Beliebtes Urlaubsziel der Schweden: Berlin (Foto: Markus Schreiber/AP)
„Sommarstängd"

Schwedens Urlauber werden flexibler

"Winterreisen sind der stärkste Trend"
3:45 min

Juli ist gleich Urlaub: Kaum eine Regel war jahrzehntelang  in Schweden so verlässlich wie diese. Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen muss es nicht mehr unbedingt der Juli sein.

„Sommarstängt“ – Wegen Sommer geschlossen. Schilder mit dieser Botschaft beim Arzt, in Geschäften oder Restaurants sind noch immer selbstverständlicher Teil des schwedischen Sommers. Doch in den letzten Jahren ist ihre Zahl markant zurückgegangen, vor allem im Juli, der jahrzehntelang als wichtigster Urlaubsmonat galt. Martin Durnik vom Reiseunternehmen Ticket bestätigt einen Trend: Schwedische Urlauber können inzwischen auch anderen Zeiten des Jahres Erfreuliches abgewinnen . „Immer mehr reisen außerhalb des Sommers“, so Durnik. „Besonders der Winter ist zu einer attraktiven Reisezeit geworden. Aber auch für Frühjahr und Herbst sehen wir ein gewachsenes Interesse.“ Neben dem Aufsparen von Urlaub für Frühjahr, Herbst und Winter zeigt sich ein weiterer Trend: Man wird auch innerhalb des Sommers flexibler, so wie dies in Süd- und Mitteleuropa seit langem üblich ist. „Viele nehmen im Juli nur noch einen kurzen Urlaub “, sagt Martin Durnik. „Stattdessen verlegt man ein paar Wochen in den Früh- oder Spätsommer, in den Juni oder den August.“ Eine Tendenz, die schwarz auf weiß belegt ist: Laut Statistischem Zentralamt nahm der Durchschnittsschwede im Jahr 1990 erst 12,5 Prozent seines Jahresurlaubs im August. Zwanzig Jahre später, 2010, war es mit 22,1 Prozent schon fast doppelt so viel. Gleichzeitig gingen die Juli-Urlaubstage um fünf Prozent zurück.


Städtereisen, Thailand - und Karibik

Das Aufteilen der arbeitsfreien Wochen in Sommer- und Winterurlaub ist laut dem Reisefachmann gleichwohl der deutlichste Trend. „In den vergangenen zwei Jahren haben dabei vor allem Städtereisen, Reisen über verlängerte Wochenenden, enorm zugelegt“, so Martin Dunrik. Neben der Nummer Eins New York locken vor allem Europas Großstädte, mit Berlin unter den Top 10. Daneben ist und bleibt Thailand für verfrorene Schweden ein Favorit, gefolgt von den Kanarischen Inseln und – als wachsendem Magnet – die Karibik.

Dass die traditionellen Industrieferien auf dem Weg in die Vergessenheit sind, bestätigt die Historikerin Lena Eskilson, die an der Universität Umeå zu Urlaubsgewohnheiten forscht. Laut Eskilson wird der Begriff zwar immer noch verwendet, hat aber immer weniger Bedeutung - schließlich mache die Industrie auch nicht mehr einen Monat lang dicht. Gleichwohl bestehe die „Kultur des Sommerurlaubs“ fort . Das wird jeder bestätigen können, der in den Sommermonaten das zweifelhafte Vergnügen hatte, mit Schwedens Gesundheitswesen in Kontakt zu kommen. Warnungen vor lebensgefährlichen Bedingungen für Patienten aufgrund von Personalmangel gehören zum schwedischen Sommer wie Mücken und Regen. Patientensicherheit hin oder her: Das schwedische Menschenrecht auf Sommerurlaub geht allemal vor. Schließlich hatte man schon 1938, als das Land zwei gesetzliche Urlaubswochen einführte, vor allem die sommerliche Erholung der Arbeitskräfte im Blick. Inzwischen haben die Schweden fünf Wochen Urlaub, und angesichts der Wetterlage dürfte wohl auch in diesem Jahr das Fernweh eine wichtige Rolle spielen.

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