mehr der weit verbreiteten Islamophobie in Schweden widmen sollen. 

Diesen Vorwurf lässt Reporterin Nadja Yllner nicht gelten: „Uns ist klar, dass der Bericht gewisse Risiken mit sich bringt, aber das an sich kann uns nun nicht davon abhalten, diese Gruppe unter die Lupe zu nehmen – oder soll sie unbeschränkte Handlungsfreiheit genießen? Sie wollen ein Teil der Gesellschaft sein und sind dies auch, und das bedeutet, dass wir sie genauso kritisch betrachten wie die Finanzwelt, die Politik oder andere religiöse Gruppen.“ 

Der Nachrichtenagentur TT zufolge ist der Islamische Verband inzwischen zurückgerudert: Nachdem sich der Vorstand den Bericht in voller Länge angesehen hat, entschied man sich zur unmittelbaren Freistellung des Stockholmer Imams. Außerdem wurde eine nähere Untersuchung des Falles eingeleitet.

Liv Heidbüchel

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