Der neue Chef: Kai Johan Jiang leitet neben einem chinesischen Energiekonzern nun auch ein schwedisches Autounternehmen. (Foto: Scanpix)
Saab-Verkauf

Trollhättan unter Strom

5:09 min

Der insolvente Autohersteller Saab wird an das Unternehmen National Electric Vehicle Sweden (Nevs) verkauft. Das bestätigte Konkursverwalter Hans Bergqvist auf einer Pressekonferenz am Mittwochnachmittag. Den Kaufpreis gaben die Verwalter nicht bekannt, nach übereinstimmenden Medienberichten soll das letzte Angebot jedoch rund 200 Millionen Euro betragen haben. Nevs plant die Umstellung der Produktion am Standort Trollhättan auf Elektroautos.

Schon seit vergangenem Donnerstag fehlte nur noch die offizielle Bestätigung. Bereits vor sechs Tagen berichtete der Schwedische Rundfunk, dass der Verkauf von Saab offenbar klar sei. Doch erst am heutigen Mittwochnachmittag trat Konkursverwalter Hans Bergqvist vor die Presse und verkündete „mit Freude und nicht ohne Stolz“ den Namen: National Electric Vehicle Sweden, kurz: Nevs. Doch viele Fragen bleiben. Zunächst einmal: Wer verbirgt sich dahinter? Das Unternehmen wurde erst im Mai gegründet mit dem ausdrücklichen Ziel, die Konkursmasse von Saab aufzukaufen.

Nevs gehört Investitionsgesellschaften aus Hongkong und Japan. Geschäftsführer Jiang und der Chef des Verwaltungsrats, Karl-Erling Trogen, kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei der Lastwagensparte von Volvo. Für Jiang ist Nevs nicht die einzige Firma: Er leitet unter anderem ein chinesisches Energieunternehmen, dessen Mutterfirma wiederum die gleiche Investitionsgesellschaft aus Hongkong ist wie bei Nevs. Kurz gesagt: Hinter Nevs stehen gut vernetzte Männer, denen es gelungen ist, den chinesischen Konkurrenten Youngman auszustechen. Laut Konkursverwalter war Youngmans Finanzierung unklar.

Sinneswandel beim schwedischen Staat

Dennoch: Die Chinesen haben Medienberichten zufolge das höhere Angebot vorgelegt und zudem angekündigt, die Ersatzteilsparte Saab Parts zu übernehmen – für den schwedischen Staat als Gläubiger lange Zeit eine unbedingte Voraussetzung. Bis vor wenigen Tagen, als Bo Lundgren, Chef der Staatlichen Schuldenbehörde, vor die Presse trat. Es sei nicht nur denkbar, dass der schwedische Staat noch mehrere Jahre lang das Ersatzteilunternehmen führen wird. Das Ganze sei sogar schon längst geplant:

„Es gab von Anfang an eine Perspektive von sieben, acht Jahren. Denn es gibt 1,5 Millionen Saab-Autos, die Ersatzteile brauchen. Es geht darum, Gewinne zu erwirtschaften, und das dauert. Es ist möglich, dass wir das Unternehmen auch früher verkaufen, aber das werden wir sehen.“

Noch keine konkreten Job-Aussagen

Eine weitere Frage: Können sich die früheren Saab-Angestellten Hoffnung auf neue Jobs in Trollhättan machen? Nevs plant bis spätestens 2014 die Entwicklung eines Saab 9-3 mit Elektroantrieb, danach soll in Trollhättan ein strombetriebener japanischer Kleinwagen entstehen. Einen Markt versprechen sich die Unternehmer vor allem in den USA und Asien. Die Angaben auf der Pressekonferenz waren vage. Verwaltungsratschef Trogen sagte, man brauche einige hundert Mitarbeiter. Håkan Skött, früherer Vorsitzender der Metallgewerkschaft bei Saab, zeigt sich verhalten optimistisch:

„Es ist ein gutes Gefühl, dass dieses Geschäft endlich auf dem Weg ist. Aber wir müssen sehen, was das für die Angestellten bedeutet. Natürlich eröffnet das Chancen und ist eine Erleichterung für den Arbeitsmarkt in der Region.“

Ebenso ungewiss ist, was der Saab-Verkauf für die schwedische Automobilbranche bedeutet. Es gibt durchaus Zweifel an den Erfolgsaussichten. Der Saab 9-3, der auf Stromantrieb umgerüstet werden soll, ist ein Mittelklassewagen. Wegen der geringen Reichweite verkaufen sich Elektroautos bislang jedoch fast nur in Städten, und dort werden Kleinwagen bevorzugt.

„So dumm, wie ich es selten erlebt habe“

Kritik kommt von Seiten der Zulieferer. Für den Vorsitzenden ihres Interessenverbands, Fredrik Sidahl, sind die Pläne von Nevs eine Enttäuschung:

„Will man Elektroautos in Trollhättan bauen, ist das für unsere Industrie unglücklich. Das verspricht kaum größere Aufträge. Wir hatten gehofft, dass ein Käufer die Produktion bestehender Modelle fortsetzen würde, was ja möglich gewesen wäre, und dann andere Modelle bauen würde, so dass es Zulieferaufträge in nennenswertem Ausmaß gegeben hätte.“

Zudem rechnet Sidahl nicht damit, dass die neuen Besitzer für die alten Schulden von Saab bei den Zulieferern aufkommen würden. In der Branche ist die Kritik an Nevs geradezu vernichtend. Lars Holmqvist, früherer Chef der europäischen Autozulieferervereinigung Clepa, sagte der Tageszeitung Dagens Industri, er könne nicht verstehen, wie man von null an die Produktion von Stromfahrzeugen planen könne. Er verwies auf Volvo, das an seinem Standort in Hisingen bei Göteborg mit der Entwicklung von Elektroautos schon recht weit sei und trotzdem noch keine Wagen zur Massenproduktion fertig habe. Wenn er ehrlich sein solle, so Holmqvist wörtlich, dann sei dieses Konsortium so dumm, wie er es selten erlebt habe.

Jan Kröger

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