Nicht immer sind die Schüler so harmlos
Kloppe im Klassenzimmer

Gerichtsurteil: Lehrer müssen Gewalt hinnehmen

Amtgericht vergleicht Lehrer mit Polizisten
3:12 min

Schwedische Lehrkräfte müssen von Berufs wegen mit Schlägen und Tritten von aufmüpfigen Schülern rechnen. Zu diesem Schluss kommt das Amtsgericht im nordschwedischen Gällivare in einem Urteil, das derzeit für Aufsehen sorgt. Demnach bekommt der betroffene Lehrer für die ausgestandene Körperverletzung auch keinen Schadenersatz. Die Lehrergewerkschaft fordert nun verschärfte Gesetze zum besseren Schutz ihrer Mitglieder.

Der Lehrerberuf sei in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit dem Polizistenberuf, heißt es in der Urteilsbegründung. Insofern müssten Lehrer darauf eingestellt sein, dass Gewalt an der Schule vorkommen kann, erklärt der Richter am Amtsgericht Gällivare, Ingemar Taavola, im Schwedischen Fernsehen: „Natürlich müssen Polizisten und andere Sicherheitsbeamte mehr Gewalt aushalten als ein Lehrer. In diesem Falle aber handelte es sich um geringfügige Gewalt, was sich stark auf das Urteil ausgewirkt hat. Wäre eine Privatperson betroffen gewesen, hätte die Beurteilung allerdings anders ausgesehen.“ 

„Geringfügige Gewalt“ 

Schläge, Tritte und Drohungen sind demnach für das Amtsgericht geringfügige Gewalt – so man denn Lehrer ist. Haarsträubend, findet die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Lärarnas Riksförbund, Metta Fjelkner. Im Schwedischen Fernsehen sagte sie: „Das Urteil ist befremdlich. Absonderlich ist besonders die Aussage, dass Lehrer Schläge erdulden müssen. Meine Antwort ist klar: Nein, derlei Körperverletzung müssen Lehrer keineswegs akzeptieren.“ 

Der Lehrer, dessen Schadenersatzklage abgewiesen wurde, will anonym bleiben. Dem Schwedischen Fernsehen sagte er jedoch, das Urteil sei entsetzlich. Es vermittele das Bild, dass Gewalt gegen Lehrer in Ordnung sei. Auch für den Rektor der betroffenen Högalid-Schule in Kiruna, Simon Lindh, ist das Urteil nicht nachvollziehbar: „Die Lehrkräfte sind dem Schulgesetz zufolge dazu verpflichtet, für sowohl Sicherheit als auch Ruhe beim Arbeiten für alle Schüler zu sorgen. Eine Lehrkraft mit einem Sicherheitsbeamten gleichzusetzen, ist meiner Ansicht nach nicht angemessen. Dafür sind die Lehrer ja gar nicht ausgebildet.“ 

Viel einstecken bei schlechter Bezahlung 

Gewalt am Arbeitsplatz Schule ist offenbar gang und gäbe. Nach Angaben des Fernsehens sagen 30.000 der landesweit 140.000 Lehrer, dass sie schon einmal Opfer von Gewalt oder Bedrohung geworden sind. 

Überhaupt lassen sich immer weniger Schulabgänger zum Lehrer ausbilden. Wegen des schlechten Gehalts bei gleichzeitig gestiegenen Anforderungen ist der Lehrerberuf für viele unattraktiv. So verdient eine Lehrkraft der schwedischen Grundschule bis zur 9. Klasse im Durchschnitt 2.700 Euro brutto. Der Unterricht im Gymnasium zahlt sich nur wenig mehr aus: Rund 3.000 Euro brutto bekommen die Lehrkräfte dort. 

Verstärkt Sorgen macht sich auch Heléne Rundgren, die für die Lehrergewerkschaft in Kiruna die Oberaufsicht über Fragen des Arbeitsklimas hat: „Der Lehrerberuf hat schon heute mit einem Abwärtstrend zu kämpfen. Die Lehramtsstudiengänge nicht längst nicht ausgelastet. Der Lehrerberuf gilt als anstrengend, und das Urteil am Amtsgericht macht die Situation nicht gerade besser.“ 

Metta Fjelkner von der Lehrergewerkschaft kündigte an, dass sie in dieser Angelegenheit Kontakt mit der Regierung aufnehmen werde. Nun sei es am Gesetzgeber, etwas für die Lehrer zu tun. Diese Berufsgruppe brauche dringend besseren Schutz vor gewaltsamen Übergriffen seitens der Schüler, so Fjelkner.

Liv Heidbüchel

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