In deutschen Augen sexy: Lappland
Schweden lockt

Lappland auf Deutsch

"Man muss es professionell angehen"
5:54 min

Immer mehr Deutschsprachige zieht es in die Einsamkeit Lapplands. In der Gegend um Arvidsjaur und Arjeplog haben sich besonders viele Deutsche angesiedelt, allein in Arvidsjaur hat sich deren Zahl innerhalb der letzten fünf Jahre verdoppelt. In den Schulen wird Deutsch als zweite Fremdsprache gelehrt. Denn die Autotestindustrie und der Tourismus sind der zweitgrößte Arbeitgeber in der Gegend. Die meisten Touristen kommen aus Norwegen und Deutschland, weil Abenteuer in der Wildnis mit deutscher Leitung bei den Touristen sehr beliebt sind.

Jürg Eugster ist Chef für 58 Schlittenhunde, und wenn der Chef zu den Zwingern geht, strecken sich die Hunde erwartungsfroh. Zu dumm nur, dass in der schneefreien Zeit nur leichte Spaziergänge angesagt sind: die Alaskan Huskies wollen nämlich nur eins, raus und rennen. Vor sechs Jahren ist Jürg Eugster mit seiner Frau Simone aus der Schweiz nach Lappland gezogen. Sie haben einen Hof im kleinen Dorf Storberg gekauft, ungefähr 20 Kilometer von Arvidsjaur entfernt. Von dort startet das Unternehmen Wildact im Winter Schlittenhundetouren, von ein paar Stunden bis zu mehreren Tagen.

Ein Schlittenhund mit durchgehend hellbraunem Pelz  ist grad besonders aufgeregt: „Das ist Tiger, der ist ne richtige Maschine, der ist zwar etwas älter, aber der zieht richtig kräftig. Wenn man ihn im Gespann hat, merkt man das.“

Die Nähe zum Flughafen war entscheidend, um sich nahe Arvidsjaur anzusiedeln, erklärt der 37-jährige Unternehmer: „Man muss das Ganze ja professionell angehen, also mit einer Geschäftsidee hierher kommen und sich überlegen, wie man ein Einkommen kriegt, und das kommt halt über die Gäste. Und die Gäste müssen von Mitteleuropa hierher und die kommen über den Flughafen in Arvidsjaur. Die Gegend hier ist ziemlich urig, bis zur nächsten Siedlung haben wir hier 30 Kilometer Niemandsland, einfach nur Wald und Sümpfe.“

Standortfaktor Flugplatz

Drei Flüge von Stuttgart, München und Hannover gehen in der winterlichen Hochsaison jeden Montag und Freitag nach Arvidsjaur. Inzwischen fliegt auch Air Berlin nach Lappland, zuvor waren es die von Fly-Car gecharteten Maschinen, die anfangs die Autotester nach Lappland brachten und später auch Touristen. Der Flugplatz nahezu mitten in der Wildnis und die Flüge aus Deutschland sind ein Standortvorteil, den viele Deutsche zu schätzen wissen.

Auch für die Kunsthandwerkerin Uta Fransson war die Lage entscheidend, als sie vor vier Jahren mit ihrem Mann einen Hof unweit der Europastraße 45 kaufte. Die 50-Jährige hat einen kleinen Werksverkauf mit eigenem sandgestrahlten Glas. Hinter dem Haus weiden ein paar Rentiere, die im Winter vor den Schlitten gespannt werden. Ihre Zielgruppe sind Touristen, die im Winter mit dem Flieger kommen und im Sommer mit dem Wohnmobil auf dem Weg zum Nordkap sind. Macht sich bemerkbar, dass sich immer mehr Deutsche in der Gegend ansiedeln?

„In den letzten Jahren sind noch mal viele hierher gezogen, die nur mit Wintertouristen arbeiten: Hundeschlitten oder Schneescooter, durch die Direktflüge halt. Für mich persönlich macht sich das nicht so bemerkbar, obwohl...wir haben nun  einen deutschen Fleischer und einen deutschen Friseur, nur einen deutschen Bäcker haben wir noch nicht.“

Bessere Chancen durch Sprache

Begründet wurde der Deutsch-Boom vor über zwanzig Jahren mit den ersten Autotestern, die die abgeschiedene Lage am Polarkreis und die langen Winter als ideale Bedingungen für Tests von ABS und Reifen entdeckten. Bosch war die erste Firma, die sich in Arvidsjaur ansiedelte, weitere Hersteller aus aller Welt folgten und viele kleine Firmen in Arvidsjaur und Arjeplog haben sich zum Beispiel auf das Präparieren der Eispisten spezialisiert.

An der Grundschule Fridhelmskola unterrichtet Katarzyna Carlson seit 12 Jahren deutsch.

 „Ich, du, er, sie, es...ich darf...du darfst.“  Die elfköpfige Gruppe der achten Klasse paukt gerade die Modalverben, die deutsche Grammatik macht ihnen etwas zu schaffen. In Arvidsjaur lernen 60 Prozent der Schüler Deutsch als zweite Fremdsprache nach Englisch, das liegt weit über dem schwedischen Durchschnitt von 20 Prozent, die Lehrerin freut das natürlich:

„Deutsch ist nun mal die erste Fremdsprache hier in Arvidsjaur und der Umgebung. Und es gibt viele Deutsche, die hier wohnen, das ist nur gut für uns, weil wir auch Deutsche in die Schule einladen können. Und dann die Charterflüge, ich bin selbst auch Guide und sage deshalb immer zu den Kindern: die deutsche Sprache, das lohnt sich.“

Gleichwohl bekümmert die gebürtige Polin, das ihren Schülern zuweilen die Motivation für das Deutsch-Lernen fehlt. Es erfordert einigen pädagogischen Einsatz, um die Hilfsverben zu erklären. Doch bei einigen ist auch angekommen, dass Deutsch in Arvidsjaur nur Vorteile auf dem Arbeitsmarkt bringt, wie beim 15-jährigen Simon Alsenhag:

„Naja, wenn man Naturguide werden wollte, mit dem Scooter, dann wäre deutsch schon gut.“

Zuwachsbranche Tourismus

Deutsch muss natürlich auch können, wer im Touristenbüro in Arvidsjaur arbeitet. Die Umsätze der Tourismusbranche haben sich in den letzten Jahren auf umgerechnet 20 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Der Deutsch-Boom hat die Gegend abgeschiedene Gegend im Inland nur belebt, erklärt Tourismuschef Peter Manner:

„Allgemein ist ja der Trend im schwedischen Inland, dass die Bevölkerung wie überall in der Welt, in die Städte geht. Aber hier haben wir zum Teil auch dank der Autotester eine positive Entwicklung und eine Gesellschaft mit guter Infrastruktur und gutem Service.“

Katja Güth

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".